Der Verräter sei endlich enttarnt, nach fast 78 Jahren. Das Geheimnis, wer im Sommer 1944 Anne Frank den Verfolgern ausgeliefert habe, wer eine Mitschuld am Tod des Mädchens, ihrer Schwester und der Mutter sowie vier anderer Juden trage, sei gelüftet. Mit dieser sensationellen Enthüllungsgeschichte hat ein internationales Cold-Case-Team in den vergangenen Tagen weltweit Schlagzeilen gemacht. Nun ist mit The Betrayal of Anne Frank ein Buch über dessen Arbeit erschienen, das von Historikern bereits stark kritisiert wird.

Anne Frank gehört weltweit zu den bekanntesten Opfern der Shoa. Sie wurde in Frankfurt am Main geboren und floh mit ihrer Familie vor den Nationalsozialisten in die Niederlande, erlebte Verfolgung und schrieb eindringlich über ihre Ängste und Hoffnungen. Das Tagebuch, das sie in den mehr als zwei Jahren in ihrem Versteck in der Amsterdamer Prinsengracht 263 führte, lesen Schüler und Schülerinnen noch heute in zahlreichen Ländern im Unterricht. Die Zeilen machen gerade Jugendlichen deutlich, was Antisemitismus, Rassenwahn und Verfolgung für die Opfer bedeutet. Im August 1944 – die Amerikaner waren bereits in Italien und in Frankreich gelandet, die Rettung war so nah – wurden Anne Frank, ihre Familie und vier weitere Untergetauchte von zwei niederländischen Polizisten und einem SS-Mann aus Österreich aufgespürt und festgenommen. Mit nur 15 Jahren starb das Mädchen im KZ Bergen-Belsen. Wie es zur Entdeckung des Verstecks kam, blieb ein Rätsel.

Nun haben 23 Ermittlerinnen und Ermittler nach fünf Jahren Arbeit unter der Leitung  des früheren FBI-Agenten Vince Pankoke und dem niederländischen Journalisten Pieter van Twisk einen Täter benannt. Doch nach der Lektüre des Buches muss man feststellen: Es gibt weiterhin keinen Beweis dafür, dass die Franks und ihre Freunde verraten wurden, und keinen belastbaren Hinweis, von wem.

Die Recherchen des Teams hat die kanadische Sachbuchautorin Rosemary Sullivan begleitet. Ihr Enthüllungsbuch The Betrayal of Anne Frank ist vor wenigen Tagen auf Englisch und Niederländisch erschienen und kommt am 22. März auch auf Deutsch in den Handel (Der Verrat an Anne Frank). Darin beschreibt Sullivan, wie die Ermittler den Verräter finden – zumindest gehen sie davon aus, den Schuldigen gefunden zu haben. Sie bezichtigen Arnold van den Bergh, dem Sicherheitsdienst der SS (SD) einst die brisante Information gegeben zu haben, wo sich die acht Juden versteckt hielten. Der Jurist, Anwalt und Notar van den Bergh war Mitglied des Judenrates von Amsterdam und soll im Sommer 1944 per Telefon die Deutschen zur Prinsengracht geführt haben. Der Judenrat allerdings war bereits im Vorjahr aufgelöst worden. Und ob van den Bergh überhaupt von den Franks und den anderen wusste, dafür gibt es keinen Beleg.

Bis es zu solch spannenden Fragen und zur Identität des vermeintlichen Täters kommt, dauert es im Buch jedoch fast unerträglich lang. Sullivan macht es ihren Lesern nicht leicht. Sie nutzt ein wenig die Columbo-Methode, benennt das Verbrechen, also den Verrat, und versucht dann, langsam Spannung aufzubauen, indem sie häppchenweise die Arbeit der Detektive rekonstruiert. Doch zunächst beschreibt sie langatmig, wie sie in Amsterdam ankommt, wie sie zu dem Projekt stößt, was den Regisseur Thijs Bayens angetrieben hat, den Fall der Franks noch einmal untersuchen zu lassen. Schließlich gab es in den vergangenen Jahrzehnten bereits mehrere umfangreiche Versuche, einen möglichen Verräter zu entlarven. Dass Anne-Frank-Haus in Amsterdam kam beispielsweise schon vor einigen Jahren zu dem Schluss, dass es auch einfach Zufall gewesen sein könnte, wie die Schergen auf das Versteck stießen.

