Wenn US-Außenminister Antony Blinken an diesem Wochenende nach Europa reist, dann wird er Zusammenhalt und Einigkeit beschwören, die Stärke des Westens loben und die Ukraine seiner Unterstützung versichern. Unterstützung bedeutet vor allem eins: Geld. Fast 40 Milliarden Dollar wollen die USA für die Verteidigung der Ukraine gegen Russland zur Verfügung stellen, für Waffen, Hilfsgüter und die Unterstützung Flüchtender. Es ist das größte Hilfspaket dieser Art seit Jahrzehnten, rund fünf Prozent des jährlichen US-Verteidigungsbudgets. Weder im Afghanistan- noch im Irakkrieg gab es binnen so kurzer Zeit derartige Ausgaben.

Nur steckt der dazugehörige Gesetzentwurf noch im Kongress fest. Frühestens in der kommenden Woche wird er verabschiedet werden können anstatt, wie ursprünglich geplant, am vergangenen Donnerstag. Dafür verantwortlich ist ein einzelner Mann: der republikanische Senator Rand Paul aus Kentucky. Der will nur zustimmen, wenn die Ausgaben der Gelder besser überwacht werden. Er habe, sagte Paul zur Begründung, seinen Eid nicht gegenüber einem fremden Land geschworen, sondern gegenüber den Vereinigten Staaten: "Wir werden die Ukraine nicht retten können, indem wir die US-Wirtschaft in den Abgrund stürzen."

Pauls Veto dürfte die Freigabe der Gelder nur aufhalten, nicht verhindern. Unangenehm ist die Verzögerung dennoch, vor allem für Blinken, der bei seinem Europa-Besuch auf die Außenminister der anderen Nato-Staaten trifft und kürzlich darauf gedrängt hatte, bei den Finanzhilfen für die Ukraine keine Zeit zu  verlieren.

Sie ist aber womöglich das Symptom einer größeren Entwicklung. Der Angriff Russlands auf die Ukraine dauert nun seit elf Wochen an, es zeichnet sich ab, dass er noch lange weitergehen wird. Und auch, wenn die Empathie der US-amerikanischen Wählerinnen mit der ukrainischen Bevölkerung laut Umfragen noch immer hoch ist, könnte sie sich mit voranschreitender Zeit und steigenden Problemen zuhause abnutzen. Umso leichter lässt sich vom politischen Gegner in Zweifel ziehen, ob es richtig ist, wie sehr die Regierung von Präsident Joe Biden sich für die Ukraine engagiert.

40 Milliarden für Ukrainer, aber keine Babynahrung?

In den USA fehlt es gerade nicht an Krisen. Zur steigenden Inflation kommen die landesweiten Lieferprobleme bei Milchpulver, die viele Eltern verzweifeln lassen. Noch dazu ist der Wahlkampf um die Mehrheiten im Kongress längst in vollem Gange. Zwar sind sich Republikaner und Demokraten weitgehend einig, dass die Ukraine entschieden unterstützt werden müsse – beziehungsweise Russlands Aggression entschieden bekämpft. Das Repräsentantenhaus hielt sich nicht groß mit einer Debatte zu den 40 Milliarden Dollar auf, sondern bewilligte sie, obwohl das Weiße Haus formell sogar nur 33 Milliarden gefordert hatte. Auch der Senat ist mit der einen Ausnahme aus Kentucky dafür.

Und doch: Rand Paul ist nicht der Einzige, der im November zur (Wieder-)wahl steht und die günstige Gelegenheit nutzt, Bidens Prioritäten infrage zu stellen. J.D. Vance, von Donald Trump unterstützter Senatskandidat in Ohio, gewann die Kandidatur unter anderem mit der Aussage, es sei "egal", was in der Ukraine passiere. Die rechtsextreme Abgeordnete Marjorie Taylor Greene, ebenfalls eine prominente Trump-Vertreterin, ist auf denselben Zug aufgesprungen: Warum gebe es 40 Milliarden für Ukrainer, aber keine Babynahrung zuhause? Taylor Greene und Vance stehen nicht für die Mehrheit der republikanischen Parteivertreter, aber ihr Populismus verfängt auch außerhalb ihrer Wahlkreise.

Ihr Engagement für die Ukraine hat die US-Regierung angreifbar gemacht. Aber sie kann auch nicht mehr zurück. Nicht nur hat sie Gelder und Ressourcen in historischem Umfang mobilisiert, sondern international den Ton gegenüber Russland gesetzt – und sich weit vorgewagt, was die militärische und insbesondere die strategische Unterstützung der Ukraine anging. Informationen von US-amerikanischen Geheimdiensten sollen etwa maßgeblich dabei geholfen haben, dass die ukrainischen Streitkräfte das russische Kriegsschiff Moskwa versenken konnten.