In kaum einem Land ist die Lage in der Pandemie so angespannt wie in Brasilien. Eine Variante namens P.1, die sich offenbar schneller ausbreitet als der Wildtyp, hat den Ausbruch beschleunigt. Forschende blicken mit Sorge auf diese mutierte Form, die auch in anderen Ländern schon auftaucht. Was erste Studien über die Mutante aus Brasilien aussagen. Und welches Risiko für Deutschland von P.1 ausgeht. Ein Überblick

Alle Fragen im Überblick:

Was macht die Corona-Variante P.1 aus?

Die Variante P.1 zeichnet sich durch 17 Mutationen im Vergleich zum Wildtyp des Coronavirus Sars-CoV-2 aus, drei von ihnen im Spikeprotein. Sie erleichtern es dem Virus, menschliche Zellen zu befallen. Diese Veränderungen ähneln den Mutationen der südafrikanischen Variante B.1.351, die aber unabhängig davon entstanden ist. Am Spikeprotein ist besonders eine Mutation mit dem Namen E484K kritisch: Sie könnte die neutralisierenden Antikörper von Genesenen und Geimpften weniger wirksam machen (Nature: Wang et al., 2021), es handelt sich um eine sogenannte Fluchtmutation.

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Was wissen Forschende über ihre Gefährlichkeit?

Es gibt noch keine Hinweise darauf, dass man mit P.1 schwerer erkrankt. Über das in Deutschland inzwischen vorherrschende Coronavirus B.1.1.7  ist mittlerweile bekannt, dass es nicht nur leichter übertragen wird (Science: Davies et al., 2021), sondern auch häufiger schwere Verläufe einer Covid-Infektion auslöst (BMJ: Challen et al., 2021). In Brasilien zeigt sich bei P.1. zunächst einmal, dass es deutlich ansteckender ist als frühere Coronaviren-Formen. Dadurch ist die Zahl der Infizierten dort zuletzt rasant angestiegen. In einer noch nicht von Fachkollegen begutachteten Studie fanden Wissenschaftler in Manaus eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, dass eine Infektion tödlich endet. Das dortige Gesundheitssystem war in dem Zeitraum jedoch so überlastet, dass die Forschenden sich nicht sicher sein können, ob die Variante der Grund war oder die vollen Krankenhäuser (MedRxiv: Faria et al., 2021, Preprint).

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Wie schnell breitet sich P.1 aus?

Auch das Robert Koch-Institut (RKI) bestätigt, dass P.1 ansteckender sein dürfte als der Wildtyp von Sars-CoV-2. Es bezieht sich ebenfalls auf die noch nicht begutachtete Studie aus Brasilien (MedRxiv: Faria et al., 2021, Preprint). Die Forschenden schätzen die Übertragungsrate von P.1 um einen Faktor 1,4 bis 2,2 höher als beim Wildtyp. "Diese neue Variante scheint eine größere Geschwindigkeit der Ansteckung zu haben. Die Fälle scheinen sich schneller zu entwickeln", sagte der Epidemiologe Diego Xavier von der Forschungseinrichtung Fundação Oswaldo Cruz der dpa. 

Womöglich könnten die P.1-Infizierten auch eine höhere Viruslast in sich tragen. Der brasilianische Virologe Atila Iamarino sagte in einem Interview mit der FAZ: "Bei den Patienten mit der Mutante wurde eine höhere Konzentration des Virus festgestellt. Unklar ist, ob die Mutante P.1 sich über einen längeren Zeitraum als das herkömmliche Virus reproduziert oder ob sie eine stärkere Produktion über denselben Zeitraum bewirkt." Überhaupt sind diese Ergebnisse noch sehr vorläufig.

Coronavirus - Was Corona-Mutanten so ansteckend macht Virusmutationen können eine Pandemie verändern. Wie solche Varianten entstehen, wann sie gefährlich sind und was sie für Impfungen bedeuten, erklären wir im Archiv-Video.

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Wann und wo tauchte diese Mutante zum ersten Mal auf?

Entwickelt hat sich die Variante im Herbst im Raum Manaus im brasilianischen Amazonasgebiet. Forscherinnen und Wissenschaftler schätzen, dass P.1 um den 6. November 2020 entstanden sein muss (MedRxiv: Faria et al., 2021, Preprint). Ende Dezember fanden Wissenschaftler sie in einem Gutteil der Proben aus dem brasilianischen Manaus (Virological: Rambaut et al., 2021).

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Kann man sich damit anstecken, wenn man schon Corona hatte?

Ja, das ist möglich. Eine überstandene Infektion mit einer anderen Coronavirus-Variante schützt wohl 25 bis 61 Prozent weniger wahrscheinlich vor einer Infektion mit P.1 als vor einer erneuten Ansteckung mit dem Wildtyp. Das schreiben Forschende aus São Paulo und London in der noch nicht begutachteten Studie (MedRxiv: Faria et al., 2021). Das könnte auch das Ausbruchsgeschehen im brasilianischen Manaus erklären: Dort hatten im Oktober 2020 bereits mehr als 70 Prozent der Bevölkerung Antikörper gegen den Wildtypen, legt eine Studie nahe (Science: Buss et al., 2021). 

Eigentlich hätte die Region damit die von vielen Wissenschaftlern erwartete Schwelle für Herdenimmunität erreicht. Die Variante P.1 breitete sich dennoch stärker unter den Menschen aus als die erste Epidemie im Frühjahr 2020. In Manaus waren im Januar die Krankenhäuser überlastet, der Sauerstoff zum Beatmen ging aus. Forscherinnen und Mediziner haben dort auch einzelne Fälle von Reinfektionen mit der Variante P.1 dokumentiert.

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Wo ist P.1 noch verbreitet?

In Deutschland wurde P.1 zum ersten Mal am 21. Januar am Frankfurter Flughafen nachgewiesen, bei einem Reiserückkehrer aus Brasilien. Bisher ist die Variante in Deutschland nur vereinzelt aufgetreten, Ansteckungen damit wurden hierzulande nicht bekannt. Ein weiterer Fall wurde am Dienstag aus Hamburg gemeldet. Mit welcher Virusvariante eine Person infiziert ist, wird seit Januar stichprobenartig ausgewertet. Das Virusgenom mindestens jeder 20. Probe wird im Labor sequenziert. In Baden-Württemberg wird jede positive Probe untersucht.

In Brasilien facht die Virusvariante P.1 die zweite Welle derzeit stark an. Mehr als 300.000 Menschen sind in dem südamerikanischen Land bisher an den Folgen von Covid-19 gestorben, in den vergangenen zwei Wochen kamen täglich mehr als 2.000 Todesfälle dazu. Im Bundesstaat Amazonas, dessen Hauptstadt Manaus ist, machte die Variante im Februar schon mehr als 90 Prozent der registrierten Neuinfektionen aus.

In Mexiko, Schweden, Belgien und Kolumbien verbreitet sich die brasilianische Variante mit Übertragungen im Land ebenfalls. In vielen anderen Ländern wurde P.1 nachgewiesen, aber ohne dass eine Ansteckung im Land vermutet wird. Das gilt zum Beispiel für die USA, Indien, Frankreich, die Schweiz, Italien, Finnland, Spanien und Portugal. Die dort dokumentierten Fälle traten vor allem unter Reisenden auf.

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Schützen unsere Impfungen vor dem mutierten P.1-Coronavirus?

In Laborversuchen haben neutralisierende Antikörper gegen die P.1-Variante etwa gleich gut gewirkt wie gegen B.1.1.7, schreiben Forscherinnen und Wissenschaftler der Universität Oxford in einem Preprint (BioRxiv: Dejnirattisai et al., 2021, Preprint). Das gilt für die Antikörper durch eine AstraZeneca-Impfung genauso wie für solche nach einer Impfung mit der BioNTech-Vakzine. Im Vergleich zum Wildtyp des Coronavirus ist die Wirkung dieser Antikörper im Labor gegen P.1. etwa dreimal geringer, was einem moderaten Abfall gleichkommt. Das ist ein geringerer Abfall als zunächst befürchtet: Bei der ähnlichen südafrikanischen Variante ist die Wirkung der Antikörper im Labor sieben- bis neunmal geringer. 

Auch der chinesische Impfstoff Sinovac wirkte in Labortests gegen die P.1-Variante. Sinovac und AstraZeneca werden in Brasilien seit Mitte Januar verimpft. Wie hoch die Wirksamkeit der verschiedenen Impfungen gegen P.1 jenseits des Labors, also im echten Leben ist, ist noch nicht bekannt. Dafür sind weitere Studien nötig. Absolute Klarheit darüber, wie die bisherigen Impfstoffe gegen P.1. wirken, können erst Studien in der Bevölkerung bringen.

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