Nach dem Auftauchen von Affenpocken bei Menschen in Europa und den USA hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu einer rigorosen Verfolgung aller Kontakte der Betroffenen aufgerufen. Kliniken und Bevölkerung müssten dafür sensibilisiert werden, einen ungewöhnlichen Hautausschlag von Fachpersonal begutachten zu lassen, teilte die WHO mit. Demnach sollten Patienten isoliert werden, wenn sich der Verdacht auf Affenpocken erhärte. Gesundheitspersonal solle sich mit den üblichen Vorkehrungen gegen Infektionen schützen, die sich über Kontakt oder Tröpfchen ausbreiten können.

Nach Großbritannien meldeten auch Spanien, Portugal, Italien und Schweden Infektionsfälle mit Affenpocken. In Großbritannien war der erste Fall Anfang Mai bekanntgeworden, dort wurden seitdem neun Fälle bestätigt. Auch in den USA und Kanada werden Dutzende Fälle untersucht. Bei der Mehrheit der bisher bekannten Affenpockeninfektionen sind laut WHO Männer betroffen, die Sexualkontakte zu anderen Männern hatten.

Fälle in Madrid, Lissabon, Rom und Stockholm

Die Gesundheitsbehörden in Spanien meldeten sieben Fälle. Es gebe zudem 22 Verdachtsfälle, alle in der Region Madrid. "Es ist möglich, dass wir in den kommenden Tagen weitere Fälle haben werden", sagte der Leiter des Gesundheitswesens der Hauptstadtregion, Antonio Zapatero, dem Radiosender Onda Cero. In Portugal stieg die Zahl der Infektionen um neun auf insgesamt 14 Fälle. Die Patienten seien gesundheitlich stabil und würden engmaschig überwacht, hieß es von der portugiesischen Gesundheitsbehörde DSG. Die meisten Fälle wurden in und um die Hauptstadt Lissabon gemeldet.

In Italien wurde eine Affenpockeninfektion in einem Krankenhaus in Rom festgestellt. Nach Angaben der Spallanzani-Klinik befindet sich die Person, die von einem Aufenthalt auf den Kanarischen Inseln zurückkam, in Isolation. Zwei weitere Verdachtsfälle würden noch geprüft. Auch Schweden meldete einen Infektionsfall. Wie die schwedische Gesundheitsbehörde mitteilte, ist eine Person im Großraum Stockholm infiziert. Wo sie sich angesteckt hat, ist unklar.

In den USA war am Mittwoch im US-Bundesstaat Massachusetts ein erster Fall von Affenpocken bei einem Mann gemeldet worden, der vor Kurzem nach Kanada gereist war.

Meist milder Verlauf, selten tödlich

Zu den Symptomen der Affenpocken beim Menschen gehören Fieber, Kopf- und Muskelschmerzen und ein Ausschlag, der oft im Gesicht beginnt und dann auf andere Körperteile übergreift. Die meisten Menschen erholen sich innerhalb mehrerer Wochen von der Krankheit, ein tödlicher Verlauf ist selten.

Die vor allem in einigen Regionen Afrikas verbreitete Krankheit wird üblicherweise durch engen Kontakt mit infizierten Nagetieren oder Affen übertragen. Nach WHO-Angaben waren frühere Fälle in der Regel auf Reisen in Gebiete in West- und Zentralafrika zurückzuführen, in denen das Virus bekannt ist. In Nigeria werden seit 2017 vermehrt Affenpocken-Infektionen bei Menschen diagnostiziert. Insgesamt wurden seitdem dort 558 Verdachtsfälle gemeldet, 241 davon bestätigten sich. Acht Menschen starben aufgrund der Infektion.

Auch der erste Betroffene in Großbritannien war aus Nigeria eingereist. Die weiteren aus Großbritannien gemeldeten Patienten haben sich nach bisherigen Informationen in Großbritannien selbst angesteckt. "Das Ausmaß der lokalen Ansteckung ist zurzeit noch unklar und es ist möglich, dass weitere Fälle identifiziert werden", teilte die WHO mit. Auf die Fälle in anderen westlichen Ländern ging sie nicht ein.  

Robert Koch-Institut ruft zur Wachsamkeit auf

Bereits nach den ersten Fällen in Großbritannien Anfang Mai hatte das Robert Koch-Institut (RKI) Ärzte in Deutschland für die Virusinfektion sensibilisiert. In einem vom RKI veröffentlichten Beitrag heißt es, Affenpocken sollten bei unklaren pockenähnlichen Hautveränderungen auch dann als mögliche Ursache in Betracht gezogen werden, wenn die Betroffenen nicht in bestimmte Gebiete gereist seien. Männer, die Sex mit Männern haben, sollten laut RKI bei ungewöhnlichen Hautveränderungen unverzüglich zum Arzt gehen.  

Die UK Health Security Agency teilte mit, Affenpocken seien bisher nicht formell als sexuell übertragbare Krankheit eingestuft. Die Krankheit könne aber "durch direkten Kontakt beim Sex übertragen werden". Nach Angaben der US-Gesundheitsbehörde CDC kann "jeder, unabhängig von seiner sexuellen Orientierung", Affenpocken durch Kontakt mit Körperflüssigkeiten, Wunden oder gemeinsam genutzte Gegenstände wie Kleidung und Bettwäsche verbreiten.

Corona-Maßnahmen helfen laut WHO auch bei Affenpocken

Die WHO wies zudem darauf hin, dass die in der Corona-Pandemie für viele Menschen zur Selbstverständlichkeit gewordene Handhygiene gegen das Risiko einer Übertragung helfe. Dazu gehören gründliches Händewaschen mit Wasser und Seife sowie mit Desinfektionsmittel. Reise- oder Handelsbeschränkungen mit Großbritannien hält die WHO "nach vorliegenden Informationen zurzeit" für unnötig.

Die Pocken bei Menschen gelten seit 1980 nach einer großen Impfkampagne weltweit als ausgerottet. Nach Angaben des RKI haben weite Teile der Weltbevölkerung mittlerweile allerdings keinen Impfschutz mehr. In einem Fachartikel von 2019 hielten drei RKI-Mitarbeiter fest: "Außerhalb von Afrika wurden Affenpocken bei Menschen lediglich dreimal identifiziert: im Jahr 2003 in den USA und im Jahr 2018 im Vereinigten Königreich und Israel." Die meisten Menschen – über 30 Fälle wurden erfasst – steckten sich demnach in mehreren US-Bundesstaaten an.