Im vergangenen Jahr ist die Zahl der vor Gewalt, Verfolgung und Menschenrechtsverletzungen fliehenden Menschen auf nahezu 82,4 Millionen gestiegen, wie aus einem Bericht des Flüchtlingshilfswerks UNHCR hervorgeht. Das sind noch einmal vier Prozent mehr als ein Jahr zuvor, als mit 79,5 Millionen zum Ende des Jahres 2019 ein Höchstwert verzeichnet worden war. In Deutschland hingegen sank die Zahl der Zugänge im vierten Jahr in Folge deutlich. Mit 102.600 neuen Asylanträgen verzeichnete die Bundesrepublik die geringste Zahl seit Jahren.

Der Bericht legt dar, dass es Ende vergangenen Jahres 20,7 Millionen (2019 waren es 20,4 Millionen) von der UN registrierte Geflüchtete gab. Darunter sind 5,7 Millionen palästinensische Geflüchtete (2019: 5,6 Millionen) und 3,9 Millionen (2019: 3,6 Millionen) Venezolanerinnen und Venezolaner, die aus ihrer Heimat geflohen sind. Weitere 48 Millionen Menschen (2019: 45,7 Millionen) waren Binnenvertriebene, also Vertriebene im eigenen Land. Hinzu kommen 4,1 Millionen Asylsuchende (2019: 4,1 Millionen).

Diese Zahlen zeigen, dass trotz der Pandemie und der Aufrufe zu einer weltweiten Waffenruhe Konflikte weiterhin Menschen aus ihrer Heimat vertreiben. "Hinter jeder dieser Zahlen steht ein Mensch, der aus seiner Heimat vertrieben wurde, und ein Schicksal von Flucht, Entwurzelung und Leid", sagte der Hohe Kommissar der Vereinten Nationen für Flüchtlinge, Filippo Grandi.

"Wir dürfen in Europa nicht wegschauen"

"Während weltweit die Situation immer dramatischer wird, sind die Zahlen in Deutschland und Europa zum vierten Jahr in Folge gesunken", sagte Katharina Lumpp, Vertreterin des UNHCR in Deutschland. "Europa sollte diese Zeit der geringen Zugangszahlen nutzen, um ein verlässliches Konzept zur angemessenen Verteilung der ankommenden Asylbewerber zu erarbeiten. Dann ließe sich in Europa ein System einer fairen Verantwortungsteilung verankern."

Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) warnte angesichts der gestiegenen Geflüchtetenzahlen vor allen in den ärmsten Ländern der Welt vor einer Verschärfung schon bestehender Probleme. "Wir dürfen in Europa nicht wegschauen von dieser dramatischen Entwicklung. Vor allem die ärmsten Länder leisten die Hauptlast dieser Flüchtlingskrise", sagte Müller den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

"85 Prozent der Flüchtlinge finden in Entwicklungsländern Zuflucht, wo die Ernährungslage ohnehin oft sehr kritisch ist." Es sei das neunte Jahr in Folge, in dem die Zahl Geflüchteter steige, sagte Müller, ein "trauriger Rekord". Er kritisierte die mangelnde Reaktion reicher Länder darauf: "Es ist daher geradezu kurzsichtig, dass die EU ihre Mittel für die Entwicklungspolitik für die kommenden Jahre gekürzt hat."

Grenzschließungen wegen Pandemie

Der Bericht zeigt auch, dass zum Höhepunkt der Pandemie 2020 mehr als 160 Länder ihre Grenzen geschlossen haben. 99 Staaten machten dabei auch keine Ausnahme für Menschen, die internationalen Schutz suchten. Doch mit verbesserten Maßnahmen – wie medizinischen Untersuchungen an den Grenzen, Gesundheitsbescheinigungen oder vorübergehender Quarantäne bei der Ankunft, vereinfachten Registrierungsverfahren und Anhörungen per Video – fanden immer mehr Länder Wege, den Zugang zu Asyl zu garantieren und gleichzeitig die Ausbreitung der Pandemie einzudämmen. 

Während weiter Menschen über Grenzen flüchten, sind Millionen innerhalb ihres eigenen Landes vertrieben. Vor allem durch die Krisen in Äthiopien, Sudan, den Sahel-Ländern, Mosambik, Jemen, Afghanistan und Kolumbien stieg die Zahl der Binnenvertriebenen um mehr als 2,3 Millionen. Im Laufe des vergangenen Jahres konnten nur 3,2 Millionen Binnenvertriebene und nur 251.000 Geflüchtete in ihre Heimat zurückkehren – ein Minus von 40 und von 21 Prozent im Vergleich zu 2019. 

Weitere 33.800 Geflüchtete bekamen die Staatsbürgerschaft ihres Aufnahmelandes. Beim Resettlement, der Aufnahme von Geflüchteten aus einem nicht sicheren Erstaufnahmeland in einem sicheren Drittland, gab es einen dramatischen Einbruch. Nur 34.400 Menschen wurden aufgenommen – der niedrigste Wert in 20 Jahren. Zurückzuführen ist das auf deutlich weniger zur Verfügung gestellte Resettlement-Plätze und auf die Pandemie.