Zwei Kapitel braucht die Autorin, bis sie zu den eigentlichen Ermittlern kommt. Im dritten Kapitel stellt sie das "Cold Case Team" vor. Das Ganze wirkt wie eine dieser amerikanischen True-Crime-Sendungen, in denen ein Prominenter einen ungelösten Fall aufrollt – und nach vielen Irrungen und Wirrungen einen Täter vorweist. Meist werden Indizien und Vermutungen dabei wild gemischt, um Thesen glaubhafter erscheinen zu lassen. Ein wenig wirkt es auch in Sullivans Buch so.

Bei der Lektüre von The Betrayal of Anne Frank spürt man durchaus den Drang, kräftig vorzublättern, um endlich etwas Handfestes über den mutmaßlichen Verräter zu erfahren. Aber Sullivan berichtet detailliert über sämtliche Spuren, die das Team am Ende doch nicht weiterbringen. So erzählt sie wortreich, wie eine Rechercheurin von Amsterdam nach Marbach fährt (bei schlechtem Wetter), in ein (fast menschenleeres) Hotel kommt und (nach einem Missverständnis) die Akten einsehen kann. Das Deutsche Literaturarchiv in Marbach ist weit über Europa hinaus bekannt und eine exzellente Adresse, Abertausende Forscher haben dort bereits gearbeitet, doch Sullivan versucht selbst diesen Archivbesuch dramatisch aufzuladen. Diese Art des Erzählens stört. Auch Marbach bringt die Recherche nicht wirklich weiter.

Zudem stimmen Sullivans Fakten nicht immer. Sie schreibt, Vught sei das einzige Konzentrationslager gewesen, das die SS westlich von Deutschland betrieben habe. Doch im Elsass, das von den Deutschen besetzt war, gab es das berüchtigte KZ Natzweiler-Struthof, mit vielen Nebenlagern in Lothringen und dem Elsass. Und sogar auf der von der deutschen Wehrmacht besetzten britische Kanalinsel Alderney gab es ein Außenlager des KZ Neuengamme. Für die Schlacht an der Somme, an der Otto Frank im Ersten Weltkrieg teilgenommen hatte, nennt Sullivan 1,5 Millionen Verluste. Tatsächlich waren es eine Million vermisste und getötete Soldaten. Über den SD-Mann, der die Franks festnahm, Karl Silberbauer, schreibt Sullivan, er sei kurz nach dem Krieg vom Bundesnachrichtendienst angeworben worden – der entstand aber erst später. Vermutlich dürfte es sich um die Operation Gehlen gehandelt haben, in der viele Agenten vom Sicherheitsdienst der SS oder anderer Sicherheitsbehörden des sogenannten "Dritten Reiches" unterkamen.

Gerade bei Silberbauer hätte sich ein genauer Blick jedoch empfohlen, denn er ist der entscheidende Protagonist für die Recherche nach einem Verräter: Die gesamte These, Anne Frank und die sieben weiteren Menschen im Hinterhaus seien denunziert worden, geht von ihm aus. Silberbauer behauptete nach dem Krieg, dass sein Vorgesetzter den Anruf eines Informanten erhalten habe, woraufhin er, Silberbauer, mit drei niederländischen Kollegen gegen die versteckten Juden in der Prinsengracht vorgegangen seien.

In seiner ersten schriftlichen Erklärung nannte Silberbauer einst "einen Holländer" als Anrufer. "Seine Aussagen sind jedoch nicht widerspruchsfrei. Später erklärt er, er sei sich nicht sicher, ob es einen Anruf gegeben und wer angerufen habe", stellt das Anne-Frank-Haus fest. Das ist dort online nachzulesen, ebenso für wie unzuverlässig sich die Aussagen Silberbauers erwiesen: "Einem Journalisten der Zeitung De Telegraaf zufolge sagt Silberbauer, der Anrufer sei der Lagerarbeiter Willem van Maaren gewesen." Der Angestellte der Firma, die Otto Frank in Amsterdam geleitet hatte, wurde jedoch nach späteren Ermittlungen entlastet. All das ist längst bekannt.