Am Dienstag berichtete der Sänger Gil Ofarim auf Instagram, dass er an einer Hotelrezeption aufgrund seines Davidsterns abgewiesen worden sei. Das Video ging viral. Es folgten lautstarke Empörung und Solidaritätsbekundungen. Diese sind sicherlich gut gemeint. Doch stellt sich für viele Jüdinnen:Juden die Frage: Wie kann es sein, dass ein solcher Vorfall dermaßen schockiert?

Häufig nimmt die Mehrheitsgesellschaft Antisemitismus so wahr: als eine bedauerliche Anzahl von Einzelfällen. Die meisten dieser Vorfälle werden nur dann wahrgenommen, wenn Antisemitismus in akute Gewalt gegen jüdische Menschen ausartet – wenn überhaupt. Für jüdische Menschen hingegen handelt es sich nicht um einen Flickenteppich vereinzelter Vorkommnisse. Sie nehmen Antisemitismus im Alltag eher als ein Grundrauschen wahr: In Form von Äußerungen, Blicken, Behauptungen, die mal direkt, mal indirekt an jüdische Menschen adressiert werden. Auch in Form des Unbehagens, das sich in Räumen verbreitet, sobald das Wort "Jude" fällt. Gil Ofarim sagte selbst in einem Interview: Es sei nicht das erste Mal, dass ihm Antisemitismus widerfahre, und das, was ihm widerfahren sei, sei Alltag für jüdische Menschen in Deutschland. 

Dieses Grundrauschen, das Jüdinnen:Juden beschreiben, ist in zahlreichen Studien empirisch belegt, durch die europaweite Umfrage der Fundamental Rights Agency oder die Falldokumentationen der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus. Dass die Existenz dieses Grundrauschens keine Empörungswelle auslöst, großteils sogar ignoriert wird, zeigt, wie wenig Antisemitismus in seiner Wirkungsweise verstanden wurde – und wie wenig nicht jüdische Menschen über das Leben der jüdischen Gemeinschaft wissen.

Antisemitisch sind immer die anderen

Jüdische Menschen befinden sich nach Vorfällen wie dem im Leipziger Hotel in einem Zwiespalt. Denn einerseits ist es ihnen wichtig, dass ihre Perspektiven sichtbar gemacht werden und Gehör finden – auch wenn es ermüdet, ständig mit einer Opferrolle assoziiert zu werden. Gleichzeitig irritiert viele die Dramatik, mit der der Fall Gil Ofarim diskutiert wird. Er hat es sogar auf die Seite der CNN geschafft. Zeigt sich nicht gerade in dieser pompösen Empörung, wie desinteressiert die Gesellschaft eigentlich an jüdischen Lebensrealitäten und Alltagserfahrungen ist? 

Die dramatischen Einzelfallerzählungen macht es Nichtbetroffenen leicht, zu behaupten, dass das Problem nichts mit ihnen zu tun habe. Das beste Beispiel lieferte das Leipziger Hotel selbst: Zunächst veröffentlichte man ein Statement, in dem es hieß, man sei besorgt über den Vorfall – das Wort Antisemitismus fiel nicht. Später stellten sich Mitarbeitende mit einem Banner, das die Israelflagge und den islamischen Halbmond zeigte, vor das Hotel. 

Selbstverständlich geht der Fall Gil Ofarim auch vielen deshalb nahe, weil sie gar keine jüdischen Personen im Alltag kennen. Erst durch öffentlichkeitswirksame Fälle können sie einen emotionalen Bezug dazu herstellen, dass Judenhass auch heute noch sehr real ist. Dennoch stellt sich nach jedem Vorfall die Frage, ob die Betroffenheit in eine tatsächliche Auseinandersetzung darüber resultiert, wie tief antisemitisches Denken in allen gesellschaftlichen Milieus verankert ist – häufig auch in einem selbst.  

Auch nach dem Terroranschlag in Halle 2019 war der Schock groß. Für die jüdische Gemeinschaft war er eine traurige Bestätigung, dass Sicherheitsmaßnahmen vor jüdischen Einrichtungen notwendig sind. Vonseiten der Mehrheitsgesellschaft gab es – wie derzeit auch – aktionistische Solidaritätsbekundungen. Verändert hat sich seitdem wenig. Zwei Jahre später wäre es mutmaßlich zum nächsten Anschlag am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur auf die Synagoge in Hagen gekommen. Verhindert wurde er durch ausländische Geheimdienste. Auch das Grundrauschen ist nicht leiser geworden. 

Antisemitismus - Schuld sind immer die anderen In der Corona-Pandemie erfahren uralte Ideologien einen Aufschwung. Michael Blume versucht dem als Antisemitismusbeauftragter in Stuttgart etwas entgegenzusetzen. © Foto: Fabian Sommer/picture alliance/dpa

Das Grundrauschen bleibt

Einen Davidstern zu tragen, bedeutet heute für jüdische Menschen Unterschiedliches: Für manche ist es ein Akt der Selbstbestimmung, eine Sichtbarmachung ihrer Identität. Für andere ist es ein Glaubensbekenntnis. Doch egal aus welchen Gründen der Davidstern getragen wird: Es ist ein Statement, obwohl es das nicht sein sollte. Viele nehmen ihn als Provokation wahr, für jüdische Personen birgt das Tragen das Risiko, in eine Konfliktsituation zu geraten. Es gibt keinen antisemitismusfreien Raum in Deutschland – auch wenn es seit 1700 Jahren jüdisches Leben in Deutschland gibt. Antisemitismus bleibt dabei jedoch in den meisten Fällen das Problem der anderen. Wer aber nicht versteht, dass sich Antisemitismus dem Zeitgeist und dem Milieu anpasst, versteht auch nicht, warum es ihn immer noch gibt, und zwar in jedem gesellschaftlichen Milieu. Dass er auch eine gesellschaftliche Funktion hat, für die es Jüdinnen:Juden als Projektions- und Konfrontationsfläche gar nicht braucht. 

Als ich in die jüdische Schule eingeschult wurde, wusste ich, warum die Fenster aus Panzerglas waren. Ich bin aber auch mit dem Bewusstsein aufgewachsen, dass man als jüdische Person Popstar werden kann, ohne dass die Facette des Jüdischseins eine vordergründige Rolle spielen muss. Für mich als Heranwachsende, die Castingshows schaute, sich Poster in ihrem Zimmer aufhängte und Bravo-Hits-Compilations hörte – genauso wie die meisten anderen Kinder in meinem Alter eben auch – bedeutete es mir etwas, zu wissen, dass jüdische Menschen wie Gil Ofarim in der Unterhaltungsbranche repräsentiert waren. Heute weiß ich: Du kannst zwar in Deutschland jüdisch sein und alles werden. Aber das Grundrauschen wird bleiben, auch wenn es außer uns meistens niemand hören will.