Die Herrschaft der Taliban, ein kalter Winter und schwere Ernteausfälle: Das ohnehin arme Afghanistan steckt in einer tiefen Krise. 24,4 der rund 39 Millionen Menschen im Land sind auf humanitäre Hilfe angewiesen, heißt es beim UN-Nothilfekomitee. Nie zuvor mussten die Vereinten Nationen die internationalen Geldgeber um so viel Unterstützung bitten. Es sind besonders die wohlhabenden Staaten und großen Stiftungen, die angesprochen sind: 4,5 Milliarden US-Dollar braucht Afghanistan jetzt, um eine Hungersnot zu verhindern und das Land zu stabilisieren. "Ohne eine Finanzierung wird das Land keine Zukunft haben", sagte UN-Nothilfekoordinator Martin Griffiths Anfang der Woche. Die Pläne der UN seien sorgfältig ausgearbeitet, damit Hilfe direkt an die Bedürftigen und nicht an die von den Taliban eingesetzten Behörden gehe.

Mit der Machtübernahme der Radikalislamisten ist die ohnehin fragile Wirtschaft Afghanistans eingebrochen. Ausländische Geldgeber stellten Milliardenhilfen ein. Die alte Regierung hatte davor rund 8,5 Milliarden US-Dollar im Jahr an militärischer und ziviler Hilfe erhalten, das entsprach rund 75 Prozent der Staatsausgaben, darunter auch für das Gesundheits- und Bildungswesen. Dieser Ausfall in Kombination mit dem kalten Winter und den verheerenden Auswirkungen der zweiten Dürre innerhalb von vier Jahren hat gravierende Folgen für die Gesellschaft des Landes: 8,7 Millionen Afghaninnen und Afghanen leiden aktuell Hunger auf Notfallniveau, schätzt das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP).

Lebensmittel werden infolge der Dürre teurer, für viele Familien eine existenzielle Bedrohung. Die Zahl der bettelnden Menschen in Afghanistan nimmt laut dem Roten Kreuz zu. Das Gros der Menschen lebt von der Landwirtschaft, dürrebedingt fehlten vergangenes Jahr laut den UN 40 Prozent der Ernteerträge. Auch in den Jahren vor der kompletten Machtübernahme durch die Taliban gab es Versorgungs- und Armutskrisen. Doch für 2022 wurde von den UN ein Hilfsbetrag errechnet, der dreimal so hoch ist wie jener, den Afghanistan vor der Machtübernahme der Taliban im Sommer 2021 erhielt, und der etwa ein Viertel der jährlichen Wirtschaftsleistung des Landes ausmacht.

Besonders hart trifft die Not die Kinder: Nach UN-Angaben dürften in diesem Jahr 4,7 Millionen Menschen in Afghanistan an schwerer Unterernährung leiden – davon 3,9 Millionen Kinder, eine Million von ihnen seien im Status einer schweren akuten Mangelernährung. 131.000 Kindern drohe ohne zusätzliche Hilfe der Hungertod, mehr als eines von zwei Kindern unter fünf Jahren ist nach Angaben des UN-Nothilfebüros (Ocha) von akuter Unterernährung bedroht und läuft Gefahr, zu sterben, wenn nicht sofort gehandelt wird.

Viele Familien versuchen mit der Hungerkrise umzugehen, indem sie ihre Wertsachen und Haushaltsgegenstände verkaufen, sie migrieren innerhalb des Landes und arbeiten irgendwo als Tagelöhner. Für Kinder und Jugendliche habe die Situation verheerende Folgen, sagt Florian Westphal, Geschäftsführer der Hilfsorganisation Save the Children in Deutschland: "Eine davon ist Kinderarbeit. Leider muss man davon ausgehen, dass heute mehr Kinder arbeiten gehen, um für ihre Familien dazuzuverdienen." Das bedeute, dass weniger Kinder in die Schule gehen könnten und dass es weniger Möglichkeiten der Erziehung gebe, was wiederum für das ganze Leben Auswirkungen habe. 

Junge Menschen stellen dabei einen sehr hohen Anteil der Gesellschaft Afghanistans: Nach Angaben der Weltbank waren im Jahr 2020 über 16 Millionen Afghaninnen und Afghanen Kinder zwischen null und 14 Jahren

"Mütter und Väter verkaufen alles, sogar ihre Organe, damit die Kinder überleben", schrieb die Afghanistan-Direktorin der Hilfsorganisation World Vision, Asuntha Charles, nach dem Besuch mehrerer Provinzen. "Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter berichten auch Fälle von Familien, die ihre Kinder aus purer Not verkaufen, ihre Töchter zum Heiraten anbieten", sagt Florian Westphal von Save the Children. Zwar habe es Kinderarbeit und auch Zwangsehen mit Minderjährigen schon vor der Machtübernahme der Taliban gegeben, aber mit der Hungerkrise hätten solche Fälle zugenommen.  

Weil grundlegende Gesundheitsdienste in Afghanistan zusammengebrochen sind, drohten ohne internationale Unterstützung Zehntausende Kinder an Infektionskrankheiten infolge von Mangelernährung zu sterben, berichtete das UN-Nothilfebüro vor Kurzem. Die Weltgesundheitsorganisation WHO zählt angesichts der fehlenden Gesundheitsdienste zurzeit fünf Krankheitsausbrüche, die auch Kinder treffen können: Masern, Diarrhö, Polio, Covid-19 und Malaria. 2021 zählte die WHO allein über 28.000 Masernfälle, durch Unterernährung werden viele Kinder 2022 anfälliger gegen die Viruskrankheit sein. Die WHO will jetzt 1,4 Millionen Kinder in Afghanistan impfen. 

Da kein Geld direkt an die Taliban gehen soll, kommt Hilfsorganisationen jetzt eine noch wichtigere Rolle zu. Doch sie haben große Schwierigkeiten, Geld nach Afghanistan zu bringen. Mit der Taliban-Machtübernahme wurden internationale Überweisungen in das Land über das Swift-System ausgesetzt. Auch im Ausland geparkte Reserven der afghanischen Zentralbank in Milliardenhöhe wurden eingefroren und somit regelmäßige Bargeldlieferungen in das Land eingestellt. Bargeldabhebungen wurden in der Folge stark eingeschränkt.

Ende Dezember beschlossen die UN und die USA angesichts der sich zuspitzenden humanitären Krise Ausnahmen vom Sanktionsregime. Humanitäre Hilfe in Afghanistan sei in einer solchen Situation zwar eine Lösung, die kurzfristig Leben rette, meint Florian Westphal von Save the Children. Doch entscheidend sei, dass es wieder so etwas wie wirtschaftliche Normalität gebe: "Die Afghaninnen und Afghanen, und darunter vor allem die Kinder, können nicht permanent in dieser Art wiederkehrender Krisensituationen leben."