Wegen anhaltender Demonstrationen gegen die Regierung hat Kolumbiens Präsident Iván Duque den Einsatz der Armee in der drittgrößten Stadt Cali angeordnet, dem Zentrum der Proteste. Das gab Duque nach einem Sicherheitstreffen in Cali bekannt. Ab dem Abend werde die Polizei dort "maximal" von der Armee unterstützt, teilte der konservative Staatschef mit.

An diesem Freitag wurden in Cali nach Angaben der Stadtverwaltung mindestens zehn Menschen getötet. Die Konfrontationen hätten fast die Dimension eines "urbanen Kriegs" erreicht, sagte Carlos Rojas, Mitglied der Stadtverwaltung, dem Sender Radio Caracol. Neben den zehn Toten habe es zahlreiche Verletzte gegeben.

Nach Angaben der örtlichen Behörden hatte sich die Situation in Cali verschärft, nachdem ein Ermittler der Staatsanwaltschaft am Freitag auf eine Menge geschossen hatte, die ihm den Weg versperrte. Durch die Schüsse des Beamten wurden zwei Menschen getötet, der Ermittler wurde anschließend von aufgebrachten Demonstrierenden getötet. Laut Staatsanwaltschaft war der Beamte während des Vorfalls nicht im Dienst.

Die Kritik an der zunehmenden Polizeigewalt gegen Demonstrierende wächst. Der Amerika-Direktor von Human Rights Watch, José Miguel Vivanco, bezeichnete die Situation in der 2,2 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner zählenden Stadt Cali als "sehr ernst". Er forderte von Präsident Duque Sofortmaßnahmen zur Entschärfung der Lage. Unter anderem müsse Staatsvertretern der Einsatz von Schusswaffen verboten werden.

In dem südamerikanischen Land gehen seit vier Wochen immer wieder Tausende Menschen aus Wut über die Regierungspolitik auf die Straße. Die Demonstrierenden fordern bessere Arbeitsbedingungen, eine Reform des Rentensystems, einen besseren Schutz von Menschenrechtsaktivisten und die vollständige Umsetzung des Friedensabkommens mit der Rebellengruppe Farc.

Über 50 Tote seit Protestbeginn

Seit Beginn der Protestbewegung vor einem Monat wurden nach Behördenangaben mehr als 50 Menschen getötet, darunter zwei Polizisten. Mehr als 120 Menschen werden seit Beginn der Proteste vermisst, hinzu kommen etwa 2.000 Verletzte. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch sprach zuletzt von mehr als 60 Toten.

Das Auswärtige Amt in Berlin gab eine bedingte Reisewarnung für Kolumbien aus. Die landesweiten Proteste seien "teilweise mit massiv gewalttätigen Ausschreitungen verbunden". Weitere Eskalationen seien nicht auszuschließen, ein Ende der Unruhen bisher nicht absehbar.

Bereits 2019 hatte es große Proteste vor allem junger Menschen gegen Duque gegeben. Während der Corona-Pandemie kamen sie zunächst zum Erliegen. Die wirtschaftliche Situation vieler Kolumbianer hat sich während der Pandemie noch verschärft: 42,5 Prozent der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze.