Optimist: Heino Stöver

Seit rund 100 Jahren versucht die Staatenwelt, Drogenkonsum durch Verbote zu beschränken. US-Präsident Richard Nixon rief 1972 gar den "Krieg gegen Drogen" aus. Die Folgen sind verheerend: Während der Konsum von Drogen nicht zurückgeht, hat ihre Produktion vor allem in lateinamerikanischen Ländern den Rechtsstaat erodieren und die Kriminalität explodieren lassen. In westlichen Ländern führt die Verfolgung gerade von Konsumenten zu einer erheblichen Mehrbelastung der Polizei und Justiz.

Man versucht hier, mit strafrechtlichen Mitteln ein Gesundheitsproblem zu lösen. Das kann nicht gelingen. Die Prohibition fördert die Verelendung der Süchtigen. Andererseits zeigen Untersuchungen, dass viele Konsumenten Heroin, Cannabis und Kokain nehmen können, ohne unter nachteiligen Wirkungen zu leiden.

Anstatt die Prohibition infrage zu stellen, schüren Politik, Kontrollstellen und sogar Drogenhilfeeinrichtungen die Angst, der Drogenkonsum werde explodieren, wenn man die Suchtstoffe reguliert und kontrolliert abgibt. Dieser unselige Konsens bricht nun auf.

Die Global Commission on Drugs, ein einflussreicher Thinktank aus Politikern und Industriellen, hat den "Krieg gegen die Drogen" für verloren erklärt. Mehrere Staaten beginnen aus der Prohibition auszusteigen: Uruguay, Spanien, Portugal, Belgien und Tschechien, aber auch die US-Bundesstaaten Colorado und Washington. Sie zeigen, dass es anders gehen kann. Dies wird einen Dominoeffekt auslösen. Selbst in Deutschland hat ein Umdenken begonnen.

Möglichkeiten, Drogenkonsum zu regulieren, gibt es genug. Man kann die Höchstgrenze für den Eigenbedarf hochsetzen, was die Zahl der sogenannten Konsumentendelikte – in Deutschland immerhin zwei Drittel aller Drogendelikte – reduziert. Staaten könnten, wie Uruguay, Lizenzen für die Produktion und Abgabe von Drogen vergeben. Kokain und Metamphetamin etwa könnten von Apotheken abgegeben werden. Nach dem Vorbild der niederländischen Coffeeshops könnte es "Drogenfachgeschäfte" geben, ähnlich wie die Alkoholläden in Skandinavien.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Wissen 6/2014, das am Kiosk erhältlich ist.

Dabei geht es nicht um Verharmlosung. Aber die Gesellschaft sollte ein Zeichen setzen, dass Drogen von jeher zu unserem Leben gehören, aber wir nicht mehr in Kauf nehmen wollen, dass Dritte durch eine Prohibition zu Schaden kommen. Erst dann wird eine glaubwürdige Prävention überhaupt möglich.

Heino Stöver ist Professor für Soziologie an der Universität Oldenburg und Mitglied internationaler Forschungsprojekte zu Drogenkonsum und Gesundheitspolitik. 1981 gründete er den "Verein für akzeptierende Drogenarbeit" in Bremen, dessen Vorstand er bis 1995 war.

Pessimist: Kevin Sabet

Der Drogenmissbrauch wirft eine Vielzahl gesundheits- und sozialpolitischer Fragen auf. Scheinbar simple Maßnahmen wie harte Strafen oder eine liberale Gesetzgebung sind keine Lösung. Gewiss, Drogenabhängige brauchen Hilfe. Manchmal brauchen sie Methadon oder eine andere Behandlung. Niemand fordert ernsthaft, sie einzusperren. Und, ja, die Antidrogenpolitik war nicht immer erfolgreich. Doch wer glaubt, die Legalisierung von Drogen würde der Gesellschaft helfen, geht komplett in die Irre. In Wirklichkeit laufen wir Gefahr, dass sie die Zahl der Abhängigen erhöht und die gesellschaftlichen Probleme verschärft, während zugleich eine neue Großindustrie entsteht – eine Art Big Tobacco 2.0 –, darauf ausgerichtet, die Schwächsten der Gesellschaft abhängig zu machen.

In den USA führen Interessengruppen mit viel Geld einen erfolgreichen Kreuzzug zur Legalisierung von Drogen. Sie haben mit Marihuana in Colorado begonnen, und ersten Anzeichen zufolge sind die Folgen verheerend. Die Industrie drängt mit marihuanahaltigen Bonbons, Schokoladen, Gummibärchen und anderen Produkten auf den Markt, die auf Kinder zielen. Verkehrsunfälle unter Drogeneinfluss nehmen zu, ebenso die Notfälle wegen akuter Panikattacken und Ähnlichem. Bei der Legalisierung von Hasch geht es nicht mehr darum, am Wochenende mit Freunden zu Hause den Joint kreisen zu lassen. Es geht um Big Business.

Die Industrie macht ihr Geld mit Abhängigen. 20 Prozent der Raucher bescheren der Tabakindustrie 80 Prozent der Gewinne, ähnlich in der Alkoholindustrie. Das heißt, während viele Marihuana nur probieren oder sporadisch konsumieren, kommen die Profite von einer Minderheit. Menschen abhängig zu machen ist das zentrale Ziel – und das Problem. Diese Minderheit verursacht enorme Probleme auf unseren Straßen, in den Schulen, am Arbeitsplatz und im Gesundheitssystem.

Das heißt nicht, dass wir weitermachen sollen wie bisher. Wir brauchen viel bessere, wissenschaftsbasierte Vorbeugung, Frühintervention und Therapien. Wir brauchen faire Gesetze. Solange Drogen illegal bleiben, sollten Menschen nicht wegen leichter Vergehen kriminalisiert werden. Wir brauchen auch Gerichte, die auf Drogendelikte spezialisiert sind, und wir müssen die Prävention stärker fördern.

Zwischen "drogenfrei" und "freie Drogen" gibt es andere Wege, mit dem Thema umzugehen. Die Legalisierung gehört nicht dazu – außer für den drogenindustriellen Komplex, der aus Abhängigkeit Profit schlägt.

Kevin Sabet leitet das Institut für Drogenpolitik an der Universität Florida. Er arbeitete mehrere Jahre lang im Office for National Drug Control Policy im Weißen Haus als Redenschreiber, Forschungs- und Strategieberater – für Bill Clinton, George W. Bush und Barack Obama.

Aufruf: ZEIT ONLINE unterstützt den Global Drug Survey 2015. Nehmen Sie bis zum 20. Dezember 2014 an der weltweit größten Umfrage zum Drogenkonsum teil und helfen Sie mit, Drogenkonsum sicherer zu machen (Lesen Sie hier mehr).

Die Ergebnisse werden wir Ihnen im Sommer 2015 exklusiv auf ZEIT ONLINE vorstellen. Folgen Sie der Umfrage auch auf Twitter via #GDS2015 und @GlobalDrugSurvy. Berichte und Hintergründe zum Thema auf ZEIT ONLINE finden Sie hier.