Ein Schwangerschaftsabbruch ist laut Paragraf 218 StGB in Deutschland strafbar. Er bleibt straffrei, wenn die ungewollt schwangere Person einen Termin bei einer Pflichtberatung wahrnimmt, zwischen dieser und dem Eingriff drei Tage liegen und der Abbruch innerhalb der ersten zwölf Schwangerschaftswochen stattfindet. Doch immer weniger Ärzt:innen in Deutschland führen überhaupt Schwangerschaftsabbrüche durchSeit wenigen Wochen gibt es ein Pilotprojekt von Doctors for Choice, dem Berliner Familienplanungszentrum Balance und pro familia Berlin, das einen medikamentösen Abbruch online zu Hause ermöglicht. Jana Maeffert arbeitet seit mehr als 20 Jahren als Gynäkologin und ist eine der Videoärzt:innen des Projekts. Von wem wird es wahrgenommen? 

ze.tt: Bei Pillen, die für einen Schwangerschaftsabbruch nach Hause verschickt werden, denke ich zuerst an ungewollt schwangere Menschen in Ländern, die Abbrüche stark kriminalisieren – und für die das oft die letzte Hoffnung ist. Warum braucht es ein solches Angebot in Deutschland? 

Jana Maeffert: Stimmt, solche Pillen zu verschicken, haben wir nicht erfunden. Das tun Organisationen wie Women on Web seit mehr als 15 Jahren in Ländern, die sehr restriktive Gesetze zu Schwangerschaftsabbrüchen haben. Seit 2019 reagiert die NGO aber auch auf Anfragen aus Deutschland – zum Beispiel von illegalisierten Migrant:innen, Frauen in gewalttätigen Beziehungen, aber auch von Menschen, die sich einfach Privatsphäre wünschen. Der Bedarf ist also da. Als die Corona-Pandemie dann die Lage für ungewollt Schwangere noch mal verschärft hat – zum Beispiel weil Praxen geschlossen hatten –, haben wir uns gesagt: Jetzt ist der Zeitpunkt, in Deutschland ein legales Angebot für medikamentöse Abbrüche zu Hause zu schaffen. 

ze.tt: Was erwartet eine Person, die sich bei Ihnen meldet? 

Maeffert: Wenn die Voraussetzungen telefonisch geklärt sind, vereinbaren wir den ersten Videotermin. Dafür müssen Sie sich bei einem datensicheren Kommunikationsdienst registrieren und einige Dokumente hochladen: Personalausweis, Gesundheitskarte, Ultraschallbild, eine Bescheinigung, dass sie bei einer Pflichtberatung waren und einen ausgefüllten Anamnesebogen. Beim ersten Termin mit einer der Ärztinnen erklären wir den Ablauf: Ein medikamentöser Abbruch ist eine ausgelöste Fehlgeburt. Es wird also eine Blutung geben und es können auch Schmerzen und Übelkeit auftreten. Im Anschluss schicken Sie uns letzte Unterlagen unterschrieben per Post zu und wir Ihnen dann das Paket mit den Medikamenten. Beim zweiten Videotermin nehmen Sie die erste Tablette ein, die zweite Tablette dann zwei Tage später selbstständig. 

ze.tt: Wer sind die Personen, die Ihr Angebot in Anspruch nehmen? 

Maeffert: Bisher haben wir rund 50 Abbrüche durchgeführt, die Hälfte unserer Patient:innen kommt aus Bayern. Das zeigt, wie schlecht unter anderem in dieser Region die Versorgungslage ist. Es gibt dort kaum Ärzt:innen, die Schwangerschaftsabbrüche machen. Wer in Niederbayern in einer Kleinstadt wohnt, muss mitunter sehr weit fahren. Mehr als die Hälfte der Menschen, die einen Abbruch wollen, haben außerdem schon Kinder. Für sie ist es nicht so einfach, einen Tag unterwegs zu sein, um in eine weit entfernte Klinik zu fahren. Unser Angebot ist für sie praktischer. Immer wieder hören wir von Patient:innen, dass sie bereits mehrere Praxen abtelefoniert haben, die alle keine freien Termine hatten. Eine Frau erzählte mir kürzlich, dass ihre Gynäkologin sogar zu ihr meinte, sie könne das Kind doch ruhig kriegen.  

Schwangerschaftsabbrüche gehören einfach zu diesem Beruf dazu, egal wie ich sie persönlich bewerte. Diese Einstellung vermisse ich bei vielen Kolleg:innen.
Jana Maeffert

ze.tt: Seit 2003 hat sich laut dem Statistischen Bundesamt die Anzahl der Praxen und Kliniken, die Schwangerschaftsabbrüche durchführen, fast halbiert. Wie kommt das?  

