Mit ein paar warmen Worten des Zuspruchs ist es dieser Tage in Kiew nicht getan. Die Frage ist dort seit Jahren nicht, wann Russland angreift, sondern wie. In diesem Krieg, den in Europa viele nicht sehen wollen, kämpft das Land jeden Tag, seit Wladimir Putin die Krim annektiert hat und im Donbass eine schleichende Invasion betreibt. Den russischen Truppenaufmarsch an der Grenze bloß für einen Bluff zu halten, kann sich die Ukraine nicht leisten. Das wird auch Außenministerin Annalena Baerbock bei ihrem Antrittsbesuch in Kiew, der alles andere als höfliche Routine darstellt, noch einmal erfahren haben.

Nachdem die westliche Diplomatie in der vergangenen Woche in Moskau erfolglos blieb und sich nur noch mehr Drohungen anhören musste, weil sie die irrwitzigen Forderungen Russlands nach einer Neuordnung der europäischen Sicherheitsarchitektur prinzipiell zurückweist, ist es allzu verständlich, wenn die Ukraine sich für das Schlimmste rüsten will. Man wisse, woher man welche Waffen bekommen könne, sagte Außenminister Dmytro Kuleba an der Seite seiner Amtskollegin. Da sei man zuletzt sehr erfolgreich gewesen. Deutschland meinte er damit nicht.

Die Menschen in der Ukraine seien "äußerst enttäuscht", hatte der ukrainische Botschafter in Berlin, Andrij Melnyk, schon am Wochenende gesagt. Weil dort insbesondere aus Deutschland eben nicht das Signal angekommen ist, das Land würde alle denkbare Hilfe bekommen, um sich gegen die russische Aggression zu verteidigen. "Sehr frustrierend und bitter" sei es, wenn die neue Bundesregierung nicht bereit sei, dringend notwendige Waffen zu liefern. "Nun ist der Moment der Wahrheit gekommen, wer der echte Freund ist" – das scheint Deutschland in diesem Sinne jedenfalls nicht automatisch zu sein.

Der ukrainische Außenminister Kuleba gab an, er habe die Argumente für die seit Jahren geforderten Waffenlieferungen noch einmal vorgetragen – offenbar ohne Erfolg. Baerbock wiederholte in Kiew die "klare Haltung" der Bundesregierung, mit Waffenlieferungen äußerst restriktiv umzugehen. Das sei "bekannt und ist auch in unserer Geschichte begründet". Ihre persönliche Einschätzung verband sie mit dem Hinweis: Was man vor ein paar Wochen oder ein paar Monaten gesagt habe, ändere man ja nicht, weil man irgendwo hinfahre. Das klang dann eher wie der CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet, der inmitten der großen Flutkatastrophe nicht von einem Wendepunkt für den Klimaschutz sprechen wollte: "Nur weil jetzt ein solcher Tag ist, ändert man nicht die Politik."

Die Ukraine kann dabei im Grundsatz froh sein, wenn die großen Linien konstant bleiben. "Wir werden alles dafür tun, die Sicherheit der Ukraine zu garantieren", versprach Baerbock und betonte mit Blick auf die russische Forderung nach einem Ende der Nato-Osterweiterung: Kein Land habe das Recht, einem anderen Land vorzuschreiben, welche Bündnisse es eingehen darf. "Verhandlungsgegenstand kann und wird niemals die Souveränität der Ukraine sein." Wie so oft in den vergangenen Tagen stellte die Außenministerin eine geschlossene und harte Reaktion des Westens auf einen möglichen Einmarsch Russlands in Aussicht: "Jede erneute Aggression hätte – das haben wir zum wiederholten Male unterstrichen – einen hohen Preis."

Was in diesem Fall aber tatsächlich auf der Rechnung stehen würde, darüber herrscht derzeit zumindest öffentlich keine Klarheit. Auch da dürfte die ukrainische Regierung eher frustriert auf die Debatten in Berlin schauen, vor allem wenn es um die Ostseepipeline Nord Stream 2 geht. Beharrlich vermeidet die Ampel-Koalition eine definitive Ansage, ob ein Stopp des heiklen Projekts Teil eines Sanktionspakets wäre. Von Bundeskanzler Olaf Scholz ist nicht viel mehr zu hören als der weltfremde Hinweis, die Leitung sei ein rein privatwirtschaftliches Projekt, sodass Baerbock in Kiew lavieren muss, Nord Stream 2 habe "auch geopolitische Implikationen", Energie sei auch eine sicherheitspolitische Frage – aber dazu eigentlich nichts Konkretes sagen kann.

Nord Stream 2 "nicht in diesen Konflikt hineinziehen"

Derweil halten gewichtige Stimmen in der SPD an der Illusion fest, die Röhren in der Ostsee ließen sich von der Konfrontation mit Russland trennen. Etwa Generalsekretär Kevin Kühnert, der Gegnern vorwarf, "internationale Konflikte herbeizureden" und ein Ende des Streits forderte. Oder zuletzt auch Verteidigungsministerin Christine Lambrecht, die kritisierte, man solle Nord Stream 2 "nicht in diesen Konflikt hineinziehen". Aber nicht nur eine Reihe von Sozialdemokraten sendet fragwürdige Signale zu möglichen Sanktionen. Der designierte CDU-Chef Friedrich Merz warnte kurz vor Baerbocks Reise davor, Russland vom internationalen Bankenzahlungssystem Swift abzuschneiden. Das könne eine "Atombombe für die Kapitalmärkte und auch für die Waren- und Dienstleistungsbeziehungen" sein; womöglich teilen andere diese Ängste, aber behalten sie wenigstens für sich.

Immerhin: In der Ampel-Koalition wie in der Union gibt es genauso gegenläufige Stimmen, die harte Maßnahmen, Führung und Geschlossenheit fordern. Doch im Kreml werden die relativierenden Äußerungen ganz sicher ins Kalkül miteinfließen. Oder anders gesagt: Wie soll eine deutsche Außenministerin, die ja am Dienstag in Moskau vorsprechen wird, in dieser Kakofonie eine unmissverständliche Botschaft überbringen? Womit soll sie drohen, wenn andere parallel daran arbeiten, die wichtigsten Instrumente vom Tisch zu halten: Waffenlieferungen, Swift-Sanktionen, einen Stopp von Nord Stream 2?

"Diplomatie ist der einzige gangbare Weg, um die derzeitige hochgefährliche Situation zu entschärfen", sagte Baerbock in Kiew. Trotz der bereits zahlreich, aber ergebnislos bemühten Kanäle wäre wirklich jedes Gesprächsformat, jeder Dialog den Versuch wert, die Gefahr einer Eskalation abzuwenden. Dazu gehört die erhoffte Wiederbelebung der Normandie-Runden, bei denen Deutschland, Frankreich und die Ukraine mit Russland verhandeln. Oder ein Gipfel, den sich der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj wohl eher mit den USA und Russland vorstellen kann. Aber klar ist auch: Wladimir Putin hält bloßes Reden für Schwäche und ist bereit, seine Ziele mit Gewalt durchzusetzen. Man sollte schon etwas in der Hand haben.