Rosa Burç ist politische Soziologin am Center on Social Movement Studies in Florenz, wo sie zu politischen Vorstellungswelten von Staatenlosen forscht. Für Forschungszwecke hielt sie sich in verschiedenen Teilen der kurdischen Region auf. Sie ist Autorin zahlreicher Artikel in Fachzeitschriften, Sammelbänden und internationalen Medien wie "The New York Times".

Es brennt in der Türkei. Weit mehr als 100 Waldbrände ziehen derzeit durch türkische Urlaubsregionen am Mittelmeer wie Marmaris und Antalya. Hunderte Kilometer davon entfernt, in der zentraltürkischen Stadt Konya, brennt es auch. Es ist das Haus der Familie Dedeoğulları. Videos zeigen, wie ein bewaffneter Mann in das Familienhaus eindringt, sieben Mitglieder der kurdischen Familie erschießt und versucht, das Haus in Brand zu setzen. 

Bereits im Mai wurden Mitglieder derselben Familie von einem 60 Personen großen Lynchmob angegriffen und schwer verletzt. "Wir dulden hier keine Kurden", sollen die Angreifer laut Medienberichten gerufen haben. Sieben Männer wurden damals festgenommen und nach kurzer Untersuchungshaft wegen "Mangels an Beweisen" wieder freigelassen. In der Küstenstadt Manavgat in der Region Antalya patrouillierten nur ein Tag nach dem Massaker von Konya bewaffnete Männer in Mobs auf den Straßen und suchten nach Kurd*innen. 

Der türkische Präsident Erdoğan spricht bei seinem Besuch Ende Juli in Antalya von "Führern der Terrororganisation", die den Befehl für die Brände gegeben hätten, und er werde sie "ausmerzen, wie ihre Verbündeten in den Bergen". Weder gibt es Beweise noch Festnahmen von vermeintlichen Brandstifter*innen, aber Regierungsvertreter*innen und ihre Medien machen Kurd*innen verantwortlich. Das Klima der Feindschaft, das systematisch von der Regierung geschaffen wird, lenkt von den schlechten Umfragewerten, dem staatlichen Totalversagen bei Umweltkatastrophen und mafiösen Korruptionsskandalen der Regierenden ab. Wie immer zur Wahlvorbereitung schürt die Regierung Hass, indem aus Kurd*innen und ihrer politischen Vertretung HDP "Vaterlandsverräter" gemacht werden, um sich dann selbst später als "Retter der türkischen Nation" zu inszenieren. Vor einigen Wochen wurde die Parteizentrale der HDP in Izmir von einem in Syrien ausgebildeten türkischen Faschisten angegriffen. Er tötete die HDP-Mitarbeiterin Deniz Poyraz und zündete anschließend das Gebäude an. 

Antikurdische Hetze hat lebensbedrohliche Konsequenzen

Der rassistische Mord in Konya, die Lynchmobs in Antalya, der Mord an Deniz Poyraz sind keine Einzelfälle. Sie sind die Gegenwart der türkischen Geschichte, die durchzogen ist von pogromartigen Anschlägen in Zeiten nationalistischer Hysterie. Sie erinnern an das Pogrom von Istanbul 1955, als türkische Nationalist*innen armenische, griechische und jüdische Geschäfte niederbrannten und Menschen töteten. Wenn heute antikurdische Hetze betrieben wird, so hat das ähnliche lebensbedrohliche Konsequenzen für Kurd*innen, die aufgrund von jahrhundertelanger systematischer Umsiedlung und Vertreibung aus Kurdistan zahlreich in west- und zentraltürkischen Städten leben. Antikurdischer Rassismus ist ein Feuer, das dort schon lange brennt. So wurden zum Beispiel dieses Jahr kurdische Erntehelfer*innen von einem rassistischen Mob attackiert, davor ein 74-jähriger Mann von einem 22-jährigen Nationalisten mit einer Glasflasche angegriffen, weil er mit seiner Frau Kurdisch sprach, ein 20-jähriger Kurde umgebracht, weil er im Park kurdische Musik hörte. 

In den sozialen Medien sehe ich häufig eine Karte, die die Waldbrände zeigt mit dem Hashtag #PrayForTurkey. Die Karte zeigt nur eine Seite des Landes, sie hört auf, wo sonst Waldbrände in kurdischen Städten zu sehen wären. Dort brennen aktuell auch Wälder, wie zum Beispiel in der kurdischen Provinz Dersim. Die lokale Bevölkerung wird laut Medienberichten vom türkischen Militär gehindert, diese zu löschen. Studien legen nahe, dass Waldbrände seit Jahrzehnten Bestandteil militärischer Operationen in kurdischen Gebieten sind. Für die türkische Mehrheitsgesellschaft sind diese Brände unsichtbar, sie werden weder auf Karten abgebildet noch in den Medien thematisiert. Und während die Brände am Mittelmeer seit Tagen nicht gelöscht werden können, weil wohl die Ressourcen fehlen, werden dieselben Ressourcen weiterhin eingesetzt bei Militäreinsätzen gegen die im Irak und Syrien benachbarte kurdische Bevölkerung. Ja, in der Türkei gibt es Naturkatastrophen und sie sind politisch. 

Der antikurdische Hass, den die Regierung schürt, hat schwerwiegende Auswirkungen. Kurd*innen leben tagtäglich mit der Angst auf offener Straße, auf dem Weg zur Arbeit, im Wartezimmer eines Krankenhauses – oder wie in Konya, sogar in der eigenen Wohnung von Rassist*innen angegriffen oder getötet zu werden, weil sie Kurd*innen sind.