Eines Morgens im Januar tauchten die Graffiti in Larne auf, einem kleinen Hafenstädtchen an der Ostküste Nordirlands. Plötzlich waren bedrohliche Sprüche an die Hauswände gesprüht: "Keine Grenze in der See", stand da. Das Graffito ähnelte Plakaten, die auch die Stadt aus Protest aufgehängt hatte, denn hier ist niemand glücklich über die neue imaginäre Zollgrenze, die seit dem Brexit zwischen Nordirland und Großbritannien mitten durch die Irische See verläuft. Die Grenze ist der Kompromiss, den der britische Premier mit der EU vereinbart hatte, um eine politisch brisante Zollgrenze mitten auf der Insel zwischen der Republik Irland und Nordirland zu vermeiden.

Aber es blieb nicht bei den gesprühten Parolen in Larne, es gab noch deutlichere Warnung an den Wänden: "All border post staff are targets" – alle, die im Grenzverkehr arbeiten, sind Ziele. Ein Fadenkreuz machte deutlich: Im Zweifel würde geschossen. Zielscheibe war das Hafenpersonal, also Beamte, die hier nun die Lastwagen kontrollieren, die aus Großbritannien von der Fähre anrollen. Die Nachricht von diesen Parolen beunruhigte die britische Regierung und die EU.

War dies der Neubeginn der Unruhen, die den Bürgerkrieg Nordirlands über Jahrzehnte geprägt hatten? Waren womöglich die gefürchteten Paramilitärs infolge des Brexits wieder aktiv?

Die nordirische Ministerpräsidentin Arlene Foster hatte mit "politischen Spannungen" gedroht, sollte das Nordirland-Protokoll nicht gekippt werden. Foster ist Vorsitzende der protestantischen Partei DUP, deren Mitglieder sich als Unionists, als Bürger des Vereinigten Königreiches verstehen und der Grenze in der Irischen See ihren Kampf angesagt haben. Mit anderen Parteien der Unionists hat sie rechtliche Schritte gegen das Nordirland-Protokoll eingelegt. Aber nicht nur das: Vergangene Woche traf sich Foster mit Vertretern der illegalen Paramilitärs, um ihre Politik abzusprechen. "Sollte es dazu kommen, dass wir wieder physisch für unsere Freiheit kämpfen müssen, dann ist das eben so", warnte deren Anführer, David Campbell. Am Mittwoch schrieb Campbell dann an Premierminister Boris Johnson, die von ihm vertretenen Organisationen der Loyalisten würden das Friedensabkommen so lange nicht mehr unterstützen, bis die Grenzsituation verändert werde.

Der Frust über die Grenze in der Irischen See ist in der Bevölkerung tatsächlich groß. "Wir wurden nie gefragt zu der Grenze in der Irischen See", sagt uns ein ehemaliger Soldat der Loyalisten in Belfast, der auf britischer Seite im Bürgerkrieg gekämpft hat. "Wir sind Briten wie alle anderen auch. Aber jetzt schneidet uns die Grenze vom Rest des Vereinigten Königreiches ab", sagt er resigniert. Vom Krieg sei er traumatisiert, 200 Mitkämpfer seien gestorben, er sei mit seiner Familie vor Morddrohungen geflohen: "Warum haben wir damals um Nordirland gekämpft? Warum der ganze Bürgerkrieg?" Sobald die katholische IRA mit Gewalt drohe, bekomme sie, was sie wolle. "Wir aber werden vergessen, man nimmt uns immer mehr weg."

