Es waren nicht die ersten Drohungen, die Lerber Lisandro Dimas erhielt. Doch sie waren klarer als je zuvor. Männer kamen zu seinem Haus, fragten nach seinem Namen und filmten ihn. Ein Bekannter rief an, um ihn zu warnen. Der Anrufer sagte, so erinnert sich Dimas: Die Leute erzählten sich, "einer der neuen paramilitärischen Kommandanten der Gegend habe öffentlich verkündet, sie hätten mich identifiziert. Und ich müsse bezahlen."

Es war die Ankündigung, ihn zu töten. Dimas wusste: Er musste sie ernst nehmen. Bereits in den Monaten zuvor waren in Santa Marta, seiner Heimatregion, immer wieder Menschen umgebracht worden, die den Paramilitärs offenbar lästig geworden waren. Und Dimas war lästig, denn als Anthropologe forscht und veröffentlicht er seit Jahren über die Paras. Er weiß genau, wie sie die Bevölkerung terrorisieren, die Region für ihre illegalen Geschäfte untereinander aufteilen, wie sie gegeneinander um die Herrschaft kämpfen – und er schreibt auch über die Verbindungen, die zwischen den Paramilitärs und lokalen Sicherheitsbehörden bestehen. Irgendwann, sagt Dimas, wurde er mit seiner Arbeit den Bossen wohl zu unbequem.

Wenige Stunden nach dem Anruf, Dimas hielt gerade eine Online-Vorlesung, holte ihn die Polizei in großer Eile aus seinem Haus. Die Beamten hatten Angst um sein Leben. Der Forscher sah keinen anderen Ausweg: Er verließ Santa Marta und floh ins Exil. Mittlerweile ist er in Deutschland.

Getötete Frauenrechtlerinnen und indigene Räte

Dimas hat überlebt. Andere lokale Aktivistinnen und Aktivisten, die ebenfalls in Gefahr sind, mussten ihre Heimatorte so wie er verlassen. Das berichtet Amnesty International in einem neuen Report über Kolumbien. Viele andere aber, die sich für die Umwelt, den Frieden oder gegen die bewaffneten Banden engagierten, wurden umgebracht. Getötet werden Frauenrechtlerinnen und indigene Räte, afrokolumbianische Aktivistinnen, Umweltschützer, Bauernführer und Menschen, die sich dafür einsetzen, dass die Koka-Felder auf dem Land durch legale Pflanzungen ersetzt werden. Die Organisation Global Witness zählte 2019 in Kolumbien so viele Morde an Aktivisten wie in keinem anderen Land. Meist werden die Täter nicht ermittelt.

"Die Situation im Land ist sehr besorgniserregend", sagt Alke Jenss, die am Arnold-Bergstraesser-Institut in Freiburg zur Sicherheitslage in Kolumbien forscht und auch mit Dimas schon zusammengearbeitet hat. Sie half ihm dabei, nach Deutschland zu kommen. "Der Friedensprozess mit der Farc liegt praktisch in Trümmern", sagt Jenss. Die Regierung unter Präsident Iván Duque setze den Friedensvertrag nur begrenzt um. "Sie hat ihn schon immer abgelehnt." Kolumbianische und europäische Menschenrechtsorganisationen kritisieren die Politik der Regierung Duques ebenfalls. Amnesty International wirft ihr "Versagen" vor.

Proteste gegen staatliche Repression

Dabei ist es erst drei Jahre her, dass der Frieden in Kolumbien greifbar nah schien. Damals schloss die Regierung, noch unter Präsident Juan Manuel Santos, mit der Farc-Guerilla einen Friedensvertrag. Der war zwar hoch umstritten, doch nach fünf Jahrzehnten Bürgerkrieg schien er die Möglichkeit eines gewaltfreien Zusammenlebens zu eröffnen. Die Gewalt aber war nie ganz verschwunden – und gerade kehrt sie mit Macht zurück. Der Staat, sagt die Forscherin Jenss, lasse das zu. Manchmal verursache er die Gewalt aber auch, oder er übe sie selbst aus. Auch darüber hat Lerber Dimas geschrieben.

Erneut offensichtlich wurde die staatliche Repression gegen ihre Bürger im September, als in Kolumbiens Hauptstadt Bogotá ein Mann in Polizeigewahrsam ums Leben kam. Der 46-jährige Javier Ordóñez starb, nachdem Polizisten ihn mit einem Elektroschocker malträtiert und geschlagen hatten. Angeblich hatte Ordóñez, ein Familienvater, der Anwalt werden wollte, die Ausgangssperre missachtet. Er soll an Kopfverletzungen gestorben sein.

Nach Ordóñez‘ Tod kam es in Bogotá und anderen Städten tagelang zu Protesten. Sie wurden mit Gewalt unterdrückt. Polizisten schossen auf Demonstrierende, Berichten zufolge entgegen der ausdrücklichen Anweisung von Bogotás Bürgermeisterin Claudia López. In Kolumbien untersteht die Polizei dem Verteidigungsministerium; es schien, als fühlten ihre Beamten sich an Anordnungen der zivilen Behörden nicht gebunden. Innerhalb von zwei Tagen starben in Bogotá mindestens 13 Menschen, mehrere Hundert wurden verletzt.