Die gemeinsame Erklärung von Deutschland und Namibia über die Aufarbeitung deutscher Verbrechen vor knapp 100 Jahren sollte ein Meilenstein Berliner Aussöhnungspolitik sein. Doch einige Nachfahren der Betroffenen empören sich nun über die Erklärung. Sprechen von "Beleidigung", "schlechten Absichten", von Arroganz und Herabsetzung. Das "genügt nicht für das Blut unserer Ahnen!", sagt Vekuii Rukoro, der Paramount Chief einer Herero-Gemeinschaft. Und fordert Reparationen statt Erklärungen.

Wie sühnt man den Völkermord an den Herero und Nama? Das ist die Frage, seit eine deutsche Ministerin 2004 in Namibia zum ersten Mal das Wort Genozid ausgesprochen hat. Es geht um die Vertreibung und systematische Ermordung von Herero und Nama durch deutsche Truppen ab 1904, das größte Verbrechen der kurzen Berliner Kolonialgeschichte. Die Dimension des Unrechts hat auch die Erwartungen an seine Wiedergutmachung übergroß werden lassen – und das steht nun einer Aussöhnung entgegen.

Dabei hatten die Delegationen Namibias und Deutschlands im Mai eine Erklärung paraphiert, die sich durchaus sehen ließ. Deutschland wird offiziell seine Schuld am Völkermord anerkennen, der Bundespräsident soll nach Namibia reisen, Deutschland bittet um Vergebung und wird Namibia über 30 Jahre insgesamt 1,1 Milliarden Euro zahlen. Ob das ausreichend ist oder nicht, wird nun diskutiert, aber die Zweckbindung ist entscheidend. Das Geld soll fast in Gänze jenen Gemeinschaften zugutekommen, die damals unter den deutschen Truppen zu leiden hatten. In den Regionen der Herero und Nama sollten Landwirtschaft und Berufsbildung gefördert, die Wasserversorgung und Infrastruktur ausgebaut werden. Das haben die Namibier unter Einschluss von namhaften Herero-Vertretern und die Deutschen unter Leitung des CDU-Politikers und ehemaligen Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag Ruprecht Polenz ausgehandelt. So weit, so gut.

Statt Versöhnung ein Riesenstreit um persönliche Entschädigungen

Doch vonseiten der deutschen Regierung gab es ein Missverständnis: dass überall in Namibia das Kleingedruckte verstanden würde. Die Anerkennung des Genozids ist eine politische Erklärung und die Zahlungen sind freiwillig. Daraus folgt kein rechtlicher Anspruch. Das ist vielen in Namibia nicht klar.

Die Regierung führte die Verhandlungen seit September 2015, um mit den Deutschen zu einer Übereinkunft zu finden. In der Regierung sitzen viele Vertreter der Owambo, Namibias größter Volksgruppe, denen manche Herero vorwerfen, ihre Anliegen zu ignorieren. Doch standen auch namhafte Herero-Vertreter ausdrücklich hinter dem "Dialog mit Deutschland" und beteiligten sich aktiv daran. Manche der Verhandler schweigen jedoch heute nach der Erklärung, manche Regierungsvertreter distanzieren sich. Das ist symptomatisch für die zerstrittene Szene in Namibia. Eingeladen für die Verhandlungen waren tatsächlich wesentlich mehr, nämlich alle Interessengruppen der Herero und Nama. Doch viele lehnten gleich ab – und hier liegt das große Dilemma.

Charismatischen Vertretern der Herero ist es wichtiger, ihre Forderungen durchzusetzen, als in Verhandlungen Federn lassen zu müssen. Während die Verhandlungen liefen, klagten sie in New York gegen Deutschland. Erwartungen und deutsch-namibische Realität klafften weit auseinander. Rukoro und andere fordern "Reparationen" und individuelle Entschädigungen für die Nachfahren. Viele Menschen machen sich seitdem Hoffnungen, die heute enttäuscht werden.

Zwei Missverständnisse liegen dem zugrunde. Erstens zahlen aller historischen Erfahrung nach nur besiegte Staaten "Reparationen", eine Leistung unter Zwang. Deutschland zahlte nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg, auch Frankreich nach der Niederlage Napoleons oder in der Antike Karthago an das siegreiche Rom. Deshalb läuft heute alles auf Berliner Ausgleichszahlungen, aber nicht auf "Reparationen" im engen Wortsinn hinaus.

Zweitens ist nach 100 Jahren bei sehr dünner oder nicht mehr vorhandener Aktenlage schwer zu klären, wessen Ururgroßeltern was genau verloren haben und welcher individuelle Anspruch daraus heute erwächst. Was ist der Vergleichsmaßstab, was bekommen die Ururenkel, was die Nachbarn? Statt Versöhnung dürfte ein Riesenstreit um persönliche Entschädigungen die Folge sein.

Gut wäre, wenn das Geld schnell ankäme

Doch in den sechs Jahren der Verhandlungen wuchsen die Hoffnungen auf Reparationen immer weiter. Auch die Niederlagen vor den Gerichten in den USA konnten die klagenden Herero-Vertreter nicht entmutigen. Im Umlauf sind Forderungen bis zu dreistelligen Milliardenhöhen. Wer so steil einsteigt, kann die von Deutschland angebotene Summe von 1,1 Milliarden nur als knauserig und womöglich beleidigend empfinden. Aus dieser Sicht würde es auch kaum helfen, wenn man in Berlin noch etwas nachlegen würde. Es geht nicht um Zugeständnisse, sondern ums Ganze.

Ein Ausweg aus diesem Dilemma ist derzeit schwer vorstellbar. Es ist wahrscheinlich, dass die deutsch-namibische Erklärung, wenn sie denn von den Außenministern gemeinsam verabschiedet und mit dem Besuch des Bundespräsidenten dekoriert wird, nur mehr ein Schritt in einer langen, schwierigen Aussöhnung sein wird. Einen Unterschied würde es machen, wenn die deutschen Ausgleichszahlungen in den Zielregionen zügig ankämen und wenn sie dort spürbar die Lebensverhältnisse verbesserten. Dann könnten die Menschen der neuen Realität mehr glauben als den Erwartungen ihrer politischen Führer.