La Cina è vicina, China ist nebenan: Das war einst ein beliebter Spruch in Mailand. Damit ist erst mal Schluss. Schon als Ende Januar in Rom ein chinesisches Ehepaar positiv auf das Coronavirus getestet wurde, blieben in den Geschäften und Lokalen von Mailands beliebtem Chinatown von einem Tag auf den anderen die Kundinnen und Kunden weg. Und die in Mailand lebenden und arbeitenden Chinesinnen und Chinesen mussten sich hässliche und rassistische Bemerkungen anhören. In anderen Städten wie Turin oder Venedig kam es gar zu gewalttätigen Übergriffen.

Seit aber am vergangenen Donnerstag in Codogno, einer 60 Kilometer südöstlich von Mailand gelegenen Gemeinde, der erste Coronavirus-Fall bekannt wurde, hat sich die Lage noch einmal dramatisch verschlechtert. Ein 38-jähriger Manager hatte sich dort mit dem Virus infiziert und weitere Menschen angesteckt. Fast zeitgleich wurde in Venetien in der 3.000 Einwohner Ortschaft Vo’ Euganeo unweit von Padua ein weiteres Infektionszentrum ausgemacht. Am Freitag beklagte man dort den ersten Todesfall. Weitere positiv auf den Virus getestete Patienten gab es im Piemont, in der Emilia-Romagna und im Latium.

Am schwersten betroffen bleibt aber die Lombardei. Aktuell sind allein hier mehr als hundert Menschen an dem Coronavirus erkrankt, davon zwei Fälle im Großraum Mailand. Die Zahl steigt schnell. Bis zum frühen Montagabend sind italienweit Behördenangaben zufolge bereits sechs Menschen an der Lungenerkrankung gestorben und mehr als 220 infiziert. Mittlerweile hat die Regierung per Dekret Codogno und neun weitere Gemeinden in der unmittelbaren Umgebung sowie die Ortschaft Vo’ Euganeo unter Quarantäne gestellt. 

"Im Moment scheint alles aus dem Ruder zu laufen"

Im Großraum der Industriemetropole Mailand wurde die Schließung von Kitas, Schulen und Universitäten für zunächst eine Woche verordnet und jegliche Freizeitgestaltungen untersagt. Theater und Kinos bleiben geschlossen, Bars und Lokale müssen um 18 Uhr schließen, nur die Restaurants dürfen ihre normalen Öffnungszeiten beibehalten. Sogar der Mailänder Dom hat seine Tore verriegelt.

Zwar mahnen die Behörden, klaren Kopf zu behalten, und die Mailänderinnen und Mailänder versuchen sich daran zu halten. Dennoch steigt sich Sorge. Alle treffen die Vorsichtsmaßnahmen, die sie für richtig halten – und viele bleiben dem chinesischen Viertel fern. Am Sonntagnachmittag war die Via Paolo Sarpi, die Einkaufsstraße von Chinatown, trotz Frühlingswetters menschenleer. Vor einem beliebten Streetfood-Lokal, wo die Menschen normalerweise Schlange stehen, war gerade einmal eine Handvoll Leute. Die Verkäuferinnen trugen alle Mundschutz. "Na ja, wir wollen der Psychose entgegensteuern", erklärt eine von ihnen, die anonym bleiben möchte. "Keine Ahnung, wie es weitergehen soll", fügt sie mit Blick auf die Straße hinzu, "nirgendwo sind Kunden."

Chinesen sieht man auch kaum, und die wenigen, die sich zeigen, tragen, anders als die Mailänder, meist einen Mundschutz, denn man will nicht angepöbelt werden. "Ja, es hat auch schon gehässige Bemerkungen gegeben, aber im Großen und Ganzen ist Mailand seinem kosmopolitischen Ruf gerecht geworden", sagt Francesco Wu, Ratsmitglied des Handelsverbands Confcommercio und Referent für das chinesische Gewerbe in der Stadt. Doch er fragt sich, wie es weitergehen solle, wenn die Regierung in Rom und die Verwaltung die Lage nicht in den Griff bekämen. "Im Moment scheint alles aus dem Ruder zu laufen."