Der Koalitionsvertrag steht, die Ressortaufteilung zwischen SPD, Grünen und FDP auch. Die Liberalen haben ihre Minister schon bekannt gegeben. Die Grünen haben sich nach einem internen Machtkampf ebenfalls auf ihre Besetzung geeinigt. Allein die SPD will erst ihren Parteitag über den Koalitionsvertrag abstimmen lassen und dann ihre Ressortchefinnen und -chefs nennen – auch wenn es für manche Posten natürlich Favoriten gibt.

Welche Ämter schon klar sind und wo es noch Spekulationen gibt: ein aktualisierter Überblick über das Personal der Ampel-Regierung.

Alle Fragen im Überblick:

Sie sind gesetzt

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Der Kanzler: Olaf Scholz, SPD
Er war schon Vize-Juso-Chef, Generalsekretär, Parlamentarischer Geschäftsführer, Arbeits- und Finanzminister, Hamburger Bürgermeister – und zuletzt Merkels sechster Vizekanzler. Der Mann kennt also die deutsche Politik aus all ihren Perspektiven. Als Volljurist weiß er über sämtliche Verfahren und Kniffe der Rechtsprechung Bescheid. Gleichzeitig ist er belesen und steckt tief in den inhaltlichen Debatten. So betont er gern, den "Respekt"-Wahlkampf der SPD persönlich mit erarbeitet zu haben. Scholz sieht sich als Feminist, Mindestlohnerhöher, globaler Steuer-Dompteur, Anwalt der kleinen Leute, als Profi, der keine Sperenzchen macht. Was er nicht kann: mitreißend reden, Empathie zeigen, nahbar sein und seine Politik in einfachen Worten erklären.

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Wirtschaft und Klimaschutz: Robert Habeck, Grüne
Der Grünenvorsitzende wäre auch gerne Finanzminister geworden, nun wird er das Gesicht der Energiewende und der oberste Verantwortliche in Sachen Klimaschutz. Fremd ist ihm die Materie nicht. Schließlich war er in Schleswig-Holstein schon mal Umweltminister. Doch die jetzige Aufgabe hat natürlich eine andere Dimension: Habeck wird nun daran gemessen werden, ob es ihm gelingt, Deutschland auf den 1,5-Grad-Pfad zu bringen. Welche harten Kämpfe ihm dabei bevorstehen, hat er bereits während der Koalitionsverhandlungen erfahren. Sein rhetorisches Talent wird Habeck brauchen, um die Verbraucher auch von manchen Härten zu überzeugen, die der Klimaschutz mit sich bringen wird. Darüber hinaus wird er als Vizekanzler Stellvertreter von Olaf Scholz, wenn der mal nicht da ist.

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Finanzen: Christian Lindner, FDP
Kaum eine Personalie erregte im Vorfeld so viel Aufsehen. Selbst ein Wirtschaftsnobelpreisträger warnte vor Lindner als Finanzminister, weil dessen Fokussierung auf die Schuldenbremse und sein kategorisches Nein zu Steuererhöhungen aus der Zeit gefallen seien. Doch Lindner konnte sich durchsetzen. Im Finanzministerium will er nun darüber wachen, dass an den liberalen Dogmen auch künftig nicht gerüttelt wird. Er zieht damit auch die Konsequenz aus der schwarz-gelben Koalition von 2009, in der die FDP sich für das prestigeträchtige Außenministerium entschieden hatte, aber kaum eines ihrer Steuerversprechen durchsetzen konnte. Lediglich weitergehende Ausgabenwünsche der Partner zu verhindern, dürfte allerdings auch kaum reichen, um die eigenen Beliebtheitswerte und die der Partei zu steigern.

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Auswärtiges Amt: Annalena Baerbock, Grüne
Dass die Kanzlerkandidatin der Grünen das Außenamt übernimmt, war absehbar. Schließlich hat sie einen Abschluss in Völkerrecht, bei den Jamaika-Verhandlungen 2017 war sie für die Europapolitik zuständig, im EU-Parlament begann sie ihre politische Arbeit. Spannend wird, wie sie sich gegenüber Russland positionieren wird: Die Pipeline Nord Stream 2 lehnt sie ab. Ihre erste Herausforderung: Wie umgehen mit dem Leid der Flüchtlinge in Belarus? Einen Erfolg hat Baerbock jetzt schon sicher: Sie ist die erste Frau, die Deutschland als Außenministerin in der Welt vertreten wird. Dafür tritt sie in der Rangfolge ihrer Partei zurück und überlässt Vizekanzler Habeck den Platz in der ersten Reihe.

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Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Anne Spiegel, Grüne

Mit Spiegel rückt eine junge Frau ins Kabinett – sie ist erst 40 –, die aber schon einiges an Regierungserfahrung hat: Seit 2016 ist sie in Rheinland-Pfalz Ministerin. Erst für Familie, zuletzt für Umwelt und Energie. In die vergangene Landtagswahl führte sie ihren Landesverband als Spitzenkandidatin, die Grünen gewannen vier Prozentpunkte dazu. Ihre Besetzung als Ministerin war nicht unbedingt abzusehen. Zwar gehörte Spiegel zum Team, das den Koalitionsvertrag aushandeln sollte. Doch lange galt die Fraktionschefin der Grünen im Bundestag, Katrin Göring-Eckardt, als Favoritin aufs Familienministerium. Dort wird Spiegel an dem moderneren Familienbild arbeiten, dass sich die Ampel-Koalition vorgenommen hat.

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Ernährung und Landwirtschaft: Cem Özdemir, Grüne

Um diese Personalie gab es einen Machtkampf, wie ihn die Grünen lange nicht geführt haben: Lange sah es so aus, als würde der Fraktionschef und Parteilinke Anton Hofreiter ins Kabinett wechseln. Jetzt hat sich der Realo und Ex-Parteichef Cem Özdemir durchgesetzt. Anders als der Biologe Hofreiter ist Özdemir zwar nicht vom Fach. Aber für ihn spricht seine große Popularität. Özdemir hat bei der Bundestagswahl seinen Wahlkreis in Stuttgart direkt gewonnen, er sitzt oft in Talkshows und macht seinen Job dort gut. Özdemir erreicht Milieus jenseits der grünen Stammwählerschaft. "Gratuliere @cem_oezdemir herzlich zur neuen Aufgabe in unserem Land! Das wurde Zeit!", kommentierte die CDU-Abgeordnete Serap Güler. Özdemir galt auch mal als Anwärter aufs Verkehrsministerium, aber das bekommt die FDP. Immer wieder mischte sich Özdemir zuletzt in außen- und gesellschaftspolitische Themen ein. Er gilt als Kritiker des Autokraten Recep Tayyip Erdoğan – und wurde deshalb von türkischen Nationalisten bedroht. Auch von Neonazis erhielt er Morddrohungen. Als Vegetarier könnte Özdemir eine besondere Perspektive in sein neues Amt einbringen.

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Bildung und Forschung: Bettina Stark-Watzinger, FDP
Eigentlich kommt die 53-jährige Hessin aus der Finanzpolitik. Sie hat VWL studiert und bei einer Bank gearbeitet, im Bundestag war sie zeitweise Vorsitzende des Finanzausschusses. Aber Stark-Watzinger hat auch Erfahrung mit Hochschulen – zumindest von der kaufmännischen Seite. Von 2008 bis 2017 baute sie ein neues Forschungsinstitut an der Frankfurter Uni als Geschäftsführerin mit auf. Ihre bildungspolitischen Vorstellungen skizzierte die Liberale im August in einem Gastbeitrag für die Welt unter der selbstbewussten Überschrift "16 Jahre Stillstand müssen enden". Sie fordert darin einen "Digitalpakt 2.0", um den "digitalen Turbo" zu zünden, und drängt generell auf einen "Systemwechsel", auf mehr Kooperation zwischen Bund und Ländern in der Bildungspolitik – ein heikles Thema, weil die Bundesländer auf ihrer Hoheit in Sachen Schulen und Hochschulen bestehen. Jetzt muss Stark-Watzinger beweisen, ob sie die im August angekündigte "Bildungsrevolution" auch umsetzen kann.

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Verkehr und Digitales: Volker Wissing, FDP
Der Liberale aus Landau in der Pfalz war schon mal Ampel-Minister. Von 2016 bis zum Frühjahr 2021 leitete Wissing das Ministerium für Wirtschaft, Verkehr, Landwirtschaft und Weinbau und amtierte als stellvertretender Ministerpräsident in Rheinland-Pfalz. Er kam dann nach Berlin, um als Generalsekretär beim Bundestagswahlkampf zu helfen. Der 51-Jährige war einer der Lautsprecher seiner Partei in der Corona-Politik und setzte sich für ein Ende der Einschränkungen ein. Wissing ist Wirtschaftsanwalt, nach der Wahl gehörte er zum Vierer-Team (neben Baerbock, Habeck und Lindner), das die ersten Sondierungen ins Laufen brachte, was seinen Status als Nummer zwei in der FDP belegt. Wie Wissing künftig die Verkehrspolitik für die Liberalen prägen will, gilt als eine der spannendsten Fragen der künftigen Koalition.

