Die höchsten Inzidenzwerte entfallen aktuell auf die Gruppe der 15- bis 24-Jährigen. Drei junge Frauen erzählen von totaler Erschöpfung und psychischen Belastungen nach ihrer Corona-Infektion – und der Frage: Hört das je wieder auf?

Sarah, 19 Jahre

Wenn sich meine Freund*innen im Café treffen, bleibe ich oft zu Hause und liege im Bett. Ich habe Long Covid. Um Weihnachten habe ich mich mit Corona infiziert. Viele Symptome sind geblieben: Herzrasen, Muskel- und Gelenkschwäche, Müdigkeit. Damals hat meine Hausärztin mir gesagt, ich solle mich ein bisschen gedulden. Bis alles wieder so sei wie früher, könne es etwas dauern. Also habe ich entschieden, in meinem Physikstudium ein paar Module weniger zu belegen. Das ist auch okay, mehr geht einfach nicht. Aber es wurde nicht besser. Meine Hausärztin hat mir dann eine Reha empfohlen. Ein Kardiologe verschrieb mir ein Medikament gegen das Herzrasen.

Sechs Monate nach der Infektion können Betroffene einen Termin in der Long-Covid-Sprechstunde der Berliner Charité ausmachen. Die Ärzt*innen dort haben mir Hoffnung gegeben, dass Long Covid für viele Menschen innerhalb des ersten Jahres besser wird. Sie haben mir geraten, mich so viel wie möglich zu schonen, Vitamin B einzunehmen und viel Salz zu essen – das helfe gegen das Herzrasen.

Vor Corona bin ich viel Fahrrad gefahren und geschwommen. Aber von Sport wurde mir in der Charité abgeraten, ich habe auch gar keine Energie dazu. Also versuche ich, mich auszuruhen und trotzdem irgendwie ein Leben zu führen. Das ist schwierig. An einem Tag kann ich ohne Probleme einkaufen gehen. Am nächsten Tag muss ich mich danach einen Tag ausruhen. Wenn ich staubsauge, mache ich anschließend erst mal eine Stunde Pause. Ich wäge ab: Treffe ich mich mit meinen Freund*innen auf einen Kaffee, obwohl es sein kann, dass ich danach zwei Tage im Bett liege und nichts auf die Reihe kriege? Meine Freund*innen unterstützen mich sehr. Sie machen mir kein schlechtes Gewissen, wenn ich absage – oder schieben mich ein Stück auf dem Fahrrad, wenn ich nicht mehr laufen kann. Selbst fürs Spazierengehen habe ich keine Kraft.

Coronavirus - Was Long Covid so tückisch macht Schmerz, Hirnnebel, Erschöpfung: Monate nach ihrer Covid-Erkrankung leiden Hunderttausende an Symptomen. Was Long Covid ist, wen es trifft und was hilft. Ein Erklärvideo

Long Covid macht mich einsam. Zur Fußball-EM wäre ich gern mit in den Biergarten gegangen. Aber ich war zu schlapp. In diesen Momenten fällt es mir schwer, mit meinen Einschränkungen umzugehen. Was, wenn es nie besser wird? Ich bin jung und habe doch mein gesamtes Leben noch vor mir. Ich habe deshalb eine Psychotherapie begonnen.

Dass ich wieder fitter werde, muss ich mir immer wieder einreden. Seit einer Weile kann ich aber meine Energie viel besser einteilen. Das habe ich gelernt. Ich versuche mir kleine Kraftreserven aufzusparen, damit ich meine Freund*innen sehen kann. Meistens klappt das auch. Dass manche Politiker*innen jetzt weniger auf Corona-Fallzahlen und mehr auf belegte Intensivbetten schauen, kann ich nicht verstehen. Es gibt viele Menschen wie mich, die nicht auf der Intensivstation liegen mussten und trotzdem Long Covid entwickelt haben. Viel zu viele. 

Nach dem Sommer werde ich die Reha machen. Das war sehr viel bürokratischer Aufwand. Ich wurde von der Rentenversicherung zur Krankenversicherung geschickt – und wieder zurück. Woher soll ich mit 19 wissen, wie das alles funktioniert? Zum Glück konnten meine Eltern mir helfen. Für Menschen, die diese Unterstützung nicht haben, ist so ein Reha-Antrag bestimmt schwierig. Ich kenne bisher niemanden in meinem Alter, der*die auch Long Covid hat. Ich hoffe, dass ich in der Reha ein paar Jüngere mit ähnlichen Erfahrungen treffe, die mich verstehen.