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Ich schreib an Sie – muss ich’s begründen? Ich weiß, zu spät, doch bemühe ich mich. Sagt dies nicht mehr, als Worte tun? Auch wer sich verspätet, kann leiden. Sie sind für immer fortgegangen und haben uns Leid hinterlassen. Haben Ihr Publikum regelrecht ins Elend gestürzt. Ich hatte Angst, dies niederzuschreiben...

Ich sehe, wie Sie der heilige Petrus auf Zehenspitzen begleitet, mit Ihnen durch den Himmel schreitet, fühlen Sie sich schon besser? Stört die Himmelspolitik Sie nicht? Sind Sie nicht empört, murren Sie nicht, schwärmen Sie nicht (ständig für jemand anderen)? Die haben Sie nie verdient. Schön sind Sie in meinen Augen, Ihre Haare wehen im Wind. Kräuseln sich hinterm Ohr, wo Sie Ihren Bleistift trugen, wenn Sie in die Arbeit vertieft waren. Kämmen Sie sie nur nicht, ich bitte Sie! Ist auch dort Sommer? Oder schwirren die Viren? Fühlen Sie sich eingesperrt? (In meiner Vorstellung ist das Himmelreich frei, luftig, strahlend, und natürlich wahnsinnig ungerecht.)

Stellen Sie sich vor, hier ist die Liebe jetzt verboten. Nur in Handschuhen erlaubt. Die Berührung, der Kuss auf die Haut. Die Leckereien, das Schlecken (zwei Ihrer Lieblingsworte aus der Harmonia Cælestis). Das Reden, Freundschaften. Verboten. Wir könnten ohnehin nur telefonieren, natürlich, wenn Sie sich vorher die Zähne putzen. Dann können sie ruhig lachen.

Ich sehe, Sie schlendern jetzt weiter, mit gesenktem Kopf. Habe ich Sie verletzt? Gestikulierend reden Sie weiter auf den heiligen Petrus ein. Zähle ich denn gar nicht? Verachten Sie mich? Wenn ich ein Mann wäre, würden Sie mich dann anschauen? (Könnte ich ja sein.)

Eine Krypta ist die Welt geworden, das können Sie mir glauben, auch ich sehne mich in den Himmel. Wie muss man sterben? Ich bitte um das Rezept!

Ich liebe Sie. Jetzt habe ich es hingeschrieben, so wie es sich gehört. Hören Sie schon her! Hallo! Was ist wohl stärker, die Liebe oder der Krebs? Die ganze Nacht habe ich mich damit herumgeschlagen. Beides stinkt und ist niederträchtig. Vernichtet, tötet, schmachtet. Zieht in unsren Magen ein. Nagt an uns. Wächst und breitet sich aus, bis es einen verzehrt. Jacke wie Hose. Wir sind unrettbar. Ich wusste, Sie würden daran sterben. Aber auch dann gestehe ich Ihnen, was ich fühle.

(Selbst wenn Sie leben würden, könnten wir uns nicht treffen, nur mit Maske. So schlendern Sie wenigstens den ganzen Tag durch den Himmel. Ich sehne mich so, Sie zu sehen, zu berühren, anzufassen. Mit Haut und Haar.)

Kaum sind Sie fortgegangen, fehlen Sie mir schon. Dünn waren Sie (vom Krebs), Ihre wunderschönen Haare verschwunden (vor Liebe für das Fräulein Krebs). Ihre Haare waren Ihr Markenzeichen. An ihnen habe ich Sie erkannt. Ich mochte Ihre Haare (Ihren Rücken, Ihre Beine, Zähne, Zunge, Worte, Hilfsverben). Sogar mit Ihren Haaren verliehen Sie den Dingen Ausdruck. Andächtig wartete ich auf Sie.