Jamil Ahmadi* sitzt in der Falle. Wenn es der Empfang zulässt, erreicht man ihn auf seinem Telefon. "Das Reden kostet mich viel Kraft", sagt er. Aber er muss reden, um vielleicht doch etwas in Deutschland zu erreichen – in dem Land, das ihm eine Zukunft versprach und ihm dann alles nahm. So sieht er das. Wenn er sich aufrappelt und zum Fenster der Dreizimmerwohnung schleppt, die er sich mit seinen Eltern und seinem Bruder teilt, schaut er hinunter auf eine schmale Straße in einem ruhigen Wohnviertel. Friedlich ist es, aber wie lange noch? Es ist Freitag, der 10. September, in Kabul. Vor 26 Tagen haben die Taliban Afghanistan übernommen. Für sie ist Jamil ein Verräter.

2015 floh er nach Deutschland. "Ein Leben in Kabul wurde zu gefährlich, ständig Explosionen, Schüsse und Attentate", sagt er. In Berlin fand er Freund:innen, einen Job und Hoffnung auf eine sichere Zukunft. Das änderte sich am Abend des 5. April 2017. Jamil wurde von einer Gruppe Männer zusammengeschlagen. Scheinbar aus rassistischen Gründen. Unter ihnen: ein Polizist. Bis heute hat sich Jamil nicht davon erholt. Er leide unter chronischen Kopfschmerzen, erzählt er. Fühle sich kraftlos und depressiv.

Spricht man mit Jamil und seinen Wegbegleiter:innen, wird klar, dass er in Deutschland gut integriert war und der Angriff ein heftiger Einschnitt in sein Leben. Bevor in einem Gerichtsprozess geklärt werden konnte, was geschah, wurde Jamil nach Afghanistan abgeschoben. Nun fordern Politiker:innen der Linken, Grünen und SPD in einem offenen Brief Jamils Rückholung. Sie sehen einen direkten Zusammenhang zwischen dem mutmaßlich rassistischen Angriff und Jamils Leidensweg. Trägt Deutschland eine Verantwortung für sein Schicksal?

Job, Freund:innen, Bundesfreiwilligendienst

"Frisch, lebensfroh, wie so ein junger Mann eben ist, der in ein neues Land kommt. Ein sprühender Mensch war er", erinnert sich Nina Hofeditz, Leiterin eines Kreuzberger Kindergarten. Kurz nach Jamils Ankunft 2015 lernte sie ihn kennen, als sie im OSZ, einer Sammelunterkunft für Geflüchtete in Berlin-Kreuzberg, aushalf. "Der hat sich überall eingebracht und war aufmerksam", sagt sie. Das sei ihr aufgefallen. Schnell vertrauten sie einander und Jamil begann in Hofeditz' Kindergarten auszuhelfen. Die Kinder liebten ihn. Bilder zeigen, wie er damals mit ihnen Filme schaute, sie auf seinem Arm einschliefen oder er sich mit ihnen im Sand einbuddelte. Ein Jahr später absolvierte er dort einen Bundesfreiwilligendienst und für Nina Hofeditz wurde er so etwas wie ein neues Familienmitglied. "Wenn wir im Urlaub waren, hat er in unserer Wohnung gewohnt", sagt sie.

Jamil: "Das war die beste Zeit meines Lebens. Schon in Afghanistan träumte ich davon, mit Kindern zu arbeiten. Im Kindergarten haben wir viele Bilder gemalt und an den Wochenenden habe ich sie manchmal gebabysittet, wenn ihre Eltern verreist waren. Sie haben mir alle wirklich vertraut." 

Am 5. April 2017 ist Jamil auf dem Weg zu einem Freund in Ost-Berlin. Am S-Bahnhof Karlshorst trifft er gegen 21 Uhr auf betrunkene Fußballfans, die aus dem nahen Stadion kommen. Sie sollen Jamil beleidigt haben: "Scheißausländer! Verpiss dich aus Deutschland!" So schildern es Zeug:innen später vor Gericht, berichten Kolleg:innen der ZEIT. "Jamil war stolz. Er war keiner, der den Kopf direkt eingezogen hat", sagt Hofeditz. Ein Streit bricht aus. Zwei Täter beginnen auf ihn einzuschlagen. Jamil versucht sich zu schützen, dann mischt sich Stefan K. ein, der zuvor nur daneben stand. K. ist Polizist, der sich zu dem Zeitpunkt nicht im Dienst befindet. Er soll Jamil gegen eine Wand gedrückt und zugeschlagen haben. Zeug:innen sprechen von "Gewalt wie im Film". Im Krankenhausbericht wird später stehen: Hämatome, Prellungen, Verdacht auf Nasenbeinfraktur.

Jamil: "Ich bin weggerannt auf die andere Straßenseite und habe mich hinter einem Haus versteckt. Meine Nase hat geblutet, mein T-Shirt war zerrissen, meinen Geldbeutel hatte ich verloren. Dann kam die Polizei, jemand muss sie gerufen haben. Ich bin aus meinem Versteck gekommen und habe gesehen, dass meine Angreifer mit den Polizisten herumstanden. Sie haben sich unterhalten, es wirkte freundlich. Stefan K. hat gelacht und geraucht. Damals wusste ich noch nicht, dass er ein Polizist war. Ich dachte mir: Was passiert hier, der hat mich doch angegriffen. Nur eine Polizistin war nett zu mir, sie brachte mir eine Decke gegen die Kälte. Die anderen haben mich kaum beachtet. Da habe ich mich gefühlt, als sei ich als Geflüchteter in Deutschland nichts wert."

Nach dem Angriff war Jamil nicht mehr derselbe

Der Vorfall soll Jamils Leben radikal verändern. Hofeditz nennt diese Zeit den Beginn seiner dunklen Seite. In den Wochen danach bekommt sie von Jamil kaum ein Lebenszeichen. Die wenigen Male, die sie ihn sah, war er aufgekratzt und redete durcheinander. "Er wurde paranoid, hatte Angst vor allem, was eine Uniform anhatte, und dachte, dass ihn die Polizei umbringen wird", sagt sie. Sein Vertrauen in die Welt schien zerrüttet.

Zur selben Zeit wurde Jamils Asylantrag abgelehnt, da seine Flucht 2015 ihn durch Griechenland geführt hatte, wo er erstmals in der EU registriert worden war. Er hätte Widerspruch einlegen können, "mit dem Bundesfreiwilligendienst im Rücken wahrscheinlich sogar mit guten Chancen", meint Hofeditz. Aber Jamil hatte sein Vertrauen in den deutschen Staat verloren, wollte einen Neuanfang in einem anderen EU-Land versuchen. Über Italien und Frankreich floh er nach England und lebte dort mindesten zehn Monate. "In dieser Zeit fühlte ich mich sehr einsam. Erst da habe ich verstanden, dass ich in Deutschland alles hatte: Job, Freunde, ein gutes Leben", sagt er.