Wenn Sie Deutscher sind, dann können Sie ab dem 15. Juni nach Österreich in den Urlaub fahren, aber nicht nach Italien. Sind Sie Tscheche, dann könnten Sie in diesem Sommer an die kroatische Küste reisen, falls sich die Regierungen der Tschechischen Republik und Kroatiens auf einen entsprechenden Vorschlag einigen. Wenn Sie Schwede sind, dann können Sie auf eine griechische Insel fahren, um dort die Sonne zu genießen, nach Spanien aber dürfen Sie nicht und auch nicht nach Portugal. Wenn Sie Italiener sind, dann haben Sie Pech gehabt, dann können Sie nämlich Ihr eigenes Land erst gar nicht verlassen, wenn es gut geht, dann dürfen Sie sich am heimischen Strand erholen, allerdings nur mit gebührenden Sicherheitsabstand vom Nachbarurlauber.  

So sieht es aus in diesem Sommer, so ungefähr, denn sicher ist das alles nicht. Es kann sich jederzeit etwas ändern. Entschieden wird das in Berlin, Prag, Paris, Riga oder in einer anderen europäischen Hauptstadt. Jeder Nationalstaat macht, was er will.

Jeder kämpft auf seine Weise gegen das Virus.

Willkommen im Europa von Covid-19, willkommen in einem zersplitterten Kontinent. 

Nun, gibt es gute Gründe für die zeitweise Renationalisierung Europas. Die Ausbreitung des Coronavirus erforderte schnelles Handeln zum Schutz der Bürger und Bürgerinnen.

Diese Aufgabe haben die Nationalstaaten zunächst einmal übernommen, weil sie dafür besser ausgestattet sind als die Europäische Union. Die EU hat beispielsweise keine Kompetenzen im Gesundheitsbereich. Sie kann nur koordinieren. Das hat sie zu Beginn der Pandemie durchaus versucht. Sie hat die Regierungen der Mitgliedsstaaten immer wieder daran erinnert, dass diese Krise nur gemeinsam bewältigt werden könne. Schon allein deshalb, weil das Virus keine Grenzen kennt.

Die Kommission hat geworben und gemahnt, etwa mit dem Argument, dass Bauteile der dringend benötigten Beatmungsgeräte aus vielen verschiedenen Ländern geliefert würden. Schließe man die Grenzen, dann behindere man die Produktion dieser lebensrettenden Geräte. Das sind alles gute Argumente, die Grenzen wurden trotzdem in einer Kettenreaktion geschlossen, die einen setzten die Schließungen strikter durch, die anderen weniger strikt. Es folgten andere nationalstaatliche Maßnahmen, das Exportverbot für medizinische Schutzausrüstung beispielsweise. Zeitweise stockte auch der Warenverkehr. An den Grenzen bildeten sich lange Lkw-Schlangen.

Die erste Reaktion war also eine nationalstaatliche und sie war durchaus populär. In allen Ländern erfuhren die harten Maßnahmen eine breite Zustimmung der Bevölkerung. Die Bürger vertrauten ihren Regierungen offenbar. Europa, das erschien ihnen wie eine weit entfernte, irrelevante Entität. Und so ganz falsch war dieser Eindruck nicht, die EU-Institutionen rangen sichtbar um Bedeutung, und sie tun es immer noch.

Inzwischen gibt es in allen europäischen Staaten Lockerungen. Innenminister Horst Seehofer etwa kündigte an, dass, bei gleichbleibendem Infektionsgeschehen, ab 15. Juni die Grenzkontrollen beendet würden. Europa versucht, zur Normalität zurückzukehren.