Maeffert: Es gibt Untersuchungen aus den Neunzigern, die zeigen, dass die Mehrheit der Ärzt:innen damals Abbrüche ohne Nennung von Gründen bis zu einer bestimmten Frist befürwortete. Viele in dieser Generation haben noch illegale Schwangerschaftsabbrüche erlebt und ungewollt Schwangere deshalb sterben sehen. Heute führen nur zwischen zehn und 20 Prozent der Gynäkolog:innen den Eingriff durch. Das gesellschaftliche Stigma ist einfach sehr hoch, gerade in ländlichen Gebieten. In bestimmten Regionen spielen sicherlich auch Abtreibungsgegner:innen eine Rolle, die vor Praxen stehen. Und es kann auch mit an der Bürokratie liegen: Jeder Abbruch muss gemeldet werden, die Abrechnung bei den Krankenkassen ist etwas komplizierter als bei anderen Untersuchungen. Ich glaube, viele Ärzt:innen sind da zu bequem. In der Ausbildung lernt man außerdem nur wenig darüber – vor allem nicht über den medikamentösen Abbruch, der in Deutschland vergleichsweise selten angewendet wird. Viele können das schlicht nicht. Das ist aber auch eine Frage der Einstellung. 

ze.tt: Inwiefern? 

Maeffert: Im Medizinstudium und in der Facharztausbildung lernt man auch andere Dinge nicht, zum Beispiel die Auswahl der richtigen Pille oder Spiralen zu legen. Sie werden sich in der Praxis aber irgendwann damit befassen müssen – spätestens, wenn eine Person zu ihnen kommt und danach fragt. Bei Schwangerschaftsabbrüchen ist es irgendwie akzeptiert, wenn ein:e Gynäkolog:in es ablehnt, sie zu machen. Dabei gehören Schwangerschaftsabbrüche einfach zu diesem Beruf dazu, egal wie ich sie persönlich bewerte. Diese Einstellung vermisse ich bei vielen Kolleg:innen.  

ze.tt: In Großbritannien wurde im April 2020 aufgrund der Pandemie der medikamentöse Abbruch zu Hause bis zur einschließlich zehnten Schwangerschaftswoche ermöglicht. Was wissen Sie über Erfahrungen, die damit dort gemacht wurden? 

Maeffert: Es gibt dazu eine erste Studie: 30.000 Patient:innen, die einen medikamentösen Abbruch mit telemedizinischer Begleitung zu Hause hatten, wurden mit 20.000 Patient:innen abgeglichen, die vorher zu einer Untersuchung in eine Praxis kamen. Eines der Ergebnisse: Der Abbruch zu Hause ist genauso sicher. Starke Blutungen treten bei einem medikamentösen Schwangerschaftsabbruch ohnehin nur sehr selten auf, in weniger als einem von 1.000 Fällen. Diese Methode ist extrem sicher. Trotzdem ist bei unserem Projekt verpflichtend, dass bei der Einnahme des zweiten Medikaments eine vertraute Person dabei ist, die im Notfall Hilfe holen kann. Ein zweites Ergebnis war, dass die Abbrüche im Mittel ein paar Tage früher waren und die Betroffenen insgesamt sehr zufrieden mit der Betreuung waren.

ze.tt: Wie erleben Sie die Patient:innen bei der Betreuung per Video? 

Maeffert: Am Anfang oft viel gestresster, als andere ungewollt Schwangere, die ich sonst in Berlin behandle – vor allem die aus Bayern haben meist schon eine lange, erfolglose Suche hinter sich. Sie sind im Nachhinein besonders dankbar. Viele haben ihre:n Partner:in dabei, manche auch eine Freundin.

Mein Wunsch wäre, dass bundesweit jede ungewollt schwangere Person selbst und frei entscheiden kann, wie, wo und mit welcher Begleitung sie ihre Schwangerschaft beendet. Davon sind wir noch weit entfernt.
Jana Maeffert

ze.tt: Wie ist diese Videosituation für Sie als Ärztin?  

