Im Fall der Wirecard-Pleite hat Insolvenzverwalter Michael Jaffé den früheren Vorstandsvorsitzenden des Zahlungsdienstleisters sowie weitere Manager auf Schadenersatz in Höhe von 140 Millionen Euro verklagt. Dies berichtet die Süddeutsche Zeitung unter Berufung auf die Klage beim Landgericht München I. Demnach geht es um angeblich leichtfertig vergebene Großkredite.

Die Klage richtet sich dabei nicht nur gegen den früheren Wirecard-Chef Markus Braun, sondern auch gegen den früheren und nun untergetauchten Vorstand Jan Marsalek. Verklagt wird auch der frühere Aufsichtsrat Stefan Klestil sowie ein weiteres früheres Mitglied des Kontrollorgans. Ihnen allen wird demnach vorgeworfen, an einer leichtfertigen Kreditvergabe mitgewirkt oder diese nicht verhindert zu haben.

Bei der Insolvenz des Finanzdienstleisters Wirecard handelt es sich um einen der größten deutschen Wirtschaftsskandale der vergangenen Jahrzehnte. Die Unternehmensspitze soll über Jahre Scheingeschäfte in Milliardenhöhe verbucht haben, um die Zahlungsunfähigkeit zu verschleiern und Kredite zu erschwindeln. Insgesamt 1,9 Milliarden Euro, die auf Treuhandkonten in Asien liegen sollen, sind nicht auffindbar. Mitte 2020 meldete der Dax-Konzern dann Insolvenz an.

"Sachverhalt trifft nicht zu und ist durch Fakten widerlegt"

Braun, der seit Juli 2019 in Untersuchungshaft sitzt, weist alle Vorwürfe zurück. Ein Sprecher sagte der SZ, Braun habe Anfang 2022 von einer gegen ihn und andere gerichteten Klage erfahren. Sein Mandant weise die geltend gemachten Ansprüche "vollumfänglich zurück" und werde sich gegen die Klage verteidigen. "Die Klageschrift unterstellt einen Sachverhalt, der tatsächlich nicht zutrifft und durch Fakten widerlegt ist."

Bei der Schadenersatzklage und den Arrestbeschlüssen geht es um hohe Kredite, die der Wirecard-Konzern dem in Singapur ansässigen Unternehmen Ocap gewährt hatte. Nach Erkenntnissen von Insolvenzverwalter Jaffé schulden Ocap und eine Ocap-Tochtergesellschaft in Luxemburg dem Wirecard-Konzern insgesamt 230 Millionen Euro. Der Verbleib des größten Teils des Geldes ist laut SZ offenbar unklar.

Das von dem ehemaligen Wirecard-Manager Carlos H. geleitete Unternehmen Ocap galt einst als strategischer Partner von Wirecard und sollte mit dem geliehenen Geld Händlergeschäfte vorfinanzieren. Erträge aus diesen Geschäften sollten dann Wirecard zugutekommen. Der Vorstand hatte laut SZ mit Billigung von Aufsichtsratsmitgliedern über Jahre hinweg immer mehr Kredite an Ocap vergeben. Als Michael Jaffé nach der Wirecard-Pleite dort als Insolvenzverwalter eingesetzt wurde, war bei Ocap kein Geld mehr vorzufinden. Inzwischen ist das in Singapur ansässige Unternehmen ebenfalls pleite.

"Auch Aufsichtsrat wurde getäuscht"

Ein Sprecher von Ex-Aufsichtsrat Klestil sagte der SZ, es sei bei Wirecard gelungen, alle Kontrollinstanzen inklusive Aufsichtsrat zu täuschen. Klestil sei von dem mutmaßlichen Betrug bei Wirecard ebenso betroffen wie viele andere. Er habe das höchste Interesse daran, dass alle Anleger so rasch wie möglich Klarheit und volle Information über die bekannt gewordenen Vorgänge bei Wirecard erhalten.

Die Klage zielt laut SZ letztlich auf jene Versicherungsunternehmen, bei denen Wirecard Manager-Haftpflichtpolicen abgeschlossen hat. Diese Versicherungen treten jedoch nur dann ein, wenn den betroffenen Vorständen und Aufsichtsräten keinerlei vorsätzliche beziehungsweise wissentliche Pflichtverletzungen oder gar Beteiligungen an Straftaten vorgeworfen werden kann.