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Justiz: Marco Buschmann, FDP
Er ist einer der Wichtigsten an Lindners Seite. Der Jurist aus Gelsenkirchen hat als Bundesgeschäftsführer der Partei und dann als parlamentarischer Geschäftsführer im Bundestag die FDP wieder mit aufgebaut. Buschmann weiß so gut wie kaum jemand anderes, wie die eigene Partei und die Fraktion ticken. Im Bundestag stritt er für den Schutz von Bürgerrechten, und gemeinsam mit Grünen und Linken für eine Reform des Wahlrechts. In den vergangenen Wochen ist er zum liberalen Gesicht der Corona-Politik geworden, hat das Auslaufen der epidemischen Lage so vehement verteidigt wie kaum sonst wer – was ihm nicht nur Beifall eingetragen hat. 

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Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz: Steffi Lemke, Grüne

In der vergangenen Legislaturperiode trat sie öffentlich kaum in Erscheinung: Steffi Lemke gehört allerdings zu einer der erfahrensten Politikerinnen der Grünen: Sie kann auf 16 Jahre parlamentarische Erfahrung verweisen, elf Jahre lang war sie Bundesgeschäftsführerin der Partei, was so etwas wie das Amt der Generalsekretärin ist. Auch inhaltlich kennt die 53-Jährige sich aus: Die aus Dessau stammende Lemke ist die einzige Grünen-Abgeordnete aus Sachsen-Anhalt im Deutschen Bundestag. Sie ist gelernte Diplom-Agraringenieurin, im Bundestag hat sie sich zuletzt mit Naturschutzpolitik beschäftigt.

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Staatsministerin für Kultur und Medien: Claudia Roth

Claudia Roth, laut, wortgewandt und immer farbenfroh, gehört seit Jahren zur ersten Reihe der Grünen. Von 2004 bis 2013 war sie Parteichefin. Seitdem ist sie Vizepräsidentin des Bundestags. Zu ihren Herzensthemen gehört der Schutz von Minderheiten, die Menschenrechtspolitik, gerade in der Türkei, sowie die Rechte von LGBTQIA*. Nun also Kultur und Medien. Da hat die ehemalige Studentin der Theaterwissenschaften praktische Erfahrung: Sie hat mal in Dortmund als Dramaturgie-Assistentin gearbeitet. Und sie war Anfang der Achtziger die Managerin der Band Ton Steine Scherben.

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Diese Kandidaten gelten als aussichtsreich

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Kanzleramtsminister: Wolfgang Schmidt, SPD
Öffentlich tritt er selten in Erscheinung, außer auf Twitter: Wolfgang Schmidt ist der wichtigste Mitarbeiter von Olaf Scholz. Schmidt arbeitet schon seit fast 20 Jahren vertrauensvoll mit Scholz zusammen, erst als persönlicher Referent, dann als Büroleiter. Später folgte er Scholz nach Hamburg als Staatsrat und Bevollmächtigter Hamburgs beim Bund. Als Scholz wieder nach Berlin ging, ging Schmidt mit und wurde Staatssekretär im Bundesfinanzministerium. Schmidt gilt als ein Politik-Maniac, der 24 Stunden erreichbar ist und überall präsent, wenn es darum geht, seinen Chef gut aussehen zu lassen. Selbst nachdem Scholz nicht SPD-Chef wurde, träumte Schmidt weiter laut von dessen Kanzlerschaft – er sollte recht behalten. Eine Alternative zu Schmidt wäre Rolf Bösinger, 55, bislang ebenfalls Staatssekretär im Finanzministerium.

