Manchmal stirbt einer als Künstler aus seiner Zeit heraus, und manchmal ist diese Zeit schon vor dem Tod abgelaufen. Die Zeit von Herbert Achternbusch, der jetzt im Alter von 83 Jahren gestorben ist, war schon länger vorbei, was er gewusst haben muss, denn aus der Öffentlichkeit hatte er sich schon ebenso lange zurückgezogen. Einer wie er bestimmt den Zeitpunkt seines Vorbeiseins selbst.

Er war ein schöner und zänkischer Mann, der seine Karriere auf sein Genie aufbauen wollte. Er war ein deutscher Filmemacher, dessen Werk zum Skurrilsten gehört, was hierzulande gedreht wurde. Man könnte vielleicht höchstens noch Hans-Jürgen Syberberg danebenstellen (der etwas ganz anderes wollte, aber seiner eigenen Skurrilität ebenso wenig entkam). Und natürlich – ästhetisch näher dran, aber fast schon in einer anderen Zeit – Christoph Schlingensief.

Er war der Maler oft zärtlich hingetuschter Arbeiten, die ebenso beklemmend wie bunt-befreiend sein konnten. Und er war ein von Martin Walser Ende der Sechzigerjahre an den Suhrkamp Verlag vermittelter Schriftsteller, der das Schreiben als ebenso heroischen wie solipsistischen Akt begriff und sich in einem Band auf den nächsten weigerte, über sich selbst hinauszugehen.

Herbert Achternbusch folgte dem Modell Perlenauster: Am Schmerz einer Verletzung setzt sich das Perlmutt ab und bildet Kunstschönheit. Aber Achternbuschs Perlen blieben immer durchschossen von der Wut darüber, dass das Leben ihm überhaupt einen Schmerz zugemutet hatte. Er wehrte sich mit sportlich kampfbereiten Buchtiteln wie Die Alexanderschlacht und Die Atlantikschwimmer. Schmerz fordert Widerstand.

Ein Wüterich. In einer Männerwelt. Es herrscht ein klassischer Geniebegriff, bei begrenztem Geniebedarf. Man muss sich durchsetzen. Imponiergehabe und das, was man hilflos "künstlerische Sensibilität" nennt, werden zu einem Werk verschmolzen. Ein Schmied ist man als Künstler und schwingt einen schweren Hammer über dem glühendem Eisen. (In Bayern, wo ein Mann sowieso ein Kraftkerl zu sein hat, ist dieser Hammer natürlich besonders schwer.) Man ist irgendwie Held einer Wagner-Oper, aber man ist auch zu klug, sich dabei ganz ernst zu nehmen. Man ist ein Wagner-Clown.

Melancholische Wirtshausschlägerei

Nett sein muss man dabei nicht, weder zur Konkurrenz noch zu Frauen. Nichtnettigkeit wird geradezu erwartet – so das damals gültige Erfolgsmodell, das Herbert Achternbusch sich zu eigen gemacht hat. Als Schmerzensmann, aber eindeutig als Mann. Dabei hat er von unten nach oben gebissen – wobei unten dort war, wo er war, sodass er immer beißen durfte. Der Spontispruch "Du hast keine Chance, aber nutze sie" wird oft ihm zugeschrieben, aber vielleicht hat er ihn sich auch angeeignet.

Geehrt zu werden ist für so einen schwierig. Als man ihm anno 1977 Hubert Burdas Petrarca-Preis zusprach und Peter Handke bei der Verleihung die Laudatio hielt, hat Achternbusch aus der Veranstaltung eine große Wagner-Clownsnummer gemacht. Darüber ist ein geradezu himmlischer Bericht von Wolfgang Limmer im Spiegel erhalten, ein Sittenbild bundesrepublikanischer Hochkultur zu Zeiten der Schleyer-Entführung. Es war schon von Anfang an schwierig gewesen, aber bei der abendlichen Achternbusch-Filmvorführung war die Stimmung offenbar nicht mehr zu retten: "'Leckts mich doch am Arsch, mit eurem Cicero', schrie [der Preisträger], 'und mit eurem Petrarca. Der hat sein Schwanz auch nur überall reingängt. Ich hasse euch Lächerlichkeiten, ihr Pack ohne Mehrheit!' Dabei stürzte er den Projektor vom Sockel, und Hubert, der arme Hubert Burda, jammerte um die 3.000 Mark Schaden. Achternbusch warf mit Geschirr ... Wer ihn beruhigen wollte, bekam Schläge."

Den Scheck mit dem Preisgeld soll er entweder zerrissen oder verbrannt haben. Die Zeitzeugen, auch jene, die von Homer kamen, waren der Überlieferung nach alle betrunken. Auf der Webseite des Petrarca-Preises wird Achternbusch aber weiter als Preisträger geführt.

Die obige Schimpfkanonade könnte eins zu eins aus einem seiner Drehbücher stammen. Die Achternbusch-Filme – wie zum Beispiel Bierkampf – gingen aus bübischen Komplizenschaften hervor; man arbeitete in einer Art Familienbetrieb. Es wurde versucht, als unerträglich empfundene bayerische Zustände in einer Art melancholischer Wirtshausschlägerei von Mann zu Mann niederzuringen, und in seinen besten Momenten erinnerte der Regisseur als sein eigener Hauptdarsteller an Buster Keaton. 

Am weitesten über sich selbst hinausgegangen ist Herbert Achternbusch vielleicht in ein paar staunenswert zarten Theatertexten wie Ella, Susn oder Gust – da schimmerten neben der Wut die Trauer und die Liebe vielleicht am hellsten durch. Das königliche Bundesland Bayern hat trotzdem versucht, von ihm zu verbieten und zu unterbinden, was immer es konnte, oft mit Erfolg. Die Filmkritik hat sich im Gegenzug manchmal fast etwas zu ergriffen vor ihn gestellt. Seine Heimatstadt München hat ihn auch eher geschützt – je älter er wurde, desto entschlossener.

Ein kleinerer Großkünstler ist gestorben, ein ganz Großer unter den Kleinlichen und einer, ohne den Bayern zu seiner Zeit ganz bestimmt kaum auszuhalten gewesen wäre. Heute wäre aus einem wie ihm nichts mehr geworden, und das ist weder gut noch schlecht. Es ist einfach so, weil die Zeit vergeht.

Aber es ist gut, dass es ihn gegeben hat, und über seine Zeit lernt man aus seinem Werk viel.