Vor fünf Jahren galten Hanns (25) und Mik (24) als lesbisches Paar. Mittlerweile wissen sie: Sie sind beide keine Frauen. Mik ist trans, Hanns hat noch kein Label, beide sind queer. Was heißt es, sich in einer queeren Beziehung als trans zu outen – und plötzlich als hetero Paar zu gelten?

ze.tt: Hanns und Mik, wie habt ihr euch kennengelernt?

Mik: Vor fünf Jahren waren wir beide auf einer Weihnachts-WG-Party in Magdeburg. Wir hatten Kostüme an: Ich war ein Engel und Hanns einer von den Heiligen Drei Königen mit einer Burger-King-Krone. Damals war ich eigentlich gerade heartbroken über eine andere Person. Als ich Hanns zum ersten Mal gesehen habe, dachte ich: Cute! Aber ich habe keinen Gaydar, ich konnte nicht erkennen, ob Hanns queer ist. Richtig geoutet war ich damals noch nicht, obwohl ich auch mit Frauen rumgeknutscht habe. Heute benutze ich den Begriff queer.

Hanns: Nach der Party haben wir angefangen auf Facebook zu schreiben, es war sehr flirty. Einen Monat nach der Party haben wir uns zum ersten Mal getroffen. Vor dem Date war ich super aufgeregt, ich habe ganz lange Klamotten ausprobiert. Wir haben sechs Stunden lang gequatscht, geraucht und Bier getrunken, bis uns der Barkeeper rausgeschmissen hat. Vor der Haustür haben wir uns dann geküsst. Ungefähr zwei Monate später wurden wir ein Paar.

ze.tt: Wie war das für euch, erstmals in einer queeren Beziehung zu sein?

Mik: Zu Beginn unserer Beziehung war ich noch nicht als trans geoutet, also galten wir als lesbisches Paar. In Magdeburg gibt es kaum eine queere Szene. Vor allem Ausgehen war deshalb oft anstrengend. Meine Freund:innen scherzen bis heute, hätte ich Hanns nicht kennengelernt, hätte ich dort auch niemand anderen daten können. Außer uns kannte ich höchstens cis-männliche, schwule Personen. Auf jeder Party haben uns irgendwelche Typen sexualisiert. 

Als wir zusammenkamen, sahen wir beide noch eher feminin aus. Wenn wir uns geküsst haben, kamen ständig irgendwelche Dudes und meinten: 'Kann ich mitmachen?'
Hanns

Hanns: Damals sahen wir beide noch eher feminin aus und wurden als weiblich gelesen. Wenn wir uns geküsst haben, kamen ständig irgendwelche Dudes und meinten: "Kann ich mitmachen?" Oder auf der Straße hieß es oft: "Wow seid ihr heiß, knutscht doch mal für mich!"

Mik: Als ich langsam bemerkt habe, dass ich trans bin, habe ich mich gefragt, ob das meine Flucht vor solchen Übergriffen ist. Ich habe mir selbst vorgeworfen, dass ich mir eine angenehmere Position im Patriarchat sichern wollte. 

ze.tt: Wie ging es euch, als ihr gemerkt habt, dass ihr kein cis-lesbisches Paar seid?

Mik: Es war ein Prozess. Ich habe relativ früh bemerkt, dass ich trans sein könnte. Damals waren Hanns und ich etwa anderthalb Jahre zusammen. Wenn ich an mich selbst gedacht habe, dann als männliche Person. In meiner Vorstellung hatte ich einen ganz anderen, androgynen Körper ohne die Merkmale, die gesellschaftlich als weiblich verstanden werden, wie Brüste. Hanns war die erste Person, mit der ich darüber geredet habe, dass die Geschlechtszuschreibung als Frau für mich nicht passt. Für mich war es nicht stimmig, dass wir als lesbisches Paar gelesen wurden, aber ich wusste nicht, woran es lag. 

Für mich war es nicht stimmig, dass wir als lesbisches Paar gelesen wurden.
Mik

Hanns: In den Gesprächen war mir relativ schnell klar: Okay, Mik ist trans. Er selbst konnte sich das noch nicht eingestehen. So ein Prozess läuft eben nicht immer so wie in den Outing-Filmen ab, dass die Person alles für sich klar hat und dann erst mit anderen spricht. Bei uns war es so, dass Mik seine Gedanken und Gefühle mit mir geteilt hat, während sie entstanden sind. Es hat länger gedauert, bis er sich selbst damit richtig wohlgefühlt hat.

ze.tt: Hanns, hattest du Angst, Mik nicht ausreichend unterstützen zu können?

Hanns: Ich habe versucht, für Mik da zu sein. Ich habe angefangen, mehr über trans Thematiken zu lesen. Bei Komplimenten habe ich darauf geachtet, ob sie geschlechtlich verhaftet sind. Also zum Beispiel habe ich eher "gut aussehend" gesagt statt "hübsch" oder "süß", weil die Wörter eher mit Weiblichkeit assoziiert sind. Als Mik sich selbst als trans benennen konnte, hat er mir gesagt, welchen Namen und welche Pronomen die richtigen für ihn sind. Selbstverständlich habe ich selbst sofort die richtige Ansprache für ihn verwendet. Mik war wichtig, dass ich andere korrigiere, wenn sie den falschen Namen oder falsche Pronomen verwendeten, also habe ich das gemacht. Oder ich habe mit ihm gemeinsam abgeschätzt, wie er an einem bestimmten Tag geschlechtlich von anderen wahrgenommen wird, wenn wir etwa in einer Bar sind. Wir sprachen dann beispielsweise darüber, welche Toilette die sicherste für ihn ist.

Mik © Elif Küçük für ze.tt

ze.tt: Mik, fühltest du dich von Hanns bei deiner Transition unterstützt?

Mik: Hanns hat nicht so viele Fragen gestellt, sondern sich selbst viel Wissen angeeignet. Hanns war bei wichtigen Momenten bei mir, zum Beispiel beim ersten Binderkauf. Wir waren gemeinsam in Berlin, haben uns in dem Laden richtig viel Zeit gelassen. Ich fand es so schön, zum ersten Mal die verschiedenen Materialien anzufassen und mich mit flacher Brust zu sehen. Hanns hat in der Umkleidekabine Fotos gemacht. 

Hanns: Ich habe viel gelernt über Binder und Tapes, also Methoden, die Brust abzubinden. Das sind alles Sachen, zu denen ich vorher keinen Zugang hatte. Ich habe mitgefühlt und mitgelitten in dem ganzen offiziellen Prozess, bei den Hürden, um die Transition medizinisch und rechtlich vollziehen zu können. Ich war glücklich zu sehen, wie froh Mik war, als körperliche Veränderungen bemerkbar wurden. Als die Stimme langsam tiefer wurde. Oder wir zusammen die Bartstoppeln abgecheckt und geguckt haben, wie lang sie geworden sind. Es war toll zu bemerken, wie er zu sich selbst gefunden hat. Wenn ich ganz alte Bilder sehe, denke ich manchmal: Wer ist diese Person, das war doch eigentlich nie Mik. Vor der Transition gab es Phasen, in denen sichtbar war, dass er sich angestrengt und verkleidet hat. Ich finde es schön, mitzubekommen, wie sehr sich das geändert hat.