In etlichen Ländern steigen die Infektionszahlen wieder. Viele diskutieren deshalb, ob sie in den Urlaub fahren sollen oder besser nicht. Was in der Debatte häufig vergessen wird: Menschen, die Familie im Ausland haben – und diese aufgrund der Pandemie häufig für lange Zeit nicht mehr sehen konnten. Wie nehmen sie die Urlaubszeit wahr?

Cansu, 20 Jahre, hat Familie in der Türkei

Normalerweise besuche ich meine Großeltern in der Türkei ein- bis zweimal im Jahr für mehrere Wochen. Diese Sommerurlaube auf dem Dorf waren als Kind mein Jahreshighlight: Ich habe viel Zeit in der Apotheke meines Opas verbracht. Einerseits, um ihm zu helfen und beispielsweise neue Medikamentenlieferungen einzuräumen. Und andererseits, weil ich nur dort Internetempfang hatte und am Laptop spielen konnte. Ich erinnere mich an die Maulbeerbäume, die wir schüttelten, um an die reifen Früchte zu kommen. Oder ans Fastenbrechen zu Ramadan im Garten meiner Oma mit 20 Verwandten und Bekannten.

Wir haben so oft es geht Videocalls mit ihnen gemacht, meine Oma hatte dabei oft Tränen in den Augen.
Cansu

Aufgrund der Pandemie konnte ich meine Großeltern seit 18 Monaten nicht mehr sehen. Und das, obwohl sie schon alt und nicht mehr so fit sind. Vergangenen Sommer haben ich mit meinen Eltern und meiner Schwester diskutiert, ob wir in die Türkei fahren sollen. Mein Vater und meine Schwester waren dafür. Schließlich flogen zu der Zeit viele in die Türkei in den Urlaub. Meine Mutter und ich waren dagegen. Erstens, weil wir uns Sorgen um Oma und Opa machten – was, wenn wir sie ansteckten? Und zweitens, weil wir Angst hatten, dass meine Mutter Probleme bekommt. Sie arbeitet in der Gastronomie, Homeoffice ist für sie nicht möglich. Was wäre passiert, wenn wir uns infiziert hätten und dann rausgekommen wäre, dass wir in einem Hochrisikogebiet waren?

Für meine Großeltern waren die vergangenen Monate sehr schwer. Sie waren fast nur noch zu Hause, haben nichts mehr unternommen außer ab und an Spaziergänge am Strand. Corona hat ihr Leben sehr grau gemacht. Wir haben so oft es geht Videocalls mit ihnen gemacht, meine Oma hatte dabei oft Tränen in den Augen. Für meine Mutter, die Tochter meiner Großeltern, war die Zeit sehr schlimm. Sie hatte ständig Angst, dass ihnen etwas passiert und sie dann nicht zu ihnen kann. 

Nächste Woche werden meine jüngere Schwester und ich wieder in die Türkei fliegen, meine Eltern haben leider nicht zur gleichen Zeit Urlaub bekommen. Wir sind beide geimpft, meine Verwandten in der Türkei auch. Wir werden uns vor der Reise freiwillig testen lassen, um wirklich sicher zu sein. Trotzdem mache ich mir ein bisschen Sorgen, gerade jetzt, wenn die Inzidenzen wieder steigen. Aber meine Großeltern sind total aufgeregt und können es kaum abwarten, dass wir endlich kommen. Meine Oma fragt schon, was wir uns zum Essen wünschen. Meine Tante, die ebenfalls in der Türkei wohnt, plant schon, was wir gemeinsam machen können, zum Beispiel die Gartenmauer mit bunten Acrylfarben bemalen.

Daria, 21 Jahre, hat Familie in Polen

Die Familie meiner Mutter lebt in einem kleinen Ort im Osten Polens. Dort wohnen alle auf einem Bauernhof unter einem Dach: Meine Großeltern, Tante und Onkel und früher zwei Cousinen, die mittlerweile beide ausgezogen sind. Normalerweise besuchen meine Eltern, mein Bruder und ich sie zweimal im Jahr, zu Weihnachten und Ostern. Meine polnische Familie ist streng katholisch, diese Feiertage bedeuten ihnen viel. Für mich als Stadtkind waren die Wochen auf dem Land immer total aufregend: Ich erinnere mich, wie wir Kinder über die Felder rannten, auf dem Bauernhof mit den Hunden und Katzen spielten und Himbeeren pflückten.  

Der Platz am Küchentisch ist jetzt leer. Mein Opa ist wirklich nicht mehr da.
Daria

Regulär besucht haben wir sie zuletzt Weihnachten 2019 – die Gefahr, jemanden anzustecken, war für uns seither einfach zu groß. Im Herbst 2020 mussten wir dann aber doch fahren: Mein Opa war gestorben. Er war schon lange nicht mehr fit und hatte Demenz. Sein Tod war für uns nicht überraschend, aber dass ich die letzten Monate seines Lebens verpasst habe, macht mich sehr traurig. Zuletzt war er kaum noch draußen, sondern saß die meiste Zeit in der Küche. Von dort winkte er uns immer schon durchs Fenster zu, wenn wir ankamen. Erst als wir zur Beerdigung dort waren und ich das Haus betrat, habe ich realisiert: Der Platz am Küchentisch ist jetzt leer. Mein Opa ist wirklich nicht mehr da. 

Nicht zur Beerdigung zu fahren, war für uns keine Option, auch wenn es noch keine Impfung und kostenlosen Tests gab. Wir wollten uns doch verabschieden, vor allem meine Mutter. Vor der Kirche mit rund 40 Trauergästen habe ich versucht, Abstand zu halten, aber immer wieder kamen trauernde Verwandte auf mich zu, die mich umarmten und auf die Wange küssten. Ihnen auszuweichen, fühlte sich auch nicht richtig an. Während des Gottesdienstes war mir sehr unwohl. Die meisten trugen zwar eine Maske, bei einigen hing sie aber beim Beten und Singen unter der Nase oder sogar unter dem Kinn. Gerade bei den vielen Älteren konnte ich das nicht verstehen. "Habt ihr denn keine Angst um euch selbst?", dachte ich. Beim anschließenden Essen saßen wir an zwei langen Tafeln. Da war dann wirklich nichts mehr mit Abstand. Ich war sehr erleichtert, als klar war, dass sich niemand infiziert hatte.

Dieses Jahr Weihnachten wollen wir das erste Mal wieder nach Polen fahren, vielleicht sogar schon in den Herbstferien. Bis dahin werden wir alle doppelt geimpft sein. Ich freue mich so darauf, mit allen um den Tisch zu sitzen – dieses Mal ohne traurigen Anlass – und zu wissen, dass wir diese Pandemie gut überstanden haben. Und auf Pierogi, gefüllte Teigtaschen, für die meine Tante den ganzen Tag in der Küche stehen wird und die sie in Massen für uns zubereitet.