In den sozialen Medien, da wo moderne Menschen heute leben, konnte man den Rapper Marteria zuletzt sehen, wie er durch den Wald streifte. Auf dem einen Kanal präsentierte er stolz einen frisch gefundenen Maronenröhrling, auf einem anderen warb er zwischen Kiefern für sein nun erscheinendes neues Album. Zwischendurch war er dann mit einem Fan-Pärchen unterwegs, das ein Angelwochenende mit dem Hip-Hop-Star gewonnen hatte, und belegte hingebungsvoll Brötchen mit Fischfilet, Gürkchen und Remoulade. Im Frühjahr hatte er noch ein Video aus einer Kneipe gepostet, Wirt Otto schenkte ein, Marteria und ein Kumpel kippten so lange Kurze, bis sie sich nackig machten und wie Pennäler quer durch den Laden hetzten. Ziemlich genau in der goldenen Mitte zwischen Pils und Pilz ist augenscheinlich also zu finden, was die Figur Marteria und vor allem ihren Erfolg ausmacht.

An der Ostseeküste, da wo der echte Marteria lebt, scheint an einem Spätsommertag eine erstaunlich warme Sonne. Lässt man die Jacke an, kann man auf der Holzterrasse sitzen, Häppchen mit Fisch essen und einer ostdeutschen Normalität nachforschen, der der 38-jährigen Rapper einen Ausdruck gibt wie kaum jemand im deutschen Popgeschäft. Er synthetisiert dabei all die unvermeidlichen Widersprüche souverän, ohne sie ausdrücklich zu problematisieren. "Ich sehe das hier ja gar nicht so richtig als Osten, sondern eher als Norden", sagt er zum Beispiel. "Selbst für viele Ossis ist hier nicht richtiger Osten." Für ihn ist es vor allem eins: zu Hause.

Nur ein paar Meter entfernt schwappt die Ostsee ans Ufer, Spaziergänger parken in der Sackgasse. Das Haus hier hat sich Marteria vor ein paar Jahren gekauft, es ist nicht allzu weit entfernt von seiner Geburtsstadt Rostock. Zuvor hat Marteria seinen gesamtdeutschen Erfolg von Berlin aus navigiert, nun lebt er vor allem wieder in der alten Heimat. Sein neues Album 5. Dimension wird mit allergrößter Wahrscheinlichkeit wie seine Vorgänger trotzdem oder gerade deswegen in die Top Ten der deutschen Charts aufsteigen.

Während der Rest des deutschen Hip-Hops entweder aus einer irgendwie linksalternativen Blase sendet, die sich recht brav um den eigenen Bauchnabel dreht, oder (post-)migrantisch geprägte Parallelwelten verarbeitet, mit der sich die biodeutsche Mehrheitsgesellschaft erschaudern lässt, schafft Marteria problemlos einen ziemlich einmaligen Spagat. Er kann als Gaststar beim Wasted in Jarmen auftreten, dem Festival gegen Rechts, das die vom Verfassungsschutz als linksradikal gewürdigte Punkband Feine Sahne Fischfilet in Vorpommern organisiert, aber ebenso vollkommen unironisch eine Ehrenrettung wie Mein Rostock schreiben. Auf YouTube lässt sich nachsehen, wie ein ausverkauftes Ostseestadion den Song und sein trotziges Beharren auf einer diffusen Ostidentität mitsingt – und also auch die Zeilen, die den rassistisch motivierten Pogrom von Lichtenhagen im Jahr 1992 zumindest relativieren: "Deine Feinde kennen dich genau / Doch sehen in dir nur dein brennendes Haus."

In den zwölf Songs des neuen Albums präsentiert Marteria sich als hemmungsloser Partylöwe und nachdenklicher Intellektueller, verarbeitet seine Kindheit in der DDR, badet in Lokalpatriotismus und gibt sich zugleich als weitgereister Weltenbürger. Mal analysiert er die Situation in Ostdeutschland und stellt fest: "Arbeitslos, wo andere Urlaub machen". Dann erklärt er, dass man die Welt eh nicht ändern kann, um im nächsten Atemzug zu fordern, dass man es trotzdem versuchen sollte. Wen das nicht an aktuelle Diskussionen in diesem Land erinnert, hat nur nicht genau genug hingehört.

"Die Nacht ist der letzte Zufluchtsort"

Es steckt also viel drin in 5. Dimension, das, so sagt sein Urheber, doch vor allem ein Album über die Nacht als eines der letzten Abenteuer sein soll. "Feiern ist nicht einfach feiern, das ist eine neue Welt", sagt Marteria auf seiner Terrasse, "die Nacht ist der letzte Zufluchtsort, an dem Unvorhergesehenes entstehen kann." Andererseits klingen selbst die seiner Songs, in denen die Beats über den Dancefloor rattern, seltsam schaumgebremst und melancholisch.

Die Widersprüche ziehen sich nicht nur durch die Musik, sondern auch durch Marterias Leben und seine Karriere. Aus Marten Laciny, so sein bürgerlicher Name, hätte auch gut ein Profifußballer werden können, er durchlief die Jugendmannschaften von Hansa Rostock und hatte es sogar bis in die deutsche U17-Auswahl geschafft, bevor eine Verletzung die Sportlaufbahn beendete. Laciny brach auf nach New York, arbeitete als Modell, schloss eine Ausbildung an der Schauspielschule ab. Und wurde dann irgendwie Rapper. Als solcher teilt er die Widersprüche gleich praktischerweise auf zwei von ihm selbst erschaffene Figuren auf: den ernsthaften, bisweilen pathetischen Marteria und auf Marsimoto, der mit hysterisch hochgepitchter Stimme kaum einen Rausch auslässt. Die beiden Rapper-Seelen in Brust und Kopf Lacinys veröffentlichen seit Mitte der Nullerjahre brüderlich im Wechsel ihre Alben, jetzt ist gerade wieder Marteria dran.

Und der hängt ganz schön durch. "Bin längst drüber, alles im Wurmloch", sprechsingt er in Paradise Delay, zu dem Koze die Beats beigetragen hat. Weiter geht es: "Morgen kann alles vorbei sein, davor trenn' ich noch das Meer in Rot- und Weißwein." Tatsächlich hat schon lange niemand mehr so schön den Exzess besungen, der während der Corona-Zeit so lange ausfallen musste. Drei Tage lang ist der Protagonist von Paradise Delay im Nachtleben unterwegs, gutes altes, schönes Drei-Tage-Wach also, er fragt sich, ob er sich erst im achten oder schon im neunten Club befindet, huldigt dem DJ und den ikonischen Rhythmusgeräten Roland TR-808 und TB-303. Und stellt schließlich fest: "Die Barkeeper kratzen die Reste von den Tischen, der Einzige, der hier noch Action macht, bin ich / Den Absprung nicht schaffen, da gibt es keinen besseren als mich."