Jan hat das Tourettesyndrom, Lavinia ist seit ihrer Geburt sehbehindert und Tom ist Autist. Sie alle versuchten lange, ihre Behinderung vor anderen zu verheimlichen. Sie wollten nicht auffallen, dazugehören, so sein wie alle anderen. Hier erzählen sie, wie sie lernten, sich selbst zu akzeptieren.

Jan, 23, hat das Tourettesyndrom

Ich war sieben, als das Tourettesyndrom bei mir diagnostiziert wurde. Damals hatte ich vokale Tics, machte Piep- und Pfeifgeräusche. In der Grundschule passierte das vor allem bei Stress, zum Beispiel kurz vor einem Test. Meine Mitschüler*innen und ich lachten gemeinsam darüber. Außer meiner Klassenlehrerin wusste niemand, dass ich Tourette habe – sie dachten wohl, ich würde Scherze machen. 

Mit 18 begann ich eine Ausbildung zum Physiotherapeuten. Kurz darauf wurden meine Tics, die in der Pubertät nachgelassen hatten, wieder stärker. Ich gab erstmals Schimpfwörter und Beleidigungen von mir, dazu kamen Zuckungen im Gesicht und mit den Armen. Ich spürte immer kurz vorher, wenn ein Tic kam: Bei den motorischen war es ein Druckgefühl im Brustkorb, bei den vokalen im Zwerchfell und in den Mundwinkeln. Ich versuchte dann, die Luft anzuhalten oder meine Arme anzuspannen, um den Impuls zu unterdrücken. Oft gelang mir das.

Im Unterricht meiner Ausbildung wurde ich immer unkonzentrierter, weil ich meine gesamte Aufmerksamkeit auf meine Tics richtete. Meine Noten wurden schlechter. Eine Neurologin verschrieb mir Tavor, ein sehr starkes Beruhigungsmittel. Für einige Wochen nahm ich montags bis freitags immer morgens eine Tablette ein. Das half zwar, meine Tics während der Unterrichtszeit zu unterdrücken, dafür wurden sie am Abend und an den Wochenenden umso stärker und traten in kürzeren Intervallen auf. Sobald die Wirkung des Medikaments nachließ, fühlte ich mich wie ein Fass, das explodierte. Ich setzte die Tabletten ab.

Anfangs sagte ich in der Ausbildung noch "Das sind halt so ein paar Tics, die ich habe" und wechselte das Thema. Aber dann lag ich während des Orthopädieunterrichts auf der Behandlungsliege und zwei Mitschüler sollten eine praktische Übung an mir durchführen. Mein Arm zuckte. "Was machst du denn da?", fragte der eine. "Das habe ich schon öfter an dir beobachtet." Die Tics hatten zu diesem Zeitpunkt ein Ausmaß erreicht, dass ich dachte: Es hat keinen Sinn mehr, sie zu verstecken. Also richtete ich mich auf und sagte: "Das ist Tourette." In der Klasse war es sehr laut, nur die beiden bekamen meine Antwort mit. "Krass!", meinten sie, waren neugierig. Noch am selben Tag erzählte ich meiner Hauptdozentin von meiner Behinderung und auch immer mehr Mitschüler*innen erfuhren davon.

Ich zeigte mehrere Male den Hitlergruß und löste sogar einmal den Feueralarm in der Schule aus.
Jan

Ab da fühlte ich mich im Unterricht permanent beobachtet – und meine Tics wurden schlimmer. Ich zeigte mehrere Male den Hitlergruß und löste sogar einmal den Feueralarm in der Schule aus. Schließlich wurde ich zu einem Gespräch mit meiner Hauptdozentin und dem Schulleiter gebeten. Sie sagten, dass ich bis zum Schuljahresende bleiben könne, da sich niemand von mir gestört fühle. Der Beruf des Physiotherapeuten sei aber nichts für mich. Meine Tics seien für Patient*innen zu verwirrend, die motorischen könnten verletzen. 

Ich war deprimiert, aber nicht überrascht – die Ausbildung hatte ich zu diesem Zeitpunkt, innerlich bereits aufgegeben. Zwar wusste ich schon damals, dass Tourette-Tics für andere nie wirklich gefährlich werden können. Aber die Bedenken, dass sie Patient*innen verwirren könnten, konnte ich nachvollziehen. Ich stellte es mir tatsächlich schwierig vor, als Physiotherapeut in einem Krankenhaus zu arbeiten, jeden Tag neue Menschen kennenzulernen und das erste Gespräch mit ihnen womöglich direkt mit einer Beleidigung zu beginnen.