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Ich fahre auf Lesereise nach Namibia! Man schmunzelt, hält es für einen meiner besonders schwachen Witze. Ist es aber nicht, ich bin eingeladen nach Deutsch-Südwestafrika, in das ehemalige Schutzgebiet, in das heutige Namibia und ich denke, dass es ein bisschen gruselig ist. Da war dieser schreckliche Genozid, da wird um Reparationszahlungen gestritten, womöglich sitze ich im selben Flugzeug mit Frank-Walter Steinmeier, ratlos und überfordert wir beide. Das Auswärtige Amt hat mich bestimmt für die Reise auserkoren, weil das Land voller alter Nazis ist, und ich soll ihnen den Garaus machen. Warum sonst?

Was interessiert die Namibier dort "1700 Jahre Juden in Deutschland?"

Ganz abgesehen davon, dass die Juden schon viel früher nach Deutschland gekommen sind, nämlich mit den Römern, und es Deutschland noch gar nicht so lange gibt. Aber ich bin ja keine Historikerin und will nicht kleinlich sein. Wir feiern 1700-jähriges Jubiläum, ich darf deshalb nach Namibia. Punkt.

Erst mal fällt meine und Herrn Steinmeiers Reise im Juni ins Wasser, die Covid-Zahlen sind im namibischen Winter zu hoch. Ich habe also Zeit, mich einzulesen. Eine Quelle beschreibt Lothar von Trotha, den preußischen General und Kommandeur der Schutztruppe in Deutsch-Südwestafrika, als machtgierig und beratungsresistent. Er schlägt den Aufstand der Hereros und Namas nieder, das klappt nicht gleich. Da er sich auf keinen Fall eine militärische Blöße vor Deutschland geben will, jagt er die Menschen in die Wüste Omaheke. Dort verdursten Männer, Frauen und Kinder. Die Überlebenden werden in Konzentrationslagern inhaftiert, nur jeder zweite überlebt. Zu rassenkundlichen Untersuchungen, die sich ab der Jahrhundertwende großer Beliebtheit erfreuten, werden Köpfe nach Deutschland gesandt. Professor Karl Einhäupl, bis 2019 Chef der Charité in Berlin, erzählt mir von den Festivitäten rund um die Rückgabe der gestohlenen Köpfe und um sein Bemühen, eine Entschuldigung zu formulieren, wenigstens als Mensch und Wissenschaftler. 2021 schließlich gibt es die offizielle Entschuldigung der Bundesregierung, damit die Anerkennung der Schuld, und der Weg zu Reparationszahlungen steht offen. Seitdem wird um die Summe gerungen.

Mir wird flau, KZ, Reparationszahlungen, Rassenkunde, Deutsche, Genozid, 80.000 Tote. Das Repertoire klingt allzu vertraut.

Im Oktober kann ich meine Reise endlich antreten, ich finde mich im namibischen Frühling in der Wüste wieder. Ohne Steinmeier, der auf die Regierungsbildung wartet und auf die adäquate Entschädigungssumme, die es zu zahlen gilt. Im Flugzeug ausschließlich Europäer, die nach Afrika möchten, in den Booten vor der Küste Afrikaner, die nach Europa fliehen, denke ich. Es verspricht, kompliziert zu werden. Ich bin unruhig, voller Vorurteile und Ressentiments. Als hätte ich nicht genug mit der Shoah zu tun, nun auch noch die deutsche Kolonialgeschichte? Namibia ist dreimal so groß wie Deutschland und hat an die 2,5 Millionen Einwohner. In einem Pick-up fahre ich durch die Wüste, die unendlich ist, mal hell und flach, mal bergig und rot und immer ohne Wasser.

Mein Schulfreund Paul, zufälligerweise ein Namibia-Experte und Reiseveranstalter, begleitet mich. Zeigt mir die Gedenkstätte am Waterberg, erklärt mir, warum die Wüste brennt, und führt mich mit einem Jeep zu den Big und Small Fives. Wir wechseln uns beim Fahren ab, die Sandpisten sind gewöhnungsbedürftig und endlos. An den wenigen Wasserlöchern sehen wir Elefanten, Zebras, Löwen und Kudus, die man abends zu essen bekommt, neben dem Fleisch von Oryxantilopen.

Nachdem Namibia eine deutsche Kolonie gewesen war, fiel es in die Hände Südafrikas und lange Jahre herrschte Apartheid. Die ist offiziell vorbei, ganz aber nicht aus dem Bewusstsein aller verschwunden. Ich treffe Namas, Hereros und Ovambas. Die Himbas ziehen immer weiter in den Norden, des Wassermangels wegen. Es gibt noch zehn weitere Stämme, die jeweils eine andere Sprache sprechen.

Wer von ihnen hat Anspruch auf Restitution? Wessen Vorfahren sind getötet worden? Wie viel soll es sein? Wie soll es berechnet werden? Man ist sich nicht einig, im Gegenteil, es wird gestritten, in der Regierung werden die Grabenkämpfe immer vehementer.