Die Revolution beginnt mit einer Sparmaßnahme. Ein einfacher Strich mit dem Rotstift – und die Weltordnung des Kalten Krieges fällt in sich zusammen.

Im November 1988 wird der Wirtschaftsfachmann Miklós Németh überraschend ungarischer Ministerpräsident. Ungarn gilt bis dahin als "die fröhlichste Baracke im sozialistischen Lager", andere nennen die Volksrepublik spöttisch den "Archipel Gulasch", denn der langjährige Parteichef János Kádár hat das Volk auf Pump mit allerlei Wohltaten ruhiggestellt. Bei seinem Rücktritt im Mai 1988 hinterlässt er nahezu 17 Milliarden Dollar Auslandsschulden. Der neue Regierungschef Németh will den Staatshaushalt sanieren. Er streicht den Etatposten "Instandhaltung des Signalsystems" – so heißt in verschämter kommunistischer Amtssprache der Eiserne Vorhang, der Ungarn von Österreich trennt.