Die Inflation in Deutschland ist wegen des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine und anziehender Energiepreise im April voraussichtlich auf 7,4 Prozent gestiegen. Das sei der höchste Stand seit dem Herbst 1981, teilte das Statistische Bundesamt mit. Im März lag die Teuerung noch bei 7,3 Prozent.

Allein im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen kletterte die Teuerungsrate im April auf 7,7 Prozent und damit auf den höchsten Stand seit 1973. In Baden-Württemberg stieg der Wert auf 7,0 Prozent und somit auf das höchste Niveau seit Anfang 1974.  

Der russische Einmarsch in die Ukraine sorgt außerdem für stark steigende Energie- und Rohstoffpreise. Das spüren die Verbraucherinnen und Verbraucher beim Tanken und Heizen, aber auch durch teurere Nahrungsmittel.

Nahrungsmittel um 8,5 Prozent teurer

Am stärksten legten die Preise für Energie zu, sie stiegen nach den Berechnungen der Statistiker im Vorjahresvergleich um 35,3 Prozent. Im Vergleich zum Vormonat schwächte sich die Teuerung hier jedoch etwas ab. Im März hatte die Inflationsrate für Energie wie Heizöl oder Sprit noch bei 39,5 Prozent gelegen.

Der Anstieg der Nahrungsmittelpreise nahm dagegen weiter zu. Im April wurden Obst, Gemüse, Fleisch oder Getränke den Angaben zufolge um 8,5 Prozent teurer, im März hatte die Rate bei 6,2 Prozent gelegen. Dienstleistungen verteuerten sich im Jahresvergleich laut Statistik um 2,9 Prozent. Die Nettokaltmieten kletterten um 1,6 Prozent.

Dass die Verbraucherpreise auf breiter Front anziehen, und nicht nur rund um Energie, verstärkt bei Fachleuten zugleich die Sorgen, dass der Preisschub länger anhalten könnte als zunächst angenommen.

Bundesregierung rechnet für 2022 mit Inflation von 6,1 Prozent

Für den Inflationstrend der kommenden Monate und damit auch für die Rate für das gesamte Jahr sei nun "zentral, wie sich die Energiepreise weiter entwickeln", sagte der Ökonom Sebastian Dullien vom Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung. "Sollte es zu einem Lieferstopp russischen Gases kommen, dürfte die Inflation noch einmal einen deutlichen Sprung nach oben machen."

Bislang rechnet das IMK für 2022 mit einer Inflation von 6,2 Prozent. Die Bundesregierung geht von einer Teuerung von 6,1 Prozent aus. Das wäre der höchste Stand seit 1981, als infolge des Ersten Golfkriegs zwischen dem Irak und dem Iran die Mineralölpreise ebenfalls stark gestiegen waren. Im vergangenen Jahr lag die Rate bei 3,1 Prozent und 2020 nur bei 0,5 Prozent.

In jedem Fall rechnet das IMK im laufenden Jahr mit weiteren Preissteigerungen bei Nahrungsmitteln – etwa wegen hoher Düngemittelpreise, ausfallender Getreidelieferungen und hoher Energiekosten für Gewächshäuser.

Auch aus Sicht des Kiel Institut für Weltwirtschaft ist eine nachhaltige Entspannung bei den Verbraucherpreisen "vorerst nicht in Sicht". Die Forscher verwiesen vor allem auf die Erzeugerpreise, die im März mehr als 30 Prozent über dem Vorjahreswert gelegen hatten. Diese Anstiege würden "von den Unternehmen erst nach und nach an die Verbraucher weitergereicht" und hielten so die Inflation "für längere Zeit" hoch.

Christian Lindner warnt vor Entwicklung tiefer Krise

Bundesfinanzminister Christian Lindner zeigte sich wegen der hohen Inflation besorgt. "Das ist eine Belastung für viele Menschen." Eine so hohe Teuerungsrate gefährde die Stabilität der Wirtschaft und gehe zulasten von Investitionen, sagte der FDP-Vorsitzende in Berlin. "Aus einer solchen wirtschaftlichen Lage kann sich eine tiefe Krise entwickeln." Deswegen entlaste die Bundesregierung bereits Unternehmen und private Haushalte.

Die Linke sprach angesichts der Lage von ärmeren Menschen von einem "unsäglichen Zustand für so ein reiches Land wie Deutschland". Löhne und Renten "verlieren längst nicht mehr nur noch an der Zapfsäule an Wert, sondern zunehmend auch im Supermarkt", sagte der Finanzpolitiker Christian Görke. Die Entlastungspakete der Regierung reichten nicht aus und müssten nachgebessert werden.

Auch im Euroraum treiben vor allem die Energiepreise die Teuerung nach oben. Im März stiegen die Verbraucherpreise im Währungsraum im Jahresvergleich um 7,4 Prozent, wie das Statistikamt Eurostat errechnet hat. Das ist der höchste Stand seit Einführung des Euro als Verrechnungswährung im Jahr 1999. Im Februar des laufenden Jahres hatte die Inflationsrate im Euroraum noch 5,9 Prozent betragen.

EZB-Rat schließt Zinserhöhung im Juli nicht aus

Die hartnäckig hohe Inflation erhöht den Druck auf die Europäische Zentralbank (EZB), ihren Kurs des billigen Geldes zu beenden und die Zinsen anzuheben.

Schon länger werfen Kritiker der EZB vor, mit ihrer Geldflut die Inflation anzuheizen. Oberstes Ziel der Notenbank sind stabile Preise bei zwei Prozent Teuerung. Mit einer Zinsanhebung könnte die EZB auf die hohe Inflation reagieren. Mehrere Mitglieder des obersten Entscheidungsgremiums der Notenbank, des EZB-Rats, schlossen in jüngsten Äußerungen eine erste Zinserhöhung im Juli dieses Jahres nicht aus.