Nach dem Skandal um ein antisemitisches Kunstwerk auf der documenta will Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) in diesem Jahr auf einen Besuch der Kunstschau verzichten. "Olaf Scholz ist ein großer Fan der documenta und hat in den vergangenen 30 Jahren wohl keine documenta versäumt. Er hat aber entschieden, die diesjährige Ausgabe nicht zu besuchen", sagte eine Regierungssprecherin der Nachrichtenagentur dpa. 

Der Bundeskanzler finde "die besagte Abbildung in Kassel abscheulich und hält es für völlig richtig und angemessen, dieses Plakat zu entfernen", sagte die Sprecherin weiter. "In Deutschland ist kein Platz für antisemitische Darstellungen, auch nicht auf einer Kunstausstellung."    

Die documenta-Leitung solle sich ihrer Verantwortung für diesen Vorgang stellen. "Im Vorfeld dieser renommierten Ausstellung gab es eine ganze Reihe von Warnungen – umso irritierender ist es, dass es nun dennoch zu diesem Skandal gekommen ist", kritisiert der SPD-Politiker.

Derweil gibt es inzwischen mehrere Rücktrittsforderungen: Die Jüdische Allgemeine, die vom Zentralrat der Juden in Deutschland herausgegeben wird, rief Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) zum Amtsverzicht auf. Der Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG), Volker Beck, forderte den Rücktritt von documenta-Generaldirektorin Sabine Schormann. Zudem sollten die Mitglieder des Kontrollgremiums unter Leitung des Kasseler Oberbürgermeisters Christian Geselle (SPD) ihre Posten zur Verfügung stellen.

Die zunächst verhüllte und dann am Dienstagabend abgebaute, mehrere Meter hohe Bannerinstallation People's Justice stammt vom indonesischen Künstlerkollektiv Taring Padi. Das Werk zeigte unter anderem einen mit Davidstern dargestellten Soldaten mit Schweinsgesicht, der einen Helm mit der Aufschrift "Mossad" trägt – dem Namen des israelischen Auslandsgeheimdienstes. 

Philipp Peyman Engel, Chef vom Dienst der Jüdischen Allgemeinen, schrieb in einem Meinungsbeitrag: "Entweder war Roth nicht in der Lage, Einfluss auf die sich lange abzeichnende Entwicklung zu nehmen. Oder sie konnte beziehungsweise wollte nicht verstehen, dass Judenhass eine elementare Herausforderung für unsere Demokratie darstellt." Beide Fälle würden Roth als Kulturstaatsministerin disqualifizieren.

Roth hatte am Dienstag die Entfernung des Bildes als "überfällig" bezeichnet. Nun müsse geklärt werden, "wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass dieses Wandbild mit antisemitischen Bildelementen dort installiert wurde", sagte die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien.

Antisemitismusbeauftragter fordert Aufarbeitung

"Die documenta hat in massiver Weise Vertrauen in Politik und Kunstszene verspielt", sagte der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, den Zeitungen der Funke Mediengruppe. "Und das ist nicht plötzlich geschehen, sondern das Ausmaß ist mit den anhaltenden Antisemitismusvorwürfen seit Anfang des Jahres kontinuierlich angewachsen."

"Die Aufgabe muss nun sein, den entstandenen Vertrauensverlust wieder aufzuheben, und zwar zunächst dadurch, die Vorgänge rückhaltlos aufzuarbeiten", sagte Klein. "Auch eine klärende, glaubwürdige Stellungnahme des kuratierenden Kollektivs ruangrupa würde dazu beitragen."

Darüber hinaus stelle sich die Frage, wie mit öffentlichen Geldern für die Kulturförderung umgegangen werde, sagte Klein. "Ich begrüße es, dass diese Frage jetzt offenbar im Kulturausschuss des Bundestages diskutiert werden soll."

Zentralrat: Schaden für Deutschlands Image in der Welt

Eine frühere Reaktion hätte sich auch DIG-Präsident Beck gewünscht. "Nach den Antisemitismusvorwürfen schon im Vorfeld hätte der Aufsichtsrat tätig werden und sicherstellen müssen, dass Antisemitismus auf der documenta keinen Platz hat", sagte er dem Kölner Stadt-Anzeiger. Stattdessen habe gerade Oberbürgermeister Geselle "immer alles gesund gebetet".

Hessens Kunstministerin Angela Dorn (Grüne) will nun die "Strukturen" der Weltkunstausstellung überprüfen. Sie sagte dem Radiosender hr-iNFO: "Es waren diesmal Kollektive eingeladen. Das heißt, es gab nicht einen verantwortlichen Kurator oder eine Kuratorin. Das ist ein Teil des Problems."

Zentralratspräsident Josef Schuster begrüßte die Entfernung des Kunstwerks. "Nicht abgehakt" sei damit allerdings das Thema Antisemitismus sowie die Debatte über eine Nähe der diesjährigen documenta zur israelkritischen Initiative Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen (BDS). Schuster betonte zudem: "Deutschlands Image in der Welt hat durch diesen Vorfall bereits Schaden genommen."