Konkurrenten seit ihrer Kindheit – Jan Nepomnjaschtschi und Magnus Carlsen bei der Eröffnungspressekonferenz der WM in Dubai © GIUSEPPE CACACE/​AFP via Getty Images/​AFP/​Getty Images

Nun sitzt er da, am Mittwoch in Dubai, vor der versammelten Presse im Medienzentrum der Weltausstellung, und soll was sagen, soll sich zeigen: Jan Nepomnjaschtschi, 31 Jahre alt, erstmals im WM-Kampf. Was für ein Typ. Haarknolle auf dem Hinterkopf, Stirnkoteletten oberhalb der Augenbrauen; seine Erscheinung fordert zum Hinsehen auf. Den Blicken weicht er aus, den eigenen Blick auf unendlich gestellt, auf dem Stuhl herumrutschend, mal nach vorn sich beugend, mal zur Seite sich neigend. Er hat seine Position noch nicht gefunden.

Herausforderer des Schachweltmeisters zu sein, das ist auch eine Bürde. Und von Freitag an wird sich weisen, ob er sie schultern kann, ob er den Anforderungen eines hammerharten Titelkampfes standhalten kann, ob er es sogar fertigbringt, den legendären Magnus Carlsen vom Thron zu stoßen.

Der sitzt jetzt ganz ruhig neben ihm, zurückgelehnt, die Arme verschränkt, er kennt das alles. Es ist sein fünfter Titelkampf.

Konkurrenten seit ihrer Kindheit

Wer ist Nepo (um den hakeligen Namen gleich mal abzukürzen, wie es in der Schachwelt alle tun)? Er stammt aus Brjansk, einer Stadt von der Größe Bochums, gelegen 350 Kilometer südwestlich von Moskau. Der Name "Brjansk" ließe sich mit "Dickicht" übersetzen, hier stehen die Wälder, aus denen heraus die sowjetischen Partisanen im Zweiten Weltkrieg gegen die deutschen Besatzer Widerstand leisteten.

Geboren 1990. Nepos Mutter unterrichtet Mathematik, einen Vater hatte er nicht. Ein Großvater und ein Onkel nahmen sich des Jungen an. Als Vierjähriger machte er seine ersten Züge auf dem Brett. Seine Begabung wurde schnell erkannt, bald trainierte er mit einem Großmeister. So schildert es Mark Glukowski in einem sehr wohlwollenden Porträt für das Fachmagazin New In Chess.

Im Alter von elf Jahren errang Nepo 2002 auf Kreta den Titel des U12-Weltmeisters. Es gibt ein schönes Foto von der Siegerehrung: links der kleine Jan im adrett gemusterten Hemd, rechts der kleine Magnus in einer blauen Trainingsjacke, beide mit Pokal, Gold und Silber.

Sie sind Konkurrenten seit ihrer Kindheit.

Während Carlsen eine steile Karriere hinlegte und im Alter von 22 Jahren Weltmeister wurde, ließ sich Nepo Zeit. Zur absoluten Spitze stieß er erst im Februar 2019 vor. Das Kandidatenturnier im russischen Jekaterinburg im April gewann er mit Bravour, eine Runde vor Schluss. 

Spieler, die Carlsen für gefährlicher hält, haben sich im Kandidatenturnier nicht durchsetzen können: der in der Eröffnung so starke US-Amerikaner Fabiano Caruana ebenso wenig wie der unerschütterliche Chinese Ding Liren, der einmal 100 Partien lang ohne Niederlage blieb.

Ian Nepomniachtchi nach seinem Sieg im Kandidatenturnier in Jekaterinenburg (April 2021). © Donat Sorokin/​TASS/​ddp/​Sipa USA

Was hatte Nepo zwischenzeitlich schlingern lassen? War es das Onlinecomputerspiel DotA, dem er sich längere Zeit widmete? Hätte er mit dieser Disziplin damals schon Geld machen können, wäre er womöglich ein professioneller Gamer geworden. Das war nicht abzusehen und so kehrte er zum Schach zurück.

Seine Ratingkurve zeigt in ihrer Gesamtheit nach oben, während Carlsens Werte nach Erreichen eines Maximums seit einiger Zeit bröckeln und dümpeln. Die Tendenz spräche somit für Nepo, die absolute Punktzahl für Carlsen. Er hält Platz eins der Weltrangliste seit vielen Jahren, Nepo ist bis auf Platz fünf herangekommen.

Positive Bilanz gegen Carlsen

Gegeneinander haben sie erst 13 langsame Partien gespielt. Acht endeten unentschieden, vier gewann Nepo, eine Carlsen. Noch nie hat ein Schachweltmeister gegen einen Herausforderer antreten müssen, gegen den er eine klar negative Bilanz hat.

Im Sport ist es allerdings wie an der Börse: Abbilden lässt sich nur die Vergangenheit. Wenn auch kaum jemand Carlsen eine Niederlage prophezeien will, so scheuen sich doch alle Schachbeobachter, Nepos Chancen kleinzureden. Der Mann kann was; jetzt könnte sein Moment kommen. Er entfaltet in seinen Partien von Anfang an Druck durch gute Vorbereitung, liebt aggressive Züge und findet sie schnell.

Ach ja, und die Pressekonferenz, was sagt Nepo, zwei Tage vor dem Kampf? Nun, egal, auf welche Frage, sagt er gern: "Das ist eine gute Frage!" Und dann irgendetwas Belangloses. Carlsen macht es ähnlich. Gleich werden sie nämlich in einem drei Wochen langen Tunnel verschwinden. Da ist ihnen nicht nach Plaudern zumute, nach Ausplaudern schon gar nicht.

Am Freitag um 13.30 Uhr deutscher Zeit beginnt die erste Runde der Schach-WM in Dubai. ZEIT ONLINE überträgt einen Livestream. Unser Reporter Ulrich Stock schreibt vom Ort des Geschehens. Großmeister Niclas Huschenbeth liefert aus Berlin Videoanalysen der Partien zu. Der Titelkampf findet auf dem Gelände der Weltausstellung Expo statt. Er ist auf 14 Runden angesetzt und könnte bis Mitte Dezember dauern.