Steht der russische Einmarsch in die Ukraine nun unmittelbar bevor? Oder dauert es noch ein Weilchen? Oder ist er vielleicht gar nicht beabsichtigt? Die westlichen Vermittler sind in dieser Woche des großen Redens mit Russland nicht viel schlauer geworden. In den Treffen der Vizeaußenminister Russlands und der USA, des Nato-Russland-Rats und der OSZE hat man die weit auseinander liegenden Meinungen ausgetauscht, aber mehr auch nicht.

Am Ende der Woche hat nun der russische Außenminister Bilanz gezogen. Sergej Lawrow saß im Außenministerium am Smolensker Platz in Moskau, ein Teil der Korrespondenten saß im Saal, weitere waren online dazugeschaltet. Der Veteran der russischen Außenpolitik wirkte entspannt, geradezu erholt, scherzte bisweilen mit seiner Sprecherin und trug mit tiefer Stimme Russlands weitreichende Forderungen vor.

Russland verlangt von den USA, jegliche Erweiterung der Nato auszuschließen. Dabei wolle sich "Russland nicht mehr mit mündlichen Garantien wie in den 1990er-Jahren" abspeisen lassen, sagte Lawrow. "Wir warten auf Antworten des Westens, schnell, konkret und in schriftlicher Form." Weiter im Raum stehen die im Dezember erhobenen Forderungen nach einem Abzug der US-Atomwaffen aus Europa und einer schriftlichen Garantie, dass westliche Staaten in den Nachbarländern Russlands weder Soldaten noch Gerät stationieren. Russland will dagegen so munter weiter machen wie bisher. Das ist das Ziel der Verhandlungen aus Moskauer Sicht.

Vorwürfe des Westens einfach umgedreht

Aber was ist, wenn der Westen solche Garantien, die die Souveränität der Ukraine, aber auch Polens und der baltischen Staaten und weiterer Länder tief verletzen, nicht geben möchte? Was, wenn Finnland und Schweden als freie, unabhängige Staaten erklären sollten, dass sie sich einen Beitritt zur Nato offenhalten möchten? Wenn die Vorschläge abgelehnt werden, sagte Lawrow, "legen wir das dem Präsidenten vor" und treffen eine "Entscheidung unter Berücksichtigung unserer Sicherheitsinteressen".

Ukraine-Konflikt - US-Geheimdienste warnen vor russischen Agenten in der Ostukraine Die USA beschuldigen Russland, mit Agenten vor Ort eine Invasion zu planen. Die Ukraine sieht den Kreml hinter einem Cyberangriff auf Regierungsbehörden.

Heißt das dann Einmarsch in die Ukraine? Davon sagte Lawrow nichts. Er blieb im Ungefähren nebulöser Drohungen und garnierte diese mit bitteren Vorwürfen an den Westen. Dieser habe die Architektur der Sicherheit in Europa zerstört und wolle eine neue Weltordnung, in der alle bisherigen Dokumente und Prinzipien der Sicherheit nicht mehr gelten sollten. Die USA würden die Charta der UN unterminieren und die internationale Politik "re-ideologisieren", zum Beispiel mit dem amerikanisch geführten Demokratiegipfel. Dabei verfolge der Westen eine Strategie des Revisionismus, die alles umstürzen solle.

Lawrow unterfütterte seine Angriffe mit wenig Belegen, aber seine Argumentation legt die russische Taktik offen. Sie greift die Vorwürfe des Westens auf und dreht sie einfach um. Alles, was der Westen Russland vorhält, wirft Lawrow kurzerhand dem Westen vor. Fühlen sich die Ukrainer, Polen und Balten von den russischen Manövern und gigantischen Truppenaufmärschen bedroht, behauptet Lawrow im Gegenzug, dass Russland von diesen Staaten und der Nato bedroht werde. So einfach ist das.

Garstig im Ton, wolkig im Ausblick

Lawrows Pressekonferenz zeigte, dass sich die russische Führung noch nicht entschieden hat, wie sie weiter vorgehen will. Das Ausbleiben eines konkreten Ultimatums an den Westen kann heißen, dass man weiter reden will. Es kann aber auch bedeuten, dass Präsident Putin weiter über das Vorgehen grübelt, derweil seine Untergebenen nun mit wuchtigen Worten herumeiern und das bisher Geforderte immer wieder herunterspulen. Gerade Lawrow und sein Außenministerium gehören nicht zum engsten Kreis der Entscheider im Kreml, da ist es für den Außenminister am besten, garstig im Ton und wolkig im Ausblick zu sein. Putin schweigt einstweilen und lässt seine Diplomaten machen.

Diese Methode hat der russische Präsident immer wieder angewandt. Er schickt seine Emissäre vor, die wechselweise drohen und locken sollen. So irrt die westliche Diplomatie zwischen Bangen und Hoffen, während Russland die Tagesordnung bestimmt. Am Ende prescht Putin mit einer Entscheidung vor, die alle überrascht. Ob das der Einmarsch in die Ukraine sein wird, ist weiterhin offen. Das Rätseln ist Teil von Putins Spiel.