Sie wurde in Duisburg geboren und wohnt dort bis heute: Die neue Bundestagspräsidentin Bärbel Bas (SPD) versucht, dem oft übersehenen Ruhrgebiet mehr Sichtbarkeit zu verschaffen. Wir haben vor der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen mit ihr darüber gesprochen, was diese Region besonders macht und was der Rest des Landes vom Ruhrgebiet lernen könnte.

ZEIT ONLINE: Frau Bas, Sie haben in Ihrer Antrittsrede als Bundestagspräsidentin gesagt: "Duisburg, wo ich geboren bin, hat übrigens auch noch nie erlebt, dass ein Kind der Stadt in ein hohes Staatsamt gewählt wurde!" Warum mussten Sie das "loswerden", wie sie sagten? 

Bärbel Bas: Weil ich klarmachen wollte: Ich gehöre zu diesem speziellen Menschenschlag. Und weil ich manchmal den Eindruck habe, dass das Ruhrgebiet nicht genug für sich wirbt. 

ZEIT ONLINE: Was ist das für ein Menschenschlag? 

Bas: Wir sind sehr direkt. Man merkt bei uns sofort, wenn uns etwas nicht passt. Die Menschen im Pott reden nicht lang drum rum. Sie haben außerdem ein feines Gespür für Ungerechtigkeit und eine sehr hohe Solidarität untereinander. Das gefällt mir. 

ZEIT ONLINE: Sie treten als zweithöchste Repräsentantin des Staates anders auf als Ihre Vorgänger, ungezwungener, lockerer. Hat das auch mit ihrer Heimat zu tun? 

Bas: Das werde ich häufig gefragt. Aber mein Vorgänger Norbert Lammert kam aus Bochum, und bei ihm war das kein Thema. Aus meiner Sicht hängt es auch davon ab, wie man aufwächst und eine gewisse Direktheit einfach mitbekommt. Mein Bildungsweg ist nun einmal ein anderer als der meiner Vorgänger. So wie jeder Mensch verschieden ist. 

ZEIT ONLINE: Ihr Vater war Busfahrer, Ihre Mutter Hausfrau. Sie haben fünf Geschwister und Sie sind eine der wenigen Bundestagsabgeordneten ohne Abitur und Uniabschluss. 

Bas: Ja, ich komme aus einfachen Verhältnissen und wollte deshalb möglichst früh mein eigenes Geld verdienen und unabhängig sein. Das geht vielen Menschen so. Ich bin dankbar, dass es in Deutschland über Weiterbildungen möglich ist, den Weg zu machen – in meinem Fall bis in den Bundestag. Das ist auch nichts Besonderes. Viele Menschen arbeiten sich genauso Schritt für Schritt beruflich hoch und machen daraus keine große Sache. 

ZEIT ONLINE: Keine große Sache draus machen – typisch Ruhrgebiet also. 

Bas: Genau, is' halt so. (lacht) 

ZEIT ONLINE: Das kann aber in der Politik auch ein Defizit sein. Manchmal hilft es, mehr Gewese um sich zu machen, sei es als Person oder als Region, wie das Ruhrgebiet. 

Das Glas ist hier eher halbleer als halbvoll.
Bärbel Bas

Bas: Historisch war es im Ruhrgebiet einfach nicht sinnvoll, dass die einzelnen Städte lange miteinander konkurriert haben. Wir hatten früher nicht einmal überall die gleichen Straßenbahnschienen! Man konnte nicht von einer Stadt in die andere fahren, auch wenn sie direkt aneinandergrenzten. Auch beim Werben um Fördermittel haben wir uns oft gegenseitig im Weg gestanden. Der Osten Deutschlands ist da, bei allen Unterschieden, geschlossener und selbstbewusster aufgetreten. Das hat sich inzwischen verbessert, aber oft heißt es immer noch: Das Glas ist hier eher halbleer als halbvoll. Oder, noch so ein Ruhrpott-Spruch: "Woanders is' auch ... Mist."

ZEIT ONLINE: Aber ist dieses Understatement nun gut oder schlecht? 

Bas: Das Ruhrgebiet sollte schon klarer machen, welches Potenzial in ihm steckt. Kaum jemand weiß, wie viele Start-ups es hier gibt. Die ganze Region hat sehr viel Grün und hohen Freizeitwert. Unsere Kulturszene kann locker mit Berlin mithalten. Die Leute sind immer ganz überrascht, wenn sie aus der Hauptstadt kommen. Wir haben den größten deutschen Binnenhafen in Duisburg. Und wir arbeiten jetzt zusammen auf das Ziel hin, Europas führende Region in Sachen Wasserstoff zu werden.  

ZEIT ONLINE: Trotzdem hat man den Eindruck, dass das Ruhrgebiet in der Bundespolitik kaum vorkommt. 

Bas: Da werden wir immer lauter. Wir haben uns schon vor rund 10 Jahren mit den SPD-Ruhrgebietsabgeordneten zusammengetan, um eine Altschuldenregelung für die Kommunen zu bekommen. Wir haben dafür gekämpft, dass auch die Steinkohle-Regionen im Westen bei den Fördermitteln zum Kohleausstieg besonders berücksichtigt werden. Anfangs ging es dabei ja nur um ostdeutsche Regionen. Auch wegen der teilweise schwierigen wirtschaftlichen Situation im Ruhrgebiet gibt es seit 2019 einen staatlich-geförderten sozialen Arbeitsmarkt für langzeitarbeitslose Menschen, die nicht sofort in den ersten Arbeitsmarkt finden. Das gibt diesen Menschen echte Chancen auf Teilhabe an der Arbeitswelt und neue Perspektiven.   

ZEIT ONLINE: Sie finden also nicht, dass das Ruhrgebiet politisch zu wenig aus sich macht?  

Bas: Nachdem ich als Bundestagspräsidentin laut gesagt habe, dass ich aus Duisburg komme – Sie glauben gar nicht, wie viele Menschen mir auf einmal erzählt haben, dass sie dort Verwandte haben, dass sie da studiert haben oder selbst daher kommen. Als hätten sie das jahrelang verschwiegen, als sei das eine Schmuddelecke, über die man nicht so gern redet. 

ZEIT ONLINE: Wie erklären Sie sich das? 

Bas: Duisburg beispielsweise war ja oft negativ in den Schlagzeilen. Die Loveparade-Katastrophe, erst vor Kurzem gab es eine Schießerei, über die bundesweit berichtet wurde. Die positiven Neuigkeiten dringen dann kaum durch.