Wenn es finanziell knapp wird, bitten viele erst mal Familienangehörige um Hilfe. Das klingt zunächst nach einer gar nicht so schlechten Idee: Man muss weder Zinsen zahlen noch Sicherheiten bieten. Aber: Es kann auch richtig schiefgehen. Hält es eine Beziehung aus, wenn jemand in der Schuld steht oder man immer wieder nach Geld gefragt wird? Oder schweißt es zusammen, ein Familienmitglied finanziell zu unterstützen? Das haben wir fünf junge Menschen gefragt. 

Sebastian*, 27

Als mein Onkel mir eine SMS schrieb, dass er etwas Wichtiges mit mir besprechen will, war ich besorgt. In unserer Familie ist das so ein Code: entweder etwas Schlimmes ist passiert – oder jemand bekommt ein Kind. Aber mein Onkel bat mich um Geld. Er hatte wegen Corona unerwartet seinen Job als Autoverkäufer verloren. Er hat drei Kinder und ist Alleinversorger. Arbeitslosengeld hat er zwar bekommen, aber das hat nicht gereicht – sein Auto ging kaputt und er brauchte ein neues. Mein Onkel und ich stehen uns nah, also habe ich sofort gesagt: "Das kann ich gerne machen", ohne den Betrag zu wissen. Er brauchte 2.000 Euro, um über die Runden zu kommen. Ich hatte genug Geld auf meinem Sparkonto, um ihm das sofort zu leihen. Ich habe die Erleichterung in der Stimme meines Onkels gemerkt, als er meinte: "Ich zahle es dir auf jeden Fall in fünf Monaten zurück."

Es war komisch, weil er immer mein großer Onkel war; die ältere Person, die mich als Kind mit in den Zirkus oder auf den Rummel genommen hat. Dieses Verhältnis zwischen uns hat sich umgekehrt – jetzt übernehme ich Verantwortung für ihn. Es ist aber immer noch gut, wir telefonieren einmal im Monat und es gibt keine Kontaktscheuheit. 

Das geliehene Geld sprach mein Onkel aber nicht mehr an, auch nicht, als die fünf Monate abgelaufen waren. Mittlerweile hat mein Onkel wieder Arbeit und kann die laufenden Kosten decken. Dass nicht viel übrig bleibt mit drei Kindern, ist auch klar. Ich bin nicht direkt auf das Geld angewiesen. Trotzdem will ich, dass er auf mich zukommt und nicht ich meinem Geld hinterherlaufen muss. Wenn aber weiterhin nichts von ihm kommt, werde ich das wohl tun. 

Das geliehene Geld sprach mein Onkel aber nicht mehr an.
Sebastian

Mein jüngerer Bruder Simon ist ganz anders als ich. Ich spare Geld, er gibt es gern fürs Feiern oder Klamotten aus; ich war früher immer viel drinnen und habe gelesen, mein Bruder war unterwegs. Wenn er Quatsch gemacht oder sich verletzt hat, war ich die Person, die er angesprochen hat. Noch immer steht mein Bruder nicht auf eigenen Beinen, hat nicht wirklich einen Plan, was seine Position in der Welt ist. Es gab so viele Warnschüsse, die er nicht gehört hat: Er ist immer wieder mit Drogen erwischt worden, mal hatte er ein Gramm auf einer Party dabei, mal hat er selbst was vertickt. Dann hat er betrunken seinen alten Mercedes zu Schrott gefahren. Vor dem Unfall dachte ich, dass er noch irgendwie die Kurve kriegt.

Davon erfahren habe ich erst, als mich meine Mutter fragte, ob ich ihr 1.500 Euro leihen könne, um den Anwalt zu bezahlen. Diesmal war sie diejenige, die ihn rausboxen sollte. Simon wusste wohl, dass sie mittlerweile die Einzige ist, die ihm da bedingungslos hilft und hat mir gar nicht erst von der Sache erzählt. Es kam bei dem Unfall zwar niemand zu Schaden, aber mein Bruder hatte das Auto einfach liegen gelassen und sich erst am nächsten Tag bei der Polizei gemeldet. Das Auto wurde verschrottet, die Bergungs- und Anwaltskosten waren das, was wirklich teuer war.