Bauernopfer für den Brexit

Der UUP-Abgeordnete Keith Turner in Larne. Hinter ihm eine Parole gegen die Seegrenze in der Irischen See © Horst Friedrichs

Keith Turner, ein Stadtabgeordneter der protestantischen Ulster Unionist Party in Larne, zeigt besorgt bei einem Rundgang durch das Städtchen die Graffiti, aber auch die menschenleeren Straßen, die aufgegebenen Geschäfte. "Wir mussten das ernst nehmen, haben das Zollpersonal einige Tage vom Hafen abzogen", sagt er. Turner hält nichts davon, die politischen Probleme in seinem Ort an die große Glocke zu hängen: "Das hält Investoren ab. Wir brauchen Arbeitsplätze. Wir sind schlecht dran hier", sagt er und erzählt, dass in den vergangenen Jahren Tausende Arbeitsplätze weggefallen sind, weil Unternehmen wie Caterpillar und Michelin ihre Produktion hier aufgegeben haben. Dass die Zugehörigkeit Nordirlands zum EU-Binnenmarkt wirtschaftlich für Nordirland auch eine Chance sein kann, ist für ihn sekundär. Für Turner ist die jetzt gefährdete Einheit mit Großbritannien entscheidend.

"Jetzt wachsen Nordirland und die Republik zu einer Wirtschaftszone zusammen", sagt Turner bitter, "es wird ein Land." Er bringt damit zum Ausdruck, was all diejenigen fürchten, die sich hier als Briten identifizieren: Die Grenze bedeutet den ersten Schritt zur endgültigen Trennung von Großbritannien. "London hatte uns schriftlich garantiert, Nordirland würde auch aus dem Binnenmarkt austreten", sagt er. Turner fühlt sich verraten. "Wir sind das Bauernopfer, das Johnson der EU für den Brexit zahlen muss." Aber mit Gewalt kämpfen? Das wolle niemand hier. Für die Graffiti-Schmierereien seien Jugendliche festgenommen worden, die politisch aufgehetzt worden seien. Die Polizei habe keine Anhaltspunkte, dass Paramilitärs dahintersteckten. "Das ist auch gut so", sagt Turner und betont, niemand hier wolle den Terror der Vergangenheit heraufbeschwören.

Mit ehemaligen Milizen legt man sich in Ostbelfast nicht an

Was der Terror der Paramilitärs bedeutet, ist in Belfast auch heute noch gut zu erkennen. Wer nach Ostbelfast fährt, dem Stadtteil der protestantischen Paramilitärs, wird von haushohen Wandgemälden empfangen, auf denen vermummte Milizen mit Waffen verherrlicht werden. An den Hauswänden prangen die Embleme der Paramilitärs, Erinnerungen an den vergangenen Bürgerkrieg. In trotziger Verehrung werden sie immer wieder frisch aufgemalt. Niemand wagt es, die Bilder des Terrors zu übertünchen, weder die Hauseigentümer noch die Polizei, die hier alle zehn Minuten in gesicherten Wagen patrouilliert. Mit den ehemaligen Milizen legt man sich hier nicht an. In einem Wohnviertel in der Nähe der Hafendocks stehen zwar Gartenzwerge und Engelchen neben den Haustüren, aber wer den Gangs in die Parade fährt, bekommt Backsteine durchs Wohnzimmerfenster geschleudert. "Das gehört hier zum Leben dazu", sagt ein Mann in seinem Vorgarten und deutet auf die verbretterten Fenster seines Nachbarn. "Wir mussten mit unseren Kindern einige Tage ausziehen – zur Sicherheit."

Wer sich nicht fügt, lebt mit dem Terror. Wenige Häuser weiter steht das Heim der Familie von Ian Ogle. Der Familienvater geriet in eine Fehde mit der protestantischen paramilitärischen Truppe UVF. Vor zwei Jahren wurde er von einem Tribunal der Untergrundgang verurteilt, sich zur Strafe die Beine und Arme brechen zu lassen. Er weigerte sich und wurde erstochen. Zum zweijährigen Todestag vor wenigen Tagen tauchten 60 vermummte Schlägertypen vor dem Haus auf, um "Stärke zu zeigen", wie sie es formulierten. Die Polizei nahm die Anführer fest – und ließ sie wieder laufen.

Seit dem Karfreitagsabkommen von 1998 sind die ehemaligen Paramilitärs als illegale Terroristenorganisationen verboten, sowohl die IRA auf katholischer Seite als auch die ehemaligen Milizen der Protestanten. Aber eine neue Generation nutzt die alten Strukturen, heute allerdings für Mafiageschäfte, und die meint es damit sehr ernst.