Maeffert: In der Praxis trage ich Maske, was viel Distanz schafft und es manchmal schwierig macht, an die Patient:innen heranzukommen. Außerdem waren Begleitpersonen während der Pandemie nicht erlaubt. Die Videogespräche führe ich zum Teil auch von zu Hause. Da merke ich oft, dass sehr schnell eine vertraute Stimmung entsteht. Die Patient:innen sind in der Regel an einem für sie geschützten Ort, ich lerne oft die Partner:innen kennen und bekomme so ein besseres Gefühl dafür, wie es der Person geht und ob sie sicher ist. Andersherum können auch sie mich in meinem häuslichen Umfeld erleben. Wenn im Hintergrund meine Katze durchs Bild läuft, schafft das Vertrautheit und Nähe. Für Fälle von häuslicher Gewalt wissen wir aus der Forschung zur Telemedizin und auch aus der Psychotherapie, dass es Betroffenen manchmal sogar leichter fällt, sich im geschützten Rahmen eines Videogesprächs anzuvertrauen als in einer Praxis. Und es ist für sie auch meist leichter, einen 15-minütigen Termin per Video wahrzunehmen, als für einen Praxisbesuch mehrere Stunden das Haus zu verlassen.  

ze.tt: Kann das telemedizinische Angebot eine langfristige Lösung für die prekäre Versorgungssituation in manchen Regionen sein?  

Maeffert: Ganz klar: Nein. Mein Wunsch wäre, dass es eine Möglichkeit unter vielen ist und dass bundesweit jede ungewollt schwangere Person selbst und frei entscheiden kann, wie, wo und mit welcher Begleitung sie ihre Schwangerschaft beendet. Davon sind wir noch weit entfernt. Für manche ist die telemedizinische Betreuung und auch die medikamentöse Methode überhaupt nicht das Richtige und darf nicht die Notlösung sein. Es darf die Bundesländer nicht von ihrer Verpflichtung entbinden, für eine ausreichende Versorgung zu sorgen. Denn das müssen sie laut Schwangerschaftskonfliktgesetz.

ze.tt: Sie verweisen auf Ihrer Website darauf, dass Ihr Projekt legal ist, auch der Berufsverband der Frauenärzte e. V. bestätigt das. Inwiefern sind Sie rechtlich abgesichert? 

Maeffert: Es gibt den weniger bekannten Paragrafen 219b, der das Inverkehrbringen von Mitteln zum rechtswidrigen Abbruch einer Schwangerschaft unter Strafe stellt. Wir führen aber keine rechtswidrigen Schwangerschaftsabbrüche durch. Die Frauen müssen bei uns einen Schein von einer Beratungsstelle, zum Beispiel pro familia, vorlegen und uns schriftlich bestätigen, dass sie wissen, dass sie sich strafbar machen, wenn sie die von uns verschickten Pillen an eine andere Person weitergeben. Die Bundestagsabgeordnete der Grünen Kirsten Kappert-Gonther hatte außerdem im November 2020 eine Anfrage an das Bundesgesundheitsministerium gestellt, ob es Bestrebungen gibt, den medikamentösen Abbruch mit telemedizinischer Begleitung wie in Großbritannien auch in Deutschland zu ermöglichen. Die Antwort war, dass das nicht notwendig sei – weil dieser hier bereits möglich sei. Trotzdem können wir nie sicher sein, ob uns nicht doch jemand anzeigt. Noch ist bei uns aber nichts eingegangen.  

ze.tt: Haben Sie sonst bei Ihrer Arbeit mit Abtreibungsgegner:innen zu tun?  

Maeffert: Bisher haben wir weder Drohmails noch Anrufe erhalten. Seit Kurzem stehen aber vor dem Familienplanungszentrum immer wieder Abtreibungsgegner:innen. Es ist sehr beunruhigend für uns, dass das jetzt selbst hier in Berlin passiert. Ihre Lobby wird immer mächtiger und ist sehr gut finanziert. Für die Betroffenen sind diese Gehsteigbelästigungen sehr belastend und in einigen Ländern richtigerweise verboten.

ze.tt: SPD, Grüne und FDP wollen in dieser Woche ihren Koalitionsvertrag vorlegen. Was erwarten Sie von einer potenziellen Ampel-Regierung in Bezug auf die rechtliche Regelung von Schwangerschaftsabbrüchen? 

Maeffert: Die Streichung der Paragrafen 218 und 219 – zumindest für 219a rechne ich auch fest damit. Darauf darf sich eine neue Regierung aber nicht ausruhen oder es als großen Erfolg verkaufen. Das ist längst überfällig und nichts, was großen Applaus verdient. Ich hoffe sehr, dass sich die kommende Koalition auch an den Paragrafen 218 herantraut und überlegt, wie Schwangerschaftsabbrüche anders geregelt werden können als im Strafgesetzbuch neben Mord und Totschlag. Da gehören sie einfach nicht hin. Man könnte sich zum Beispiel an Neuseeland orientieren. Dort sind Schwangerschaftsabbrüche seit 2020 legal.