Die Europäische Zentralbank (EZB) ist nach Aussage ihrer Chefin Christine Lagarde trotz der Erwartung abflauender Inflation grundsätzlich offen für künftige geldpolitische Kurswechsel. Derzeit sei zwar nicht absehbar, dass die Inflation über eine Lohn-Preis-Spirale außer Kontrolle gerate, sagte sie auf dem pandemiebedingt online ausgerichteten Weltwirtschaftsforum von Davos. Die EZB gehe vielmehr davon aus, dass die derzeit hohe Teuerung schrittweise zurückgehen werde. "Doch das bedeutet nicht, dass wir nicht offen sein müssten für Änderungen am Inflationsausblick", fügte sie hinzu.

Generell sei der Ausblick "mit großer Unsicherheit behaftet", sagte Lagarde. Die Geldpolitik sei abhängig von der Datenlage. Im März stünden neue Projektionen der EZB-Volkswirte an. "Das könnte anders aussehen", sagte sie. Wenn es so käme, müsse sich die EZB ihren Fahrplan für das weitere geldpolitische Vorgehen anschauen. Jedenfalls werde sich die EZB nach dem Ende der Anleihekäufe auch anderen Instrumenten wie etwa Zinserhöhungen zuwenden. "Wir werden handeln, sobald die Kriterien erfüllt sind, aber im Moment sind sie nicht erfüllt", sagte Lagarde.

In den vergangenen Monaten sind die Inflationsraten in Europa kräftig gestiegen. In Deutschland lagen die Verbraucherpreise im Dezember um 5,3 Prozent über dem Niveau des Vorjahresmonats – das war der höchste Stand seit Juni 1992. Im Euroraum lag die Inflation im Dezember bei 5,0 Prozent und damit so hoch wie noch nie seit der Einführung des Euro vor 20 Jahren. Vor allem der starke Anstieg der Energiepreise sowie Lieferengpässe ließen die Teuerungsrate steigen.

Eine höhere Inflation schwächt die Kaufkraft von Verbrauchern, weil sie sich für einen Euro weniger kaufen können als zuvor. Kritiker werfen der EZB vor, mit ihrer sehr lockeren Geldpolitik und milliardenschweren Anleihenkäufen die Teuerung weiter anzuheizen. Die Notenbank strebt im gemeinsamen Währungsraum ein stabiles Preisniveau bei einer jährlichen Teuerungsrate von zwei Prozent an. Dabei ist sie zumindest zeitweise bereit zu akzeptieren, dass diese Marke moderat über- oder unterschritten wird.

Intern ist die EZB nach Informationen der Nachrichtenagentur Reuters beim Inflationsausblick uneins. Wie aus den Protokollen der Zinssitzung vom Dezember hervorgehe, kreiste die Diskussion darum, ob sich die Inflation länger als erwartet halten könnte, berichtete die Agentur. Ein solches Szenario ist demnach aus der Sicht einiger Währungshüter nicht auszuschließen. Dabei verwiesen sie darauf, dass die EZB bei ihrer Projektion für die Inflationsentwicklung 2023 und 2024 bereits dicht am Inflationsziel von 2,0 Prozent steuere. Da diese Vorhersage mit Aufwärtsrisiken behaftet sei, könne aber auch ein Wert über der Zielmarke herauskommen.