In unserer Kolumne "Grünfläche" schreiben abwechselnd Christof Siemes, Anna Kemper, Oliver Fritsch und Stephan Reich über die Fußballwelt und die Welt des Fußballs. Dieser Artikel ist Teil von ZEIT am Wochenende Nr. 20/2022. Die aktuelle Ausgabe lesen Sie hier.

Es gibt ein YouTube-Video von der Wuppertaler Schwebebahn, das ich mir immer wieder ansehe. Die Aufnahmen sind von 1902, die Kamera ist an der Front der Schwebebahn angebracht und drei Minuten fliegt man durch ein längst vergangenes Wuppertal. Pferdewagen fahren über die ansonsten verwaiste Straße, alles ist in Sepiatönen, und hinter der sentimentalen Musik, mit der der Clip unterlegt ist, hört man die Bahn in den Kurven ächzen. Und immer mal wieder hebt einer der Passanten erstaunt den Kopf.

Das ist, finde ich, ein erstaunliches Fenster in eine Welt, die es so nicht mehr gibt. Oder anders: eine Drehtür. Durch das Schwebebahnvideo schaue ich kurz ins Leben dieser Menschen, und sie schauen die Schwebebahn an und sehen in die Zukunft. Denn was wird beim Anblick der Bahn wohl in den Köpfen dieser Leute los gewesen sein? Da sitzt man auf seinem State-of-the-Art-Pferdewagen, geht seinen 1902er-Verrichtungen nach, ein wenig Radium in der Apotheke kaufen oder an Typhus sterben oder was man damals halt so tat, und plötzlich schwebt einem ein zwanzig Meter langes Raumschiff durchs Leben. Ein sehr eindrücklicher Vorbote einer nahenden Technisierung, von der man nur so viel ahnt, wie im Preußischen Staatsanzeiger geschrieben steht, wenn man denn lesen kann, während das Pferdewagenpferd ein paar Äpfel verliert.

So in etwa, ohne Pferdeäpfel, Radium oder Typhus, geht es mir manchmal, wenn ich Erling Haaland Fußball spielen sehe. Nicht falsch verstehen: Mit Borussia Dortmund verbindet mich nichts, mit Manchester City, wo Haaland nun hinwechselt, noch weniger. Und fängt jemand von der RB-Schule an, aus der Haaland ja kommt, täusche ich eine Magen-Darm-Grippe vor und beende das Gespräch. Aber der Spieler Haaland ist meine persönliche Wuppertaler Schwebebahn.

Ich wurde sozialisiert mit Fußballern wie Manfred Binz oder Michael Wittwer, ehrliche Fußballarbeiter, die ihrem Sport nachgingen wie einer Maurerlehre. Ein Vierteljahrhundert später sitze ich vor dem Fernseher und sehe einen Marsmenschen namens Haaland durch ein Fußballspiel rasen und bin nicht mehr sicher, ob ich mich nicht aus Versehen auf die Fernbedienung gesetzt und auf The Avengers umgeschaltet habe.

Ein Typ wie ein einziger, 1,94 Meter großer Oberschenkelmuskel, der stets so wirkt, als sei er aus irgendeiner Kanone geschossen worden, um mit 4 G vorm gegnerischen Torwart aufzutauchen und ein brennendes, ballförmiges Loch im Tornetz zu hinterlassen. Es gibt ein Video von Haaland aus einem Spiel des BVB gegen Paris, in dem er bei einem Konter so schnell von Sechzehner zu Sechzehner rennt, dass man das Gefühl hat, er würde gleich vorne aus dem Bild heraus- und hinten wieder hineinsprinten.

Es ist, als gälten für ihn andere Bildraten bei der Übertragung, als würde er vorgespult. Man stelle sich Haaland in einem Laufduell mit Binz, Wittwer oder einem der anderen Fußball-Manfreds früherer Dekaden vor. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie Haalands Top-Speed, der bei mehr als 36 Kilometern pro Stunde liegt, nicht mal auf dem Fahrrad hinbekämen. Ja nicht einmal auf einem Pferdewagen. Wahrscheinlich würden sie einfach um Haaland zu gravitieren beginnen.

So werde ich an diesem letzten Bundesligaspieltag ein letztes Mal vor der Dortmunder Schwebebahn stehen und staunen. Die Wuppertaler Schwebebahn hat übrigens eine Höchstgeschwindigkeit von 60 Kilometern pro Stunde, das aber nur am Rande. Haaland ist allerdings recht oft verletzt, und ich befürchte ein wenig, dass sein Körper seinem Tempo nicht so recht gewachsen ist. Ein Problem, das schon andere fußballerische Schwebebahnen aus dem Tritt gebracht hat, etwa den echten Ronaldo damals. Bleibt er aber von größeren Wehwehchen verschont, ist Haaland ein Blick in die Zukunft. Weshalb er auch bald in England spielt und nicht mehr in Deutschland. Auf der Insel ist der Sport schon am athletischsten, bald ziehen die Spieler einen Kometenschweif über den Platz.

Finde ich das nun gut oder schlecht? Nun: Die Wuppertaler Schwebebahn ist nach wie vor im Einsatz, wirklich durchgesetzt als Transportmittel hat sie sich außerhalb Wuppertals aber nicht. Schön ist sie trotzdem. Ich bin sicher, dass ab und an immer noch ein Passant stehen bleibt und erstaunt den Kopf hebt.