Die Erforschung der Kriminalität und ihrer Ursachen hat eine lange Geschichte. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts versuchten viele Praktiker, auch die Hintergründe von Verbrechen zu erhellen: Polizisten und Strafanstaltsbeamte, Richter und Rechtsprofessoren, Geistliche und Mediziner stellten sich die Frage, warum Menschen zu Tätern werden. Dem weiten Spektrum der Beteiligten entspricht die Vielfalt der Erklärungsansätze.

Während die sogenannten Moralstatistiker Kriminalität als ein Kollektivphänomen begriffen und Schwankungen in der Eigentumskriminalität auf soziale Ursachen zurückführten, bevorzugte die Mehrheit der kriminologisch interessierten Praktiker in dieser Zeit eine biografische Herangehensweise, die erklären sollte, wie und warum Rechtsbrecher vom Pfad der bürgerlichen Tugend abgewichen waren. Sie konzentrierten sich damit auf das moralische Versagen von Kriminellen – nicht etwa auf Defekte ihrer Persönlichkeit.