Mehrere Wochen nach ihrem letzten Gespräch haben Bundeskanzler Olaf Scholz und Russlands Präsident Wladimir Putin erneut telefoniert. Scholz forderte in dem 75-minütigen Telefonat nach eigenen Angaben "schnellstmöglich" einen Waffenstillstand in der Ukraine. Zudem widersprach er Putins Behauptungen, das von ihm angegriffene Land werde von Nazis regiert. Weiterhin wies der Kanzler ihn auf globale Probleme bei der Nahrungsmittelversorgung hin, die der Krieg verursache.

Die Ukraine gehört zu den wichtigsten Agrarexporteuren weltweit, zahlreiche vorwiegend arme Staaten in Afrika und dem Nahen Osten sind auf ukrainische Getreideausfuhren angewiesen. Durch die russische Blockade der Schwarzmeerhäfen stecken Millionen Tonnen Getreide in dem Land fest, die weltweiten Preise sind so hoch wie zuletzt 2011. Die G7 beraten über mögliche Lösungen – eine davon könnte nach ukrainischen Angaben sein, Häfen im Baltikum zu nutzen. Am Rande des G7-Agrargipfels in Stuttgart sagte der ukrainische Landwirtschaftsminister Mykola Solskyj, Lettland und Litauen hätten sich für die Möglichkeit offen gezeigt. Zuvor hatte Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) Russland vorgeworfen, Hunger als Kriegswaffe einzusetzen.


Das Politikteil - Der Politikpodcast von ZEIT und ZEIT ONLINE

Putins zweites Schlachtfeld: Wie der Krieg in der Ukraine den Hunger in der Welt verschärft

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Mit seinem brutalen Krieg gegen die Ukraine hat Wladimir Putin auch eine der größten Kornkammern der Welt angegriffen und weitgehend außer Gefecht gesetzt – was in den Abnehmerländern in Afrika und in Asien furchtbare Folgen hat. Hier wird der Weizen so teuer und knapp, dass Vieh im großen Stil verendet und immer mehr Menschen um ihre Existenz kämpfen und hungern müssen. Ernährungsexperten warnen bereits vor einer der größten Hungersnöte der Menschheitsgeschichte – und viel spricht dafür, dass Wladimir Putin das Getreide als Waffe gezielt einsetzt, um seine Gegner im Westen zusätzlich unter Druck zu setzen.

In der neuen Folge von Das Politikteil sprechen wir mit ZEIT-Korrespondentin und Krisenreporterin Andrea Böhm über die Ursachen und die Folgen der globalen Getreidekrise – und diskutieren, was passieren muss, um diese humanitäre Notlage zu lindern. Andrea Böhm war gerade zwei Wochen in der Ukraine, zuvor in Kenia, und berichtet über ihre Eindrücke aus zwei Ländern, die jeweils sehr unterschiedlich von der Krise betroffen sind. "Putin arbeitet ganz gezielt mit der Angst vor Preiserhöhungen", sagt Böhm und erklärt, warum es tatsächlich ein Beitrag im Kampf gegen den russischen Aggressor wäre, wenn wir alle weniger Fleisch essen würden.

Im Podcast Das Politikteil sprechen wir jede Woche über das, was die Politik beschäftigt, erklären die Hintergründe, diskutieren die Zusammenhänge. Immer freitags mit zwei Moderatoren, einem Gast – und einem Geräusch. Im Wechsel sind als Gastgeber Tina Hildebrandt und Heinrich Wefing oder Ileana Grabitz und Peter Dausend zu hören.

Derweil hat beim Außenministertreffen der G7-Länder der ukrainische Ressortchef Dmytro Kuleba die EU dazu aufgefordert, an dem vorgeschlagenen Ölembargo gegen Russland festzuhalten. Sollte das Mitgliedsland Ungarn, wie angekündigt, die Maßnahme blockieren, wäre dies ein Sieg für Putin, sagte Kuleba. Der russische Präsident versuche seit Jahren, die EU in Energiefragen zu spalten, mit einem Scheitern des Ölembargos wäre ihm dies erstmals gelungen. Ungarns Regierungschef Viktor Orbán hatte sich der Maßnahme mit Verweis auf die Abhängigkeit seines Landes von russischem Öl bislang verweigert. Neben Kuleba hat auch der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell darauf gedrungen, das Ölembargo zu beschließen.

Im Donbass haben ukrainische Einheiten britischen Angaben zufolge eine Flussüberquerung des russischen Militärs verhindert. Zuletzt veröffentlichte Bilder zeigten zerstörte russische Militärtechnik am Fluss Síwerskyj Donéz westlich der Stadt Sjewjerodonezk. Dazu gehöre auch Ausrüstung zur Bildung von Pontonbrücken. Die Angreifer versuchen seit Wochen weitgehend erfolglos, die ukrainischen Einheiten im Donbass einzukreisen, um das zuletzt von der Regierung in Moskau genannte Kriegsziel, den Donbass zu erobern, abzuschließen. Das ukrainische Militär meldete am Morgen russische Angriffe auf mehrere frontnahe Dörfer in dem Gebiet.

Weitere wichtige Ereignisse des Tages:

  • Die Ukraine wirft Russland vor, seit Kriegsbeginn mehr als 210.000 Kinder deportiert zu haben. Das teilte die Menschenrechtsbeauftragte des ukrainischen Parlaments, Ljudmyla Denissowa, mit. Zudem seien eine Million Erwachsene gegen ihren Willen nach Russland gebracht worden.
  • Die EU hat neue Militärhilfen an die Ukraine im Wert von 500 Millionen Euro angekündigt. Damit steigt der Wert der aus EU-Mitteln geleisteten, für Waffen bestimmte Hilfen auf zwei Milliarden Euro.
  • Die ukrainischen Ex-Präsidenten Leonid Kutschma, Wiktor Juschtschenko und Petro Poroschenko haben in einem offenen Brief an die internationale Gemeinschaft appelliert, bei der Evakuierung von Kämpfern aus der Asow-Stahlfabrik in Mariupol zu helfen. Dort sind nach ukrainischen Angaben Hunderte Soldaten schwer verwundet und können nicht ausreichend medizinisch behandelt werden.
  • Großbritannien hat neue Sanktionen gegen Personen aus Putins Umfeld verhängt, darunter seine Ex-Frau und seine angebliche Geliebte Alina Kabajewa sowie mehrere Verwandte und Freunde. Nach britischen Angaben helfen diese Personen dem russischen Präsidenten, sein Vermögen zu verschleiern. Zudem ist Kabajewa Aufsichtsratsvorsitzende von Russlands staatlicher Nationaler Mediengruppe und damit für die Kriegspropaganda mitverantwortlich.
  • Einen Tag nach Finnlands Ankündigung, der Nato beitreten zu wollen, beendet das russische Energieunternehmen RAO Nordic Oy Stromlieferungen in das Land. In der Nacht zum Samstag würden sie eingestellt, teilte das Unternehmen mit. Als Grund nannte der Konzern ausstehende Zahlungen des russischen Nachbarlandes. Der finnische Netzbetreiber Fingrid bestätigte den Importstopp, die Stromversorgung sei aber nicht gefährdet.
  • In einer von Schwedens Regierung und Parlament verfassten Sicherheitsanalyse zu einem möglichen Nato-Beitritt treten nach schwedischen Angaben vor allem Vorteile eines solchen Schritts zum Vorschein. Eine baldige Nato-Bewerbung des skandinavischen Landes wird erwartet. Zahlreiche Mitgliedsländer haben Unterstützung signalisiert, der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan bekundete hingegen sein Misstrauen. Als Nato-Mitglied könnte die Türkei einen Beitritt Schwedens und auch Finnlands blockieren.
  • Scholz hat sich im Verteidigungsausschuss des Bundestages zu seiner Ukraine- und Sicherheitspolitik befragen lassen, und vor allem bei FDP-Abgeordneten offenbar Unmut geweckt. "Leider wurden viele Antworten nicht gegeben", schrieb der verteidigungspolitische Sprecher der Liberalen, Marcus Faber, auf Twitter. "Wir können nicht noch mehr Zeit verschwenden für die angekündigte Zeitenwende." Später distanzierte er sich von der Kritik und bot in einem weiteren Tweet seinen Rücktritt von dem Sprecherposten an.
  • Auch der Rüstungskonzern Rheinmetall übte Kritik am Kanzler. Konzernchef Armin Papperger beklagte, die Bundesregierung habe noch keine einzige Lieferung schwerer Waffen freigegeben. Dabei gehe es um Schützenpanzer des Typs Marder, ausgemusterte Leopard-1-Kampfpanzer und Munition.
  • In der Ukraine hat der erste Kriegsverbrechensprozess nach Beginn der russischen Invasion begonnen. Ein russischer Soldat muss sich vor Gericht wegen des Vorwurfs verantworten, einen unbewaffneten Zivilisten im nordöstlichen Dorf Tschupachiwka mit einem Kopfschuss getötet zu haben. Ihm droht eine lebenslange Haftstrafe.


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