Die Wahrnehmung über Deutschland hat sich nicht nur unter US-Politikerinnen und -Politikern gewandelt, meint unser Gastautor Jamie Fly. Als jahrelanger Republikaner, der soeben nach Deutschland zog, argumentiert er, dass Berlin nicht die Ergebnisse der US-Wahlen abwarten sollte, um die amerikanische Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass Deutschland weiterhin ein wichtiger Partner der USA sei. Fly ist Senior Fellow beim German Marshall Fund of the United States. Zuvor war er von 2019-2020 Vorstandsvorsitzender von Radio Free Europe/Radio Liberty in Prag. Von 2013 bis 2017 war er als außenpolitischer Berater von Senator Marco Rubio tätig.

Joe Biden liegt in den aktuellen Umfragen deutlich vor Amtsinhaber Donald Trump. Europäerinnen und Europäer könnten nun versucht sein, zu glauben, dass sich die amerikanische Politik wieder normalisieren wird, sobald Präsident Trump die Bühne verlässt. Das wäre allerdings eine Fehleinschätzung. Das Amerika im Jahr 2020 unterscheidet sich grundlegend von dem Land, das Donald Trump vor vier Jahren von Barack Obama geerbt hat. Selbst eine Biden-Präsidentschaft wird nicht in der Lage sein, die von Trump in Gang gesetzten Trends vollständig rückgängig zu machen.

Es ist noch gar nicht so lange her, dass die bloße Erwähnung von Bundeskanzlerin Merkel bei einer Kundgebung von Präsident Trump Buhrufe von Tausenden von Trump-Anhängerinnen und -Anhängern auslöste. Deutschland ist für einen Teil der amerikanischen Bevölkerung zu einem politischen Prügelknaben geworden. Und das in einer Weise, wie man es in den Vereinigten Staaten seit dem hurra-patriotischen Deutschland-Bashing während des Ersten und Zweiten Weltkriegs nicht mehr gesehen hat.

Die Auffassung von Deutschland als Trittbrettfahrer, der nicht bereit ist, die strategischen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts anzugehen, setzt sich auch in der politischen Landschaft Amerikas durch. Von republikanischen Senatoren wie Ted Cruz und Tom Cotton bis hin zu den Demokraten. Sie sind frustriert, dass Deutschland darauf besteht, mit Nordstream 2 fortzufahren und formulieren weitgehend die gleiche Kritik: Berlin muss seine Werte vor seine wirtschaftlichen Interessen stellen.

Bei China und Russland sind sich Demokraten und Republikaner einig

Diese veränderte Wahrnehmung Deutschlands kommt zu einer Zeit, in der Amerika mit sich selbst beschäftigt ist. Und an dieser Selbstbezogenheit wird sich auch in den kommenden Jahren kaum etwas ändern. Schon vor der Ermordung von George Floyd diskutierten Amerikanerinnen und Amerikaner über ihre innenpolitischen Differenzen, anstatt sich gemeinsam den Herausforderungen von außen zu stellen.

Wenn es um die Außenpolitik geht, zeigen Umfragen erhebliche Unterschiede in der Prioritätensetzung auf Seiten der Republikaner und Demokraten. Gleichzeitig gibt es einige Herausforderungen, wie beispielsweise China und Russland, die die Linke mit der Rechten vereinen. Die Gemeinsamkeiten bilden jedoch die Ausnahme, nicht die Regel.

Auch wenn die amerikanische Uneinigkeit neue Höhen erreicht, ist das internationale Umfeld viel komplexer als noch vor einem Jahrzehnt. Ein aufstrebendes China bedroht die amerikanische Vormachtstellung und innenpolitische Herausforderungen führen zur Verzweiflung über Amerikas Fähigkeit, auf der internationalen Bühne Erfolge zu erzielen.

Die wenigen Bereiche, in denen in der amerikanischen Außenpolitik ein parteiübergreifender Konsens besteht, stehen im Widerspruch zu den wirtschaftlichen Interessen Deutschlands. Die Demokratische Partei ist gegenüber China deutlich härter als zu der Zeit, in der Barack Obama aus dem Amt schied. Sie ist vielleicht sogar noch anti-Kreml-feindlicher als zu jedem Zeitpunkt der modernen amerikanischen Geschichte zuvor, vorangetrieben durch die Überzeugung, dass Wladimir Putin Trump beim Einzug ins Weiße Haus geholfen haben könnte. Trotz Donald Trump haben die republikanischen Kongressabgeordneten ihr Misstrauen gegenüber Putins Russland nicht verloren.