Das Omikron-Virus hat sich in ganz Deutschland breitgemacht. Bundesweit dürfte es inzwischen dominant sein, also mehr als die Hälfte aller neuen Corona-Fälle ausmachen. Allerdings ist Omikron ungleich über die Landkarte verteilt. Dort, wo die Variante vorherrscht, sorgt sie für rasant ansteigende Infektionszahlen. Auch die Krankenhäuser in den betroffenen Regionen registrieren eine Zunahme der Covid-Patienten – diese Kurven verlaufen jedoch deutlich flacher.

Was bringt diese fünfte Corona-Welle bislang mit sich? ZEIT ONLINE hat Daten aus allen sechzehn Bundesländern ausgewertet: zur Zahl der Neuinfektionen, der Patientinnen und Patienten in den Kliniken, der belegten Betten auf den Intensivstationen und der Corona-Toten.

In der Woche bis zum 2. Januar machte Omikron in Deutschland mehr als 40 Prozent aller Neuinfektionen aus. In der Folgewoche waren es vorläufigen Daten zufolge etwa 73 Prozent, meldet das Robert-Koch-Institut. Regional gibt es allerdings große Unterschiede: In Bremen liegt der Anteil über 95 Prozent, in Mecklenburg-Vorpommern bei elf Prozent. Die Omikron-Welle ist also  nicht überall gleich weit vorgedrungen.

Werden die Kurvenverläufe aus Bremen also bald auch überall anders zu sehen sein? Das lässt sich mit Sicherheit nicht sagen. In gewisser Hinsicht bildet Bremen die Lage aber realistischer ab: Der Stadtstaat hat das Personal für die Fallermittlung über die Weihnachtstage nicht wie anderswo zurückgefahren, sondern sogar aufgestockt. Es ist also durchaus damit zu rechnen, dass sich die Neuinfektionen bundesweit rasch ähnlich entwickeln werden wie in Bremen. Die Auswirkungen auf die Krankenhäuser sind derzeit kaum vorherzusagen. Zumal sich bislang, wie stets am Anfang einer Welle, überwiegend junge Menschen infiziert haben, die nur selten schwer erkranken.

Schon eine Analyse der Omikron-Wellen im Ausland hat gezeigt, dass das Virus in jedem Land anders wirkt. Die Altersstruktur der Bevölkerung spielt eine Rolle, die geltenden Schutzmaßnahmen und deren Einhaltung, vor allem aber die Immunität der Bevölkerung: Wie viele sind genesen, wie viele geimpft, wie viele geboostert, und wie viel Zeit ist seit der letzten Dosis jeweils vergangen? Diesbezüglich gibt es auch innerhalb Deutschlands große Unterschiede. So sind 85 Prozent der Bremer zweimal geimpft, aber nur 62 Prozent der Sachsen. Die Quoten der Auffrischungsimpfungen unterscheiden sich ähnlich deutlich.

Dort, wo die Omikron-Inzidenz hoch ist, offenbaren sich ebenfalls deutliche Unterschiede, allein schon beim Vergleich der nördlichen Bundesländer: "In Bremen und Hamburg sehen wir einen deutlichen Anstieg der Krankenhausaufnahmen, in Schleswig-Holstein nur einen leichten Anstieg", sagt der Statistiker Helmut Küchenhoff von der Universität München. Das leichte Abflachen, dass bei den Kurven zuletzt zu sehen war, ist laut Küchenhoffs Analysen noch keine belastbare Trendumkehr.

Weniger Intensivpatienten und kürzere Klinikaufenthalte

Die Zahl der Patientinnen und Patienten auf den Intensivstationen hat in allen drei Ländern bislang höchstens geringfügig zugenommen. Dies passt zu internationalen Beobachtungen, wonach Omikron deutlich seltener als Delta zu sehr schweren Erkrankungen führt, die eine künstliche Beatmung erfordern. "Die gleiche Belastung der Intensivkapazitäten erreichen wir daher erst bei einer etwa viermal höheren Inzidenz als bislang", sagt der Biostatistiker Andreas Schuppert von der Rheinisch-Westfälisch-Technischen Hochschule Aachen.

Zu diesem Ergebnis kommt auch eine US-amerikanische, noch nicht unabhängig begutachtete Studie: Demnach ist das Risiko, auf die Intensivstation zu müssen, bei Omikron um drei Viertel reduziert. Auch eine Behandlung auf einer regulären Krankenhausstation ist bei einer Omikron-Infektion demnach weniger wahrscheinlich als mit Delta, allerdings reduziert sich dieses Risiko nur um die Hälfte. Zudem liegen Omikron-Patienten hier im Schnitt nur ein bis zwei Tage, während es bei Delta fünf Tage seien (Lewnard, Tartof et al., medRxiv 2022). "Wenn sich diese kürzere Liegedauer bestätigt, wäre das eine deutliche Entlastung für die Krankenhäuser", sagt Schuppert.

Weshalb viele Verläufe nun glimpflicher sind

Das geringere Risiko für eine schwere Erkrankung setzt sich aus zwei Komponenten zusammen: Zum einen löst Omikron generell weniger schwere Erkrankungen aus als Delta, zum anderen infizieren sich mit dieser Variante häufiger Geimpfte, die gegen schwere Verläufe einen erhöhten Schutz haben (UK Health Security Agency, 2021).

Auch wenn anteilsmäßig weniger Menschen mit Omikron ins Krankenhaus müssen: Ab einer gewissen Inzidenz wären die Kliniken trotzdem überlastet. Ein kleiner Anteil von einer sehr, sehr großen Zahl ergibt immer noch eine große Zahl. Die entscheidende Frage ist daher: Wie schnell steigt die Kurve – also, wie viele Menschen erkranken zur gleichen Zeit? Und wie lange steigt sie? In Dänemark und Großbritannien gehen die Infektionen inzwischen bereits wieder zurück. Wie schwer Deutschland von der fünften Welle getroffen wird, hängt davon ab, wann dieser Wendepunkt erreicht wird.