24 Mannschaften treten bei der Fußballeuropameisterschaft an. Für jede hat eine Redakteurin oder ein Autor von ZEIT ONLINE oder DIE ZEIT die Patenschaft übernommen. Unsere EM-Paten begleiten ihr Team durchs Turnier und schreiben persönliche Spielberichte.

Niederlande - Tschechien 0:2 (0:0)

Es war doch eigentlich alles klar: Ein souveräner Gruppensieger gegen einen mühsam weitergerobbten Dritten. Das Team mit den meisten Toren, den meisten Torvorlagen, den meisten erfolgreichen Dribblings der Vorrunde gegen eine Mannschaft, deren Spielmacher verletzt ausfällt und in deren Kader sogar Zweitligakicker stehen. Der 16. der Weltrangliste gegen den 40. – wer anders als die Niederlande sollte dieses dritte Achtelfinale gewinnen? Und so rechneten die holländischen Zeitungen schon mal aus, wie der weitere Turnierverlauf für die Elftal aussehen könnte: Dänemark im Viertelfinale? Kein Problem. Und wenn man erst mal im Halbfinale ist, kann man auch gleich das ganze Turnier gewinnen.

Aber wie hatte einst Helmut Schmidt dekretiert, der altbundesdeutsche Pragmatikerkanzler: Wer Visionen habe, solle zum Arzt gehen. Das haben die Niederländer offenbar nicht gemacht, sondern einfach weitergeträumt. Und 0:2 gegen Tschechien verloren.

Dabei hätten sie es wissen können. Von den zehn Pflichtspielen gegeneinander hatte Oranje nur drei gewonnen, Tschechien dagegen fünf. Eigentlich ein Angstgegner also. Aber auch das gehörte schon immer zur niederländischen (Fußball-)Vision: ein Selbstbewusstsein bis zur Überheblichkeit – vielleicht letzte Spurenelemente jenes Gefühls einer Weltmacht, die man mal war. Zunächst scheint auch an diesem heißen Sonntagabend alles nach Plan zu laufen: Aufgepeitscht vom ausverkauften Stadion in Budapest kennt das orange Spiel nur eine Richtung – nach vorne. Schon in der ersten Minute steht der Mann der Vorrunde, Denzel Dumfries, Rechtsverteidiger und Rechtsaußen in einem Körper, völlig frei vor dem Tor der Tschechen. Wenig später wechselt er sogar die Seite und stürmt von links in den Strafraum.

Spielen geht vor Gewinnen

Das ist sie doch, die Unberechenbarkeit, die das niederländische Spiel immer ausgezeichnet hat, seit Johan Cruyff und Rinus Michels in den Siebzigern bei Ajax Amsterdam den totaalvoetbal erfanden. Staunend schaut man auf Videos aus jener Zeit, als die Elftal mit sechs, sieben Spielern auf den ballführenden Gegner zustürzte und ihm wie ein Rudel Hyänen die Beute abjagte. Sobald es den Ball hatte, schwärmte das Rudel aus über die ganze Breite des Platzes. Von heute aus betrachtet, sieht das einigermaßen vogelwild aus, war aber volle Absicht – visionär eben. Die Positionen waren fluide: Der Stürmer Cruyff ließ sich mitunter bis in die Innenverteidigung zurückfallen, um an den Ball zu kommen und von dort einen neuen Angriff zu initiieren.

Damit diese Unvorhersehbarkeit nur für den Gegner und nicht für einen selbst zum Problem wird, muss das vermeintliche Chaos immer wieder geübt werden. Und für diese Systematisierung des Verwirrspiels erfand man im modernen niederländischen Fußball einen klaren Plan: die Zeister Vision. Benannt ist sie nach dem Städtchen Zeist südlich von Utrecht, in dem der KNVB, der Koninklijke Nederlandse Voetbal Bond, seinen Sitz hat. Einer der zentralen Glaubenssätze: Spielen geht vor Gewinnen. Nichts wird isoliert geübt, sondern alles in Spielformen trainiert. So sollen schon die Kleinsten lernen, wie man die Probleme löst, vor die man später, bei den Großen, gestellt wird. Zum Beispiel in einem EM-Achtelfinale gegen Tschechien.

Dieser Gegner erweist sich aber als bestens vorbereitet auf die Visionäre in Orange. Unbeeindruckt von der holländischen Raserei und mit etwas Glück zerren die beeindruckend reckenhaften Tschechen das Momentum dieses Spiels auf ihre Seite. Und in der 52. Minute kippt es endgültig: Kaum ist das große Sturmtalent Donyell Malen bei einem Hundertprozenter am tschechischen Keeper Tomáš Vaclík hängen geblieben, wird im Gegenzug Matthijs de Ligt am eigenen Strafraum überlaufen und weiß sich als letzter Mann nur noch mit einem tollpatschigen Handspiel zu helfen – Platzverweis.