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Arbeit und Soziales: Hubertus Heil, SPD
Minister zuverlässig – "Hubi", wie ihn in der SPD alle nennen – wird in seiner Partei fast alles zugetraut. Heil gilt als Vollprofi, erfahren, verhandlungsstark, kompromissfähig. Einer, der weiß, wie man ein Ministerium leitet und anschließend die Basis von den getroffenen Entscheidungen überzeugt. War er früher Frontmann der moderaten SPD-Strömung Netzwerk Berlin, die sich zwischen SPD-Linken und den konservativen Seeheimern etablieren wollte, ist er inzwischen eine Art Führungsfigur der Parteirechten. Als deren Repräsentant wurde er 2019 stellvertretender SPD-Vorsitzender. SPD-Generalsekretär war er auch schon, sogar zweimal, 2005 bis 2009 und im Wahlkampf 2017. Er dürfte auf jeden Fall von Olaf Scholz ins Kabinett berufen werden – höchstwahrscheinlich in seinem bisherigen Job als Arbeitsminister.

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Christine Lambrecht, SPD

Auch Christine Lambrecht gilt als sichere Kandidatin für das Kabinett. Sie ist SPD-Allrounderin und Überraschungsprofiteurin der gewonnenen Bundestagswahl. Dabei hatte sie angesichts der schlechten Umfragewerte ihrer Partei gar nicht mehr für den Bundestag kandidiert. Nun könnte sie aber wegen ihrer großen Erfahrung berufen werden: Sie war schon Justizministerin in der Groko, später auch Familienministerin. Eher der Typ unauffällige Pragmatikerin. Die Hessin ist eigenwillig, wenn es um Prinzipien geht. Für die Frauenförderung schrieb sie schon mal einen Gesetzentwurf in weiblicher Form – auch wenn der bei ihren Juristen als nicht durchsetzbar durchfiel. Lambrecht wird derzeit als Innenministerin gehandelt, auch andere Ressorts wären möglich.

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Svenja Schulze, SPD
Gleiches gilt für Svenja Schulze. Auch sie ist – nach allem, was man hört – für das neue Kabinett gesetzt, wenn auch unklar ist, in welcher Funktion. Das neu geschaffene Ressort für Bauen und Wohnen, ein Herzensprojekt der SPD, würde zu ihr passen, auch eine neue Spitze für das Verteidigungsministerium wird gesucht. Schulze war eine der größeren Überraschungen, als sie 2018 als Umweltministerin die große Koalition antrat. Sowohl in der Bundes- als auch in der Umweltpolitik weitgehend unbekannt, qualifizierte Schulze damals vor allem ihre Herkunft: Sie war Generalsekretärin des mächtigen nordrhein-westfälischen Landesverbands, der im Kabinett vertreten sein muss, wenn die SPD mitregiert. Schulze fuchste sich gut rein, bald gehörte sie zu den Aktiveren des letzten Merkel-Kabinetts. Ihr kam zugute, dass das Themen Klimawandel zuletzt ohnehin Konjunktur hatte. 

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Diese Jobs sind noch völlig offen

Verteidigung, SPD
Soldatensohn Lars Klingbeil würde passen. Aber der wird ja SPD-Chef. Mögliche Kandidaten: der bisherige Außenminister Heiko Maas, die verteidigungspolitische Sprecherin Siemtje Möller oder der parlamentarische Geschäftsführer Carsten Schneider.

Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, SPD
Ist jetzt kein Glamourministerium. Als mögliche Kandidatin gilt die Scholz-Vertraute Klara Geywitz. Auch wenn man von ihr nicht mehr viel gehört hat, seit sie – vergeblich – an der Seite von Olaf Scholz als SPD-Chefin kandidierte. Bärbel Kofler wäre auch eine Option. Sie ist bisher Beauftragte der Bundesregierung für Menschenrechtspolitik. Oder der bisherige Fraktionschef Rolf Mützenich, der thematisch gut passen würde.

Gesundheit, SPD
Niemand in der SPD steht so für das Thema Gesundheit wie Karl Lauterbach. Dennoch könnte er leer ausgehen, weil seine Art Politik zu machen auch in seiner eigenen Partei umstritten ist. Als mögliche Kandidatinnen gelten Petra Köpping aus Sachsen, da ist sie Landesgesundheitsministerin, oder der Fraktionsvize und Sprecher der konservativen Seeheimer Dirk Wiese. Auch die gesundheitspolitische Sprecherin der Fraktion, Sabine Dittmar, ist im Gespräch. 

Die SPD muss aufpassen, dass sie ihr Versprechen einhält, das Kabinett paritätisch mit Frauen und Männern zu besetzen – was den Frauen bei den noch offenen Ämtern einen leichten Vorteil gibt.

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