300 Milliarden Kurznachrichten wurden laut dem Marktforschungsinstitut Bitkom Research im vergangenen Jahr in Deutschland verschickt – mehr als je zuvor. Julia Brailovskaia ist Privatdozentin am Lehrstuhl Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Ruhr-Universität Bochum. Sie forscht zur pathologischen Smartphone-Nutzung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Im Gespräch erklärt sie, warum manche Menschen mit der Fülle an Nachrichten, die sie im Alltag bekommen, überfordert sind.

ze.tt: Wenn ich morgens aufwache und 20 unbeantwortete WhatsApp-Nachrichten, fünf nicht abgehörte Sprachnachrichten und drei Notifikationen von Telegram sehe, möchte ich mein Handy am liebsten gegen die Wand schmeißen. Woran könnte das liegen?

Julia Brailovskaia: An einem Gefühl der digitalen Überforderung. Vor allem in der Pandemie ist das für viele Menschen ein Problem geworden: Wir nutzen zum Kommunizieren mehr soziale Medien als je zuvor. Das kann dazu führen, dass einem alles zu viel wird. Problematisch ist, dass es sich dabei um einen verstärkenden Prozess handelt. Wenn ich das Handy weglege und nicht antworte, sind es beim nächsten Draufschauen noch mehr Nachrichten. Und das stresst noch mehr.

ze.tt: Welche Auswirkungen kann dieser Stress haben?

Brailovskaia: Körperliche Symptome können schwitzige Hände sein, Zittern, Schwindel oder auch Bauchschmerzen. Das ist von Person zu Person verschieden. Stress ist keine Kleinigkeit. Auf der psychischen Ebene kann es auch zu Angstzuständen und zur depressiven Verstimmung kommen.

Vielleicht habe ich Angst, andere zu verletzen oder dass die soziale Interaktion mit der Person sich in Zukunft verändert, wenn ich nicht antworte.
Julia Brailovskaia

ze.tt: Ich fühle mich oft schuldig, wenn ich nicht sofort auf Textnachrichten antworte. Warum?

Brailovskaia: Das ist sehr individuell und hat mit der persönlichen Gewissenhaftigkeit zu tun. Ich kenne auch Menschen, die nicht antworten und denen das auch egal ist. Wenn ich jedoch der Typ dafür bin, plagt mich das schlechte Gewissen. Vielleicht habe ich Angst, andere zu verletzen oder dass die soziale Interaktion mit der Person sich in Zukunft verändert, wenn ich nicht antworte. Hinzu kommt vor allem bei jungen Menschen die Fear of Missing Out, die Angst, nicht dazuzugehören oder etwas Wichtiges zu verpassen. Wir sind soziale Wesen und wollen all unsere Beziehungen aufrechterhalten.

ze.tt: Gleichzeitig werde ich auch manchmal selbst ungeduldig, wenn eine Nachricht nicht schnell beantwortet wird.

Brailovskaia: Das liegt daran, dass wir Face-to-face-Interaktionen gewohnt sind, bei denen wir direkt eine Reaktion bekommen, wenn wir etwas sagen. Dazwischen liegt vielleicht mal eine kurze Denkpause, aber meist geht es Schlag auf Schlag. Mit dem Laptop, dem Smartphone, Social Media kommt da ein Medium dazwischen, das die Antworten verzögert. Das widerspricht unserer menschlichen Erwartungshaltung. Die soziale Verstärkung bleibt oft aus. Soziale Verstärker sind positive Rückmeldungen auf menschliches Verhalten. Wenn ich zum Beispiel nett zu einem Menschen bin und dieser lobt mich dafür, hinterlässt das bei mir eine positive Emotion. Ich fühle mich in meinem Verhalten bestärkt und bin gewillt, noch mal mit der Person zu interagieren. Wenn auf meine Nachrichten nicht reagiert wird, fehlt diese Verstärkung. Das kann nervös, aggressiv oder auch wütend machen.

ze.tt: Mit der Gelesen-Funktion und der Anzeige des Onlinestatus auf Apps wie WhatsApp kann mein Gegenüber überprüfen, ob ich die Nachricht gesehen habe. Macht es das noch schlimmer?

Brailovskaia: Ja, wenn ich sehe, dass andere meine Nachricht gelesen haben, will ich schnellstmöglich eine Antwort. Wenn die ausbleibt, geht bei manchen Menschen im Kopf ein Film an: Es entstehen Schuldgefühle und Angst, etwas falsch gemacht zu haben. Das kann auch zu Schuldzuweisungen der anderen Person gegenüber führen. Ein Gefühlschaos.