Laia Ortiz hat wenig Zeit. Die 36-jährige Sozialdezernentin von Barcelona ist erst etwas mehr als 100 Tage im Amt. Jetzt hetzt sie von einem Termin zum anderen – auch weil die neue linke Stadtregierung nach all den Jahren der konservativen Vorherrschaft von den Bürgern besonders aufmerksam beobachtet wird. Aus Sicht der Grünen-Politikerin gibt es eine Menge zu ändern: Die 1,6 Millionen Einwohner zählende Stadt im Nordosten des Landes kämpft wegen der seit Jahren anhaltenden Wirtschaftskrise vor allem mit zwei Problemen: Wohnungsmangel und Armut.

Seit ein paar Wochen ist noch eine neue Herausforderung hinzugekommen: Die Flüchtlingskrise in Europa. Die spielt in der öffentlichen Debatte in Spanien bisher so gut wie keine Rolle, auch wegen der restriktiven Asylpolitik der konservativen Zentralregierung in Madrid. Doch wenn es nach Ortiz und ihrem linken Wählerbündnis Barcelona en comú (Gemeinsam für Barcelona) geht, soll sich das nun ändern.

"Barcelona war die erste Stadt, die einen Schritt nach vorne gemacht hat", erklärt Ortiz in ihrem Büro, das in einer Seitenstraße von Barcelonas Altstadt liegt: "Wir haben gesagt: Es gibt eine schwere humanitäre Krise und es kann nicht sein, dass manche Länder nicht reagieren. Wenn die Regierungen ihre Arbeit nicht machen, dann machen sie halt die Städte."

Noch im vergangenen Jahr wurden 80 Prozent der Asylgesuche in Spanien abgelehnt. Die meisten Flüchtlinge schaffen es ohnehin erst gar nicht ins Land oder sie reisen gleich weiter in andere EU-Länder, weil sie wissen, dass sie hier schlechte Chancen haben: Gerade einmal 4.400 Menschen stellten 2014 einen Asylantrag in Spanien. Zum Vergleich: In Deutschland waren es selbst in Jahren mit sehr niedrigen Flüchtlingszahlen, wie zum Beispiel 2008,  22.000. Gemeinsam mit osteuropäischen Ländern wie der Slowakei, Polen, Lettland und Estland gehörte Spanien noch im ersten Halbjahr 2015 zu den EU-Ländern mit der niedrigsten Asylbewerberquote im Verhältnis zur Einwohnerzahl

Kein einziges Flüchtlingsheim in Katalonien

Spätestens seit den ersten – wenn auch zaghaften Beschlüssen – der EU-Innenminister, die vielen nach Europa kommenden Flüchtlinge möglichst fair auf verschiedene Länder zu verteilen, ist klar, dass auch Spanien in diesem Jahr deutlich mehr Menschen aufnehmen muss als bisher. Erst einmal ist die Rede von 14.000 Flüchtlingen, doch dabei wird es wohl nicht bleiben. Denn inzwischen sind es vor allem Syrer, die einen Asylantrag in Spanien stellen – sie kann das Land kaum abschieben.

Ortiz Chefin Ada Colau, die neue linke Bürgermeisterin von Barcelona, hat daher nun eine medienwirksame Initiative gestartet: Ein Städtenetz für Flüchtlinge, dem bis zu 80 Kommunen angehören sollen. Es gehe darum, erklärt Sozialdezernentin Ortiz, eine Willkommenskultur zu schaffen, aber auch eine bisher noch gar nicht vorhandene Infrastruktur aufzubauen: Bisher wurden Flüchtlinge in Spanien meist dezentral untergebracht oder wohnten bei ihren Familien, wie die vielen Ukrainer, die im vergangenen Jahr in Spanien Asyl beantragt haben.

10 Millionen Euro stellt Barcelona nun erst mal aus dem eigenen Kommunalhaushalt für die Flüchtlinge zur Verfügung. Gerade werden öffentliche Gebäude auf ihre Tauglichkeit als Flüchtlingsheim überprüft. In der ganzen 8 Millionen Einwohner starken Region Katalonien gibt es bisher keine Erstaufnahmeeinrichtung. "Aus Madrid hören wir nichts", klagt Ortiz, "sie lassen uns im Unklaren, wann die Menschen kommen. Aber wir wollen vorbereitet sein." 

Was sagen die spanischen Arbeitslosen?

Barcelonas Bürgermeisterin Ada Colau wird Mitte der Woche nach Deutschland reisen, sie will sich darüber informieren, wie man Flüchtlinge human und effizient unterbringt. Ihre Flüchtlingsinitiative ist auch ein innenpolitisches Signal: Ende Dezember wird in Spanien ein neuer Regierungschef gewählt und die Linke hofft, den konservativen Premier Mariano Rajoy absetzen zu können. Der hat gerade mit sinkenden Umfragewerten und allerlei Konkurrenz zu kämpfen.  Im "Städtenetz für Flüchtlinge" haben sich daher vor allem Kommunen zusammengetan, die seit den Regionalwahlen im Mai links regiert werden.

Gemeinsam wollen sie in Richtung Madrid sticheln, aber das ist nicht ohne Risiko. Schon in Deutschland werden zunehmend Sorgen formuliert, dass Einheimische durch die vielen Flüchtlinge nun zusätzliche Konkurrenz auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt bekommen. In Spanien ist die Situation deutlich dramatischer: Das Land erholt sich nur langsam von der schweren Wirtschaftskrise. Zwar verzeichnet die  Regierung in Madrid für dieses Jahr ein leichtes Wachstum, die Arbeitslosenquote liegt jedoch unverändert bei 22 Prozent, von den unter 25-Jährigen hatte im August sogar jeder Zweite keine Arbeit.

Viele Familien wurden zwangsgeräumt, weil sie ihre Hypotheken auf Eigentumswohnungen nicht mehr bezahlen konnten, Erwachsene leben wieder zu Hause bei ihren Eltern, weil sie arbeitslos sind. Selbst wer einen Job hat, wird oft schlecht bezahlt. Wie werden diese unzufriedenen und von Zukunftsängsten gebeutelten Menschen auf den Zuzug von Flüchtlingen reagieren?

"Wir müssen viel erklären, auch dass die Menschen vor Krieg fliehen, dass es selbstverständlich ist, dass sie zu uns kommen", sagt Ortiz. Stolz erzählt die Sozialdezernentin von einem elektronischen Briefkasten, den man für Anwohner geschaffen habe, die Hilfe anbieten wollen: Kleidung, Sprachunterricht, Unterkunft. Es gebe trotz der privaten Schwierigkeiten vieler Spanier eine große Bereitschaft zu helfen, auch "dieses Signal kann Madrid nicht ignorieren".