Im Hafen von Klaipėda liegt Litauens Unabhängigkeit: ein Schiff, 294 Meter lang, hellgrau, blau und rot lackiert – der Name, Independence, passt. Es ist ein Terminal für Flüssiggas (LNG) und gilt als gut bewachtes "Objekt von nationaler Bedeutung". Lange wurde es belächelt, jetzt ist Ingenieur Linas Kilda von der staatlichen Betreiberfirma Klaipėdos nafta (KN) derjenige, der breit grinsend auf seine Konstruktion schaut.

Als Reaktion auf den Krieg in der Ukraine hat Litauen Anfang April als erstes Land in Europa alle Gaslieferungen aus Russland gestoppt. Das LNG-Terminal in der Ostseehafenstadt hat das möglich gemacht: Schiffe, die Flüssiggas vor allem aus den USA, Ägypten und bald auch Norwegen in großen kugelförmigen Tanks transportieren, können hier andocken. Auf der Independence wird die auf minus 163 Grad Celsius gekühlte, verflüssigte Ladung wieder gasförmig und anschließend durch unterirdische Leitungen in das Erdgasnetz gepumpt. 

Bei einer Bootsfahrt mit Journalisten präsentiert Kilda das schwimmende Terminal als großen Erfolg. Gräulich-blaue Rohre führen von dem Schiff zu einer kleinen Insel in der Mitte des Hafenbeckens. Am einen Ufer sind Container gestapelt, auf der anderen Seite brüten Vögel auf der Halbinsel Kurische Nehrung, einem Unesco-Weltkulturerbe. Nur etwa 50 Kilometer Luftlinie von hier entfernt verläuft die Grenze zur russischen Exklave Kaliningrad.

Ingenieur Linas Kilda kann sich noch erinnern, wie Russland Litauen schon mal das Gas abgedreht hat. © Lisa-Marie Eckardt/​ZEIT ONLINE

Betreten dürfen Journalisten das Terminalschiff nicht – aus Sicherheitsgründen. "Das Terminal entstand hauptsächlich wegen der Sicherheit, also der Unabhängigkeit von Russland", sagt Kilda, der seit Beginn der Planung dabei war und heute die Geschäftsentwicklung bei KN leitet. Einige Experten im Land würden sogar von einer Waffe zur Selbstverteidigung sprechen, sagt Kilda. Er selbst würde das nicht so sagen. "Uns war früh klar: Politische Unabhängigkeit ist schön und gut – aber wir brauchen auch wirtschaftliche Unabhängigkeit."

Russland hat Litauen schon vor 30 Jahren das Gas gekappt

Seit dem Krieg in der Ukraine ist die Unabhängigkeit von russischem Öl und Gas in ganz Europa ein Thema. Dass Russland gewillt ist, Gaslieferungen ohne Vorankündigung zu drosseln, hat es vergangene Woche wieder einmal gezeigt. Um rund 60 Prozent hat der Staatskonzern Gazprom seine Lieferungen durch die Ostseepipeline Nord Stream 1 gedrosselt. Auf der Suche nach Alternativen zu russischem Gas plant nun auch Deutschland die Errichtung eines LNG-Terminals. In Litauen ist man längst weiter – auch weil man schon vor 30 Jahren die Erfahrung gemacht hat, dass Russland seine Gasvorkommen als politisches Druckmittel einsetzt.

Nachdem sich Litauen 1990 als erste Sowjetrepublik für unabhängig erklärt hatte, stoppte Russland für etwa drei Monate seine Gas- und Öllieferungen. "Wir mussten beim Tanken stundenlang warten", erinnert sich Kilda. 2009 rutsche das Land erneut in die Abhängigkeit von russischen Gaslieferungen, als das Atomkraftwerk in Ignalina endgültig abgestellt wurde. "Litauen zahlte damals die höchsten Preise in Europa", sagt der Ingenieur. "Wir brauchten eine Alternative, um mit Gazprom verhandeln zu können." Die damalige Präsidentin Dalia Grybauskaitė trieb daraufhin den Bau des LNG-Terminals und andere Projekte voran – dazu gehört auch eine Pipeline nach Polen, die vor wenigen Wochen fertiggestellt wurde. 

Litauens LNG-Terminal im Netz der Gaspipelines

Vom schwimmenden LNG-Terminal in Klaipėda führen Pipelines nach Lettland,

Estland, Finnland und Polen.

Gasspeicher

Pipeline Land

Pipeline See

Quelle: Amber Grid, SciGRID

Litauens LNG-Terminal im Netz

der Gaspipelines

Vom schwimmenden LNG-Terminal in

Klaipėda führen Pipelines nach Lettland

Estland, Finnland und Polen.

Gasspeicher

Pipeline Land

Pipeline See

Quelle: Amber Grid, SciGRID

Litauens LNG-Terminal im Netz der Gaspipelines

Vom schwimmenden LNG-Terminal in Klaipėda führen Pipelines nach Lettland,

Estland, Finnland und Polen.

Gasspeicher

Pipeline Land

Pipeline See

Quelle: Amber Grid, SciGRID

Litauens LNG-Terminal im Netz

der Gaspipelines

Vom schwimmenden LNG-Terminal in

Klaipėda führen Pipelines nach Lettland

Estland, Finnland und Polen.

Gasspeicher

Pipeline Land

Pipeline See

Quelle: Amber Grid, SciGRID

2013 wurden der Vertrag unterzeichnet und Ingenieure wie Kilda beauftragt. Nach etwa 15 Monaten Bauzeit kam das Schiff im Oktober 2014 in Klaipėda an, sodass das Terminal schließlich Anfang 2015 in Betrieb gehen konnte. Litauen machte sich damit als erstes baltisches Land unabhängig vom russischen Gaskonzern Gazprom. Der jährliche Gasverbrauch Litauens liege etwa bei zwei Milliarden Kubikmeter, sagt Jurgita Šilinskaitė-Venslovienė, Handelschefin bei KN. Das Schiff habe aber eine Kapazität von 3,75 Milliarden Kubikmeter.

Die Independence sichert daher nicht nur die Energieversorgung von ganz Litauen. Auch die beiden anderen baltischen Staaten Lettland und Estland werden von hier aus beliefert, ebenso Finnland, das seit 2020 über die Pipeline Baltic Connector mit dem europäischen Netz verbunden ist – und seit Anfang Mai auch Polen mit dem neuesten Anschluss über die Pipeline GIPL (Gas Interconnection Poland-Lithuania).

Die KN-Handelschefin Jurgita Šilinskaitė-Venslovienė zeigt, wie die Rohre vom Schiff zu einer kleinen Insel verlaufen. © Lisa-Marie Eckardt/​ZEIT ONLINE

Heute sei das LNG-Terminal in Klaipėda zu 99 Prozent ausgelastet, sagt die KN-Handelschefin. Jeden Monat kommen drei Tankschiffe an, vor dem Krieg waren es ein bis zwei. Jedes davon hat eine Ladung von 100 Millionen Kubikmetern Flüssiggas. 

Lange Zeit war der Bau des Schiffes jedoch umstritten. Es stellte sich die Frage, warum man teures Flüssiggas kaufen und ein kostspieliges Terminal bauen sollte, da Pipelinegas aus Russland doch billiger war. Durch das Terminal habe sich der Preis aber dem westeuropäischen Niveau angeglichen, sagt Šilinskaitė-Venslovienė. Seitdem spare Litauen bis zu 160 Millionen Euro pro Jahr. Das LNG-Terminal selbst blieb jedoch mehr als sieben Jahre lang nur gering ausgelastet. Die Kapazität schien überdimensioniert. Kritisiert wurde auch, dass das Terminal der Umwelt und dem Tourismus schaden würde – und den Ausbau des Hafens behindern könnte.

Die russische Bedrohung ist in Klaipėda besonders nah

Auch einige Einwohner von Klaipėda waren zunächst nicht von der Idee begeistert, erinnert sich der Bürgermeister, Vytautas Grubliauskas. Viele hätten Sorge gehabt, das Schiff könnte explodieren. Andererseits ist die Bedrohung aus Russland gerade hier besonders nah. Die in Kaliningrad stationierten Raketen würden Klaipėda sehr schnell treffen, sagt der Bürgermeister. "Es ist nur eine Frage der Zeit, wer zuerst und wer als Nächstes dran ist." In der Grenzregion ist die Angst besonders groß, dass sich Russland hier einen Landweg nach Belarus erobern will. "Wir haben die Nato, aber wir können uns nie sicher genug fühlen."  

"Ich will kein Lehrer sein und anderen sagen: Warum habt ihr das nicht kommen sehen?", sagt Vytautas Grubliauskas, Bürgermeister von Klaipėda. © Lisa-Marie Eckardt/​ZEIT ONLINE

Schon bis Ende des Jahres will auch Deutschland ein schwimmendes LNG-Terminal wie in Litauen bauen – zunächst in Wilhelmshaven, irgendwann sollen es dann vier sein. Insgesamt wären in Deutschland bis zu sechs solcher Terminals möglich, sagt Kilda. Noch vor einigen Wochen glaubte er nicht daran, dass die Deutschen ihr Ziel so schnell umsetzen könnten – wegen der strengen Bauvorschriften. Jetzt ist er optimistischer. "Wir sind bereit, Deutschland dabei zu unterstützen", sagt Kilda.

Auch viele andere Länder in Europa haben LNG-Terminals, bauen oder planen welche. Von den schwimmenden Anlagen, auch FSRU (Floating Storage and Regasification Unit) genannt, gibt es europaweit bisher insgesamt drei. "Die Preise könnten in den nächsten zwei bis drei Jahren steigen, aber danach wird es genug Infrastruktur geben", sagt die KN-Handelschefin.

Litauen gilt inzwischen als Vorreiter. "Heute sind wir stolz darauf", sagt der Bürgermeister von Klaipėda. Nicht alle Länder könnten von einem Tag auf den anderen unabhängig von russischem Gas sein, das könne er verstehen. "Ich will kein Lehrer sein und anderen sagen: Warum habt ihr das nicht kommen sehen?", sagt er. "Wir Litauer haben Erfahrung mit den Russen. Das ist sehr tief in unseren Herzen und Köpfen. Wir haben der russischen Propaganda nicht geglaubt."


Grafik von und mit Annick Ehmann

Die Recherche zu diesem Text wurde unterstützt vom Deutschen Kulturforum östliches Europa – ein von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien geförderter gemeinnütziger Verein.