Sasha hat Angst. Manchmal kann er kaum atmen. Er ist ein Bauingenieur, stammt aus der Ukraine und arbeitet recht erfolgreich in London. "Manchmal ruft meine Schwester aus dem Kriegsgebiet an", sagt er. "Es sind nur Wortfetzen. Irgendwo ist sie mit ihrem Sohn unterwegs, versucht rauszukommen." Ebenso ergeht es seiner Mutter, die vor den Kämpfen im Norden von Kiew flieht. Sasha hat mit ihr keinen Kontakt mehr. Auch nicht mit dem Kind seiner Schwägerin, das sich in Begleitung irgendeiner Freundin Richtung polnische Grenze durchschlägt. Ob sie dann zu ihm nach London kommen? Er winkt resigniert ab: "Hier nach Großbritannien? Das hat wohl keinen Zweck."

Sashas Reaktion ist genau das, was die britische Regierung mit ihrer Visa-Politik bezweckt. Während Länder der EU mehr als zwei Millionen Geflüchtete aufgenommen haben, verbarrikadiert sich Großbritannien hinter seinen technokratischen, diffizilen Einwanderungs- und Visa-Bestimmungen, die die Regierung seit Übernahme ihrer Amtsgeschäfte 2019 eingeführt hat. Als Deutschland vergangenes Wochenende bereits 50.000 Geflüchtete ins Land gelassen hatte, belief sich die Zahl der britischen Visa auf 50. Mittlerweile sind es nicht einmal 1.000.

Nach erheblichen Druck der Opposition und britischer Medien zeigte die Innenministerin Priti Patel am Donnerstag im Parlament zumindest ein kleines Entgegenkommen. Personen mit einem Pass der Ukraine, die sich zu Familienmitgliedern in Großbritannien retten wollen, brauchen ihre biometrischen Daten, also Fingerabdrücke, nicht mehr in Visa-Zentren in Polen, der Republik Moldau oder anderen Fluchtgebieten abgeben. Trotzdem müssen die Flüchtenden komplette Visa-Anträge online stellen und auf Bearbeitung durch die britischen Behörden warten.

"Die Tür vor der Nase zuschlagen"

"Es ist unmenschlich", sagte die Bürgermeisterin von Calais, Natacha Bouchart, diese Woche angesichts der wachsenden Zahl von Familien mit Kindern, die in der französischen Grenzstadt gestrandet sind, nachdem sie von den britischen Grenzbehörden mangels gültiger abgewiesen worden waren. "Man kann nicht einerseits von britischer Seite behaupten, man heiße sie willkommen, und dann Leute, die vor acht Tagen noch in ihren Häusern bombardiert wurden, die Familienmitglieder verloren haben und traumatisiert sind, die Tür vor der Nase zuschlagen."

Premierminister Boris Johnson behauptet immer wieder, Großbritannien habe seit 2015 mehr Geflüchtete aufgenommen als alle anderen Länder in der EU. Nach einer Analyse der Initiative FullFact bezieht sich dies jedoch nur auf spezifische Umsiedlungsprogramme, nicht auf die weitaus größere Zahl von Asylanträgen. So hat Großbritannien zwar im Rahmen der Umsiedlung, vor allem aus Afghanistan und Syrien, nach Angaben von The Migration Observatory von 2016 bis 2020 mehr als 23.000 Geflüchtete umgesiedelt und Deutschland 14.000. Deutschland hat in der Zeit jedoch 903.000 Visa genehmigt und Großbritannien knapp 54.000. Im vergangenen Jahr hatte Großbritannien weitere 7.000 Geflüchtete aus Afghanistan umgesiedelt, in Deutschland hingegen war die Zahl der Erstanträge von Afghanen auf 23.000 gestiegen.

Das britische Innenministerium präsentiert das Vereinigte Königreich dennoch als großzügige Nation. Auf Twitter verkündet das Innenministerium das "erste Visa-Familien-Programm für die Ukraine in der Welt", ohne zu erwähnen, dass die anderen europäischen Staaten Millionen von Geflüchteten aus der Ukraine ohne Visa aufnehmen. Nicht nur das: Innenministerin Priti Patel behauptete im Parlament: "Ich bestätige, dass wir ein extra Visa-Zentrum in Calais, in einiger Entfernung vom Hafen, eingerichtet haben. Dort ist Personal zur Stelle." In Wirklichkeit jedoch gab es zu dem Zeitpunkt in Calais kein britisches Visa-Zentrum, klebte am angegebenen Ort ein Zettel an der Tür mit der Aufschrift "Keine Visa in Calais" und dem Hinweis, Visa in Paris und Brüssel einzureichen.

Der Grund: Bisher musste bei allen Visa-Anträgen biometrische Daten erfasst werden und dies wickeln nur die von Großbritannien beauftragten Visa-Zentren ab, wo die Termine auf Wochen im Voraus zu buchen waren. Dies hat sich jetzt geändert, allerdings nur für Flüchtdende, die nachweisen können, dass sie Verwandtschaft in Großbritannien besitzen. Andere gehen leer aus. Den verzweifelten Familien, die im vermeintlichen Visa-Zentrum in Calais auftauchten, wurden von hilflosem Personal des britischen Innenministeriums lediglich Schokoriegel und Chips überreicht.