Ende November 2021 haben 12.000 zufällig ausgeloste Deutsche eine besondere Einladung in der Post. Im Briefkopf prangt der Bundesadler, Absender ist das Außenministerium der Bundesrepublik Deutschland. Man sei ausgelost worden, heißt es im Schreiben, am "nationalen Bürgerforum für die Zukunft Europas" teilzunehmen. Was das sein soll?

Das wusste auch Steffen Fritz, Projektleiter aus Gundelfingen an der Donau und einer der Empfänger des Briefs, damals nicht. "Ich war mir nicht sicher ob das nicht vielleicht eine Phishing-Aktion ist oder so", erinnert er sich. Und auch die Studentin Verena Stangl starrte erst mal überrascht auf den Brief: "Warum schreibt mir das Auswärtige Amt?" Also googelten die beiden. Und weil es dieses Ding namens Bürgerforum wirklich zu geben schien und es zudem noch interessant klang, meldeten sie sich an. So wurden sie zusammen mit 98 anderen Teil eines besonderen demokratischen Experiments.

100 Deutsche – möglichst repräsentativ zusammengesetzt aus all jenen, die auf das Schreiben des Auswärtigen Amtes geantwortet haben – sollen sagen, wie es mit der EU weitergehen soll. Das ist die Idee des Bürgerforums, das an vier Tagen im Januar stattfand und an diesem Sonntag abgeschlossen wurde. Es ist Teil der großen, europaweiten Konferenz zur Zukunft Europas, ein auf zwei Jahre angelegtes Gespräch der EU mit ihren Bürgern. Neben den nationalen Foren gibt es auch internationale Foren, bei dem zufällig geloste Europäer und Europäerinnen aus verschiedenen Mitgliedstaaten miteinander diskutieren. Am Ende soll ein Plenum aus Politikern und Bürgern daraus konkrete Reformvorschläge für die EU basteln. Der französische Präsident Emmanuel Macron hat das angestoßen, der sich davon nichts weniger als einen "Neubeginn für die EU" durch ihre Bürgerinnen und Bürger erhofft. Auch im Koalitionsvertrag der neuen deutschen Regierung wird die Konferenz prominent erwähnt.

Visionen, bitte

Nun aber sitzen Fritz und Stangl erst mal in einer kleinen Zoom-Gruppe mit acht anderen und einem Moderator und sollen sagen, was ihre "Vision für Europa 2035 im Bereich soziale Gerechtigkeit" ist. Das ist das ihnen zugeloste Unterthema, es gibt noch fünf andere. "Also", spricht Stangl in ihrer Münchner Wohnung in die Notebook-Kamera, "wenn ich ganz idealistisch denken würde, würde ich sagen: Keine Diskriminierung mehr, egal für welche Gruppe." Und Fritz wünscht sich einerseits "die Bekämpfung realer Armut" und andererseits, dass der "Missbrauch von Sozialsystemen" bekämpft werde, "damit das Geld auch da ankommt, wo es hin soll".

Dann geht es los mit der Diskussion. Und weil das hier nicht der Bundestag ist und diese Veranstaltung keine Plenarsitzung, wird auch anders gesprochen: Ungefilterter und direkter, die Sätze klingen nicht so vorgefertigt. Aber es ist auch sprunghafter, Argumente hängen in der Luft, Debatten laufen ins Nichts. Ein Teilnehmer fragt, recht unvermittelt: "Warum müssen wir Deutschen so viel zahlen und die anderen nicht? Warum müssen wir dafür zahlen, wenn andere es nicht von alleine hinbekommen?"

Solche Ansichten aber sind die Ausnahme. Die allermeisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer, das wird bei diesem Treffen deutlich, finden nicht nur die EU sehr gut, sondern wünschen sich auch mehr von ihr. Aber wo sind die anderen? Eigentlich haben laut einer Umfrage vom vergangenen Jahr nur 49 Prozent der Deutschen ein positives Bild von der EU, bei 36 Prozent ist es gemischt, bei 15 negativ. Dass die zweite Gruppe im Bürgerforum kaum vorkommt und die der EU-Kritiker eigentlich gar nicht – das könnte auch daran liegen, dass man sich für das Forum anmelden und fast drei Tage Zeit opfern muss.

Das Bürgerforum versucht, die demografischen Variablen so abzubilden, wie sie auch im Land vorkommen – also Alter, Wohnort, Geschlecht, Bildungsgrad, Migrationshintergrund. Auch das klappt nur annäherungsweise, weil sich auf die 12.000 Einladungen nur rund 600 zurückgemeldet haben, was es schwerer macht, eine Gruppe zu basteln, die wirklich genau so zusammengesetzt ist wie das Land.

Aber die politische Einstellung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer ist kein Kriterium bei der Zusammensetzung und wird vor Beginn auch gar nicht abgefragt. Die Vermutung liegt nahe, dass tendenziell jene lieber ihre Freizeit mit der EU verbringen, die auch gut über sie denken.