Emmanuel Macron spricht gern groß über Europa, so auch am Mittwoch im Europaparlament. Europa sei für ihn ein Versprechen auf Demokratie, Fortschritt und Frieden, führte der französische Präsident vor den Abgeordneten in Straßburg aus. Er selbst sei 1977 geboren worden, damals waren Frieden, Fortschritt und Demokratie in Westeuropa selbstverständlich. Weil sie es heute aber nicht mehr seien, gelte es, dieses Versprechen zu erneuern: "Unsere Generationen müssen unser Europa heute neu begründen." 

Man mag das Pathos, das Macron eigen ist, albern finden. Man mag über seine Ambitionen den Kopf schütteln und die Frage stellen, wie weit er denn mit seinen Plänen für Europa in den vergangenen Jahren gekommen ist. "Refonder l’Europe", "Europa neu begründen" – die Formel hatte er im Herbst 2017, kurz nach seinem Amtsantritt, zum ersten Mal benutzt. Trotzdem könnte es sein, dass man Macron vermisst, wenn er nicht mehr Präsident ist. 

Im deutschen Wahlkampf war Europa ein Thema, über das nur selten gesprochen wurde. Außer der AfD stellt keine der im Bundestag vertretenen Parteien die Europäische Union grundsätzlich infrage und die AfD war zuletzt nicht sehr erfolgreich. In Frankreich ist das anders. 

Bevor Emmanuel Macron in Straßburg sprach, hatte Marine Le Pen in Paris eingeladen. In einem sehr vornehmen Hotel nicht weit vom Arc de Triomphe, in dem gern die neu verpflichteten Fußballspieler von Paris Saint-Germain übernachten, legte sie Anfang der Woche ihre "Vision" von Europa dar, ausdrücklich als "Antithese" zu Macron. Im April wird in Frankreich gewählt, die politisch weit rechts stehende Le Pen möchte dann Präsidentin werden. Vor fünf Jahren hatte sie das schon einmal versucht und versprochen, Frankreich aus der Währungsunion zu führen. Auch der weit links stehende Jean-Luc Mélenchon war damals Kandidat und hatte mit einem Austritt aus dem Euro geliebäugelt; auch er tritt in diesem Jahr erneut an.  

Mélenchon und Le Pen haben ihre Positionen zwar abgemildert, ein radikaler Bruch wie noch 2017 steht nicht mehr in ihren Programmen. Aber man darf sich davon nicht täuschen lassen. Das politische Europa, das beiden vorschwebt, würde sehr wohl einen Bruch bedeuten – es wäre das Ende der Union, wie wir sie kannten. 

Le Pen attackiert die EU seit Jahren als "trojanisches Pferd der Globalisierung". In Paris führte sie nun aus, die Union sei eine zunehmend autoritäre, geschichtsvergessene und ideologische Konstruktion, die "das Schlechteste des Sozialismus mit dem Schlechtesten des Liberalismus verbindet". Dahinter verberge sich "der Wille Deutschlands, sein Modell durchzusetzen"; Macron sei wie seine Vorgänger nur ein "Hausdiener von Frau Merkel" gewesen. An die Stelle der bestehenden EU soll nach dem Willen von Le Pen eine "Allianz europäischer Nationen" treten. Man könne zwar zusammenarbeiten, aber auf keinen Fall Souveränität teilen.