In diesen Tagen saßen Geist und Macht an einem Tisch. Die Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt lud die Autorinnen Simone Buchholz, Mithu Sanyal und den Autor Dmitrij Kapitelman zu einem Gespräch. "Ich unterstütze es, einen neuen diskursiven Raum zwischen Parlament und lebendiger Sprache zu öffnen. Poesie kann dazu einen wichtigen Beitrag leisten", sagte die Grünenpolitikerin. Die Schriftstellerinnen und der Schriftsteller hatten jüngst eine Parlamentspoetin nach kanadischem Vorbild gefordert, diese sei "ein starkes, leuchtendes, zärtliches Element, mit dem sich die Menschen identifizieren könnten". Es war ein seltener Anblick versöhnter Gegensätze. Denn die Skepsis der Literatur gegenüber der staatlichen, ja überhaupt politischen Wirklichkeit hat in Deutschland eine lange Tradition. Politische Dichtung wird den Geruch der Anbiederung an die staatliche Macht nicht los.

Der Einspruch ließ darum nicht lange auf sich warten. Die Autorinnen Dana von Suffrin und Tijan Sila erwiderten in der Süddeutschen Zeitung, dass das Amt der Parlamentspoetin fast zwangsläufig in "Politkitsch" münde. Literatur im Staatsauftrag diene letztlich der volkspädagogischen Belehrung. Ein Einwand, der die konstitutive Autonomie der Kunst verteidigt. Ihm liegt die Annahme zugrunde, dass sich das subversive Potenzial, wodurch Literatur politisch wirken könne, aus ihrer Unabhängigkeit speise. Ein anderes Gegenargument zielte stärker auf die vermeintliche Dekadenz der staatlichen Machtelite, die mit "billiger Fassadenwerbung" in poetischer Form von den drängenden Problemen und Nöten der Bevölkerung ablenke, wie Jörg Wimalasena in der taz kritisierte.

Was in der streitbaren Figur der Parlamentspoetin ohne Zweifel sichtbar wird, ist die Ambivalenz politisierter Literatur. Will Poesie sich engagieren, wird ihr sogleich Parteinahme unterstellt. Eine "Tendenzdichtung" wird den Verdacht nicht los, dass sie all die schillernden Mehrdeutigkeiten absorbiert, die Anschlüsse für eine vielfältige und diverse Leserschaft bieten könnten. Gleichzeitig überführt politisierte Literatur die Idee ästhetischer Reinheit ihrer eigenen Unglaubwürdigkeit. Eine Poetik der Unabhängigkeit, die eine Loslösung der Literatur von allen sozialen Bindungen fordert, leugnet, auf gesellschaftliche Einbettung angewiesen zu sein – als Bedingung der Möglichkeit ihrer Freiheit. Immerhin garantieren bis heute sozialpolitische Arrangements – man denke etwa an die Künstlersozialkasse – den Sonderstatus von Autorinnen und Autoren.

Dies ist die Misere, die dem Verhältnis von poiesis und polis, von Poesie und staatlicher Macht, innewohnt. In Deutschland hat sich nicht erst seit dem 20. Jahrhundert ein tiefer Argwohn der Dichter gegenüber dem Staat festgesetzt. Die beispielhaften Sätze, die Goethe im Jahr 1832 an seinen Vertrauten Eckermann richtete, hallen bis in die Gegenwart nach: "Sowie ein Dichter politisch wirken will, muss er sich einer Partei hingeben, und sowie er dieses tut, ist er als Poet verloren; er muss seinem freien Geiste, seinem unbefangenen Überblick Lebewohl sagen und dagegen die Kappe der Borniertheit und des blinden Hasses über die Ohren ziehen." Poesie und Politik betreten hier als Antipoden die Bühne der bürgerlichen Öffentlichkeit, die Freiheit des Wortes wird der engstirnigen politischen Meinung entgegengesetzt. Der Dichter wird zu einem Parteigänger der Allgemeinheit, er hat sich von politischen Partikularinteressen freizumachen.

Das Ideal poetischer Distanz muss aber nicht zwangsläufig progressive, aufklärerische Züge tragen. Hinter der proklamierten Staatsferne kann ebenso ein Staatsideal verborgen liegen, welches das Volk durch eine Geistesaristokratie zu erretten sucht. Im 19. Jahrhundert reagierte etwa ein Teil des Schriftstellerstandes auf seine gesellschaftliche Deklassierung mit dem anachronistisch wirkenden Bild eines übergeordneten "Dichterfürsten", der die heimliche Macht im Staat verkörpern sollte. Die Geste der Lossagung, über die sich die moderne Literatur definiert, kann bisweilen in Gegenaufklärung umschlagen.

Außer Frage steht, dass die Staatsskepsis berechtigte historische Gründe hat. Immer wieder mussten sich Schriftstellerinnen und Schriftsteller vor der Gefahr hüten, staatlich vereinnahmt und für fremde Zwecke instrumentalisiert zu werden. Das vergangene "Zeitalter der Extreme" (Eric Hobsbawm) kann deshalb auch als ein Kampf um die Unabhängigkeit der Poesie gelesen werden, die qua ihrer Autonomie zu einer politischen Stimme wurde.

Mit der Politisierung der Literatur um 1968 wurde die Frage, woraus sich der politische Gehalt von Literatur letztlich speise, zu einer Kernfrage ästhetischer Debatten. Man wollte die alte Opposition von Kunst und Politik überwinden, ohne dabei in das Fahrwasser einer funktionalistisch verengten Tendenzdichtung zu geraten. Das utopische Potenzial der Poesie rührt gerade daher, dass sie sich einer vollständigen Unterordnung unter fremde Mächte entziehe. "Im Protest spricht das Gedicht den Traum einer Welt aus, in der es anders wäre." Das Diktum Theodor W. Adornos formulierte die verbindende Maxime politischer Ästhetik über politische Lager hinweg. Gerade die Abwesenheit des Politischen machte den politischen Gehalt von Literatur aus.