Während der Wahlkampf in seine heiße Phase geht und immer noch hauptsächlich von persönlichen Angriffen dominiert wird, gehen wichtige und dringende Probleme unter. Die Rente ist zum Beispiel so ein Thema.

Nicht nur, dass die Altersarmut in Deutschland im kommenden Jahrzehnt massiv ansteigen wird. Unser Rentensystem entwickelt sich immer stärker zu einer massiven Umverteilung von unten nach oben, von Arm zu Reich. Einer der wichtigsten Treiber dieser Ungleichheit liegt in den unterschiedlichen Lebenserwartungen je nach Stellung im Beruf oder Bildungsniveau. Dies erfordert grundlegende Veränderungen der gesetzlichen Rente, damit diese nicht nur auskömmlich für alle ist, sondern die Gesellschaft nicht noch stärker spaltet.

Äquivalenzprinzip ist Augenwischerei

Ein Grundpfeiler der gesetzlichen Rente in Deutschland ist das sogenannte Äquivalenzprinzip: Jeder Euro, der von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern in die Rentenkasse eingezahlt wird, erzielt den gleichen Anspruch an monatlichen Rentenzahlungen im Alter. Das klingt erst einmal fair, ist es aber nicht. Denn wie eine neue Studie des DIW Berlin im Auftrag des Sozialverbands VdK zeigt, haben Menschen mit physisch und psychisch anspruchsvoller Arbeit nicht nur eine höhere Wahrscheinlichkeit berufsunfähig zu werden, sondern sie haben vor allem eine deutlich geringere Lebenserwartung. So ist die Lebenserwartung eines Arbeiters beim regulären Renteneintritt mehr als fünf Jahre geringer als diejenige eines Beamten. Der Unterschied bei Frauen ist geringer, aber mit drei Jahren immer noch deutlich.

Dies bedeutet ganz konkret, dass das Äquivalenzprinzip eigentlich Augenwischerei ist, denn Menschen mit einer physisch wie psychisch anspruchsvollen Arbeit werden mit hoher Wahrscheinlichkeit ihre Rente für einen deutlich kürzeren Zeitraum beziehen als Beamte und Beamtinnen, die in den allermeisten Fällen Bürojobs machen. Hinzu kommt, dass eine starke Korrelation zum Einkommen besteht: Arbeiterinnen und Arbeiter haben nicht nur eine deutlich kürzere Lebenserwartung, sondern beziehen geringere Löhne und Einkommen und somit auch niedrigere monatliche Renten.

All dies bedeutet, dass die gesetzliche Rentenversicherung Deutschlands eine Umverteilung von unten nach oben, von Arm zu Reich ist. Dies geht so weit, dass einzelne Einkommens- und Berufsgruppen bei der gesetzlichen Rentenversicherung eine "negative Rendite" erzielen: Sie zahlen während ihrer Erwerbstätigkeit mehr Euro in die gesetzliche Rente ein, als sie im Alter an Rente insgesamt ausgezahlt bekommen. Zudem geht es dabei nicht nur um die Beitragszahlungen, sondern auch um die riesigen steuerlichen Zuschüsse für die gesetzliche Rente. Dies bedeutet konkret, dass ein überproportional großer Teil der rund 100 Milliarden Euro der steuerlichen Zuschüsse der Bundesregierung – das sind knapp drei Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung – denjenigen zugutekommt, die gut bezahlte Jobs hatten und eine lange Lebenserwartung haben.

Reform tut not

Nun lässt sich kritisch einwenden, dass es nicht zwingend eine Kausalität zwischen geringen Löhnen, der Beschäftigung in bestimmten Berufen und einer geringeren Lebenserwartung gäbe. Denn die Lebenserwartung hängt auch vom eigenen Verhalten ab, wie der Ernährung und dem Konsum von Tabak und Alkohol. Dieser Einwand ist sicherlich richtig. Richtig ist aber auch, dass ein erheblicher Teil der Lebenserwartung von der Art der Arbeit abhängt. Zudem ist es recht zynisch, Menschen mit geringen Einkommen vorzuhalten, dass sie sich nicht gesünder ernähren oder häufiger in den Urlaub fahren.

Richtig ist auch, dass die gesetzliche Rente durch die demografische Alterung über das kommende Jahrzehnt immer weniger leistungsfähig wird und somit auch eine immer schlechtere Absicherung im Alter sicherstellen kann. Daher muss die nächste Bundesregierung dringend die gesetzliche Rentenversicherung in Deutschland reformieren und auf eine nachhaltige Basis stellen. Dazu gehört auch die Erhöhung des Renteneintrittsalters, wie im Gutachten des Beirats des Bundeswirtschaftsministeriums dargestellt. (Zur Transparenz: Ich bin Mitglied in diesem Beirat.) Ein zentrales Problem dabei ist jedoch, dass viele Menschen mit physisch wie psychisch anspruchsvollen Jobs schon heute häufig nicht bis zum Renteneintrittsalter durchhalten und dies noch weniger werden tun können, wenn das Eintrittsalter für die Rente weiter